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Verstorbener Linkin-Park-Sänger:Nirgendwo steht, dass eine Band kein Marketing betreiben darf

Es ist billig, sich über Linkin-Park-Anhänger lustig zu machen, die vielleicht noch den Rucksack mit dem Bandlogo-Aufnäher in der Ecke des Kleiderschranks liegen haben. Kunst muss sich nicht an ungeschriebene Regeln, Traditionen oder Genregrenzen halten. Und es steht auch nirgendwo geschrieben, dass eine Band kein Marketing betreiben darf, das möglichst viele Menschen erreichen soll, wenn sie ernst genommen werden will.

Linkin Park werden oft dem Crossover oder Nu Metal zugerechnet. Da wirkt es besonders paradox, dass ihnen Experimente jedweder Art übelgenommen werden. Über eine musikalische Kollaboration aus dem Jahr 2004 heißt es in dem erwähnten Puls-Artikel: "Auf ihrem Weg schafften sie es unter anderem auch noch, die Rap-Legende Jay Z in ihre Fänge zu ziehen und der Welt ein Songgeschwür namens 'Numb/Encore' zu hinterlassen." Und in jüngerer Vergangenheit wurde der Band vorgeworfen, in den Popkitsch abzurutschen.

"One More Light" heißt das aktuelle Album. Auf der gleichnamigen Single fehlen harte Gitarrenriffs, die Musik plätschert so beruhigend dahin, dass der Song auch problemlos in jedem Yoga-Studio laufen könnte. Dazu passend zeigt das Albumcover Kinder, die in den Wellen spielen, im Hintergrund geht die Sonne unter. Ja, das ist weit entfernt von den Anfängen der Band, aber es sind eben auch 20 Jahre vergangen. Oder wie es Bennington im Dezember 2016 in einem Interview mit der Webseite Teamrock.com formulierte: "Wir sind keine Heranwachsenden mehr, die unter Teenager-Angst leiden, sich fragen 'Warum ist die ganze Welt gegen mich?', und einen Weg suchen, sich auszudrücken." Soll heißen: Jeder wird älter, das gehört dazu. Auch bei Hardrockern.

"Wir sind alle anständige Leute, das macht mich stolz"

Zum Klischee-Rocker taugte Bennington ohnehin nie. Dazu war er zu schmächtig, seine Stimme zu jungenhaft, der ganze Typ zu normal. Bennington war in zweiter Ehe verheiratet, er hinterlässt insgesamt sechs Kinder. In den vergangenen Jahren erfüllte er sich einen Jugendtraum - kein teurer Oldtimer und auch keine exklusive Yacht. Nein, der Musiker sprang als Sänger bei den Stone Temple Pilots ein, seinen musikalischen Vorbildern.

Doch Benningtons Leben war Linkin Park. Im Gespräch mit Teamrock.com sagte er: "Wir sind keine Klischee-Rockband, in der jeder auf Drogen ist. Wir sind alle anständige Leute, das macht mich stolz."

Wenn Bennington von "wir" sprach, meinte er damit wohl vor allem seine Band (Mike Shinoda, Brad Delson, Phoenix Farrell, Joe Hahn und Rob Bourdon). Er selbst sei zwei verschiedene Personen, erklärte Bennington im gleichen Interview. Seine Bandkollegen hätten das einmal so beschrieben: Da gebe es Chester, aber auch "diesen verdammten Typen". Dieser Typ kämpfte gegen Alkohol und Drogen. Und ergab sich ihnen oft. Warf an besonders dunklen Tagen bis zu elf Mal LSD ein - für den Anfang. "Ich hab' dazu einen Haufen Crack geraucht, ein bisschen Meth genommen, und dann saß ich einfach nur da und bin ausgeflippt. Also hab' ich Opium geraucht, um runterzukommen", erzählte Bennington über jene Zeiten, in denen die Sucht die Oberhand hatte. Auch über seine Depressionen sprach der Musiker öffentlich, und darüber, dass er als Kind sexuell missbraucht worden war.

Es hat eine besondere Tragik, dass der Sänger nun im Tod eines der zynischeren Vorurteile über angeblich "echte Rocker" bestätigt: Bennington wurde mit 41 Jahren tot in seinem Haus in einem Vorort von Los Angeles aufgefunden. Als Todesursache wird ein Zusammenhang mit Benningtons Sucht- und psychischen Erkrankungen vermutet. Vor einigen Wochen hatte er noch bei der Trauerfeier für seinen verstorbenen Musikerfreund Chris Cornell gesungen, "Hallelujah" von Leonard Cohen.

In einem seiner letzten Interviews appellierte Bennington, Musikstars mehr als Menschen zu sehen. "Die Idee, dass Erfolg auch Glück bedeutet, macht mich wütend. Es ist irrwitzig anzunehmen, dass du immun bist gegenüber der ganzen Bandbreite menschlicher Erfahrungen, nur weil du erfolgreich bist."

Anmerkung der Redaktion: Wegen der wissenschaftlich belegten Nachahmerquote nach Selbsttötungen haben wir uns entschieden, in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Dann gestalten wir die Berichterstattung bewusst zurückhaltend und verzichten, wo es möglich ist, auf Details. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. Den allermeisten Menschen mit Depressionen kann geholfen werden. Deshalb ist es wie bei jeder anderen Erkrankung entscheidend, sich rasch professionelle Hilfe zu holen.

© SZ.de/joku
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