bedeckt München 16°

Verstorbener Altkanzler:Rekreation fürs Gemüt

Und doch gibt es eine unmittelbare Verbindung zum politischen Alltag. Bei den täglichen Konferenzen im Kanzleramt war er gefürchtet, weil er einfach immer am besten vorbereitet war. Und es nicht ausstehen konnte, wenn es sich andere damit zu leicht machten.

Auch deshalb muss er die Situation im Plattenstudio als einen glücklichen zwischenmenschlichen Zustand empfunden haben. Denn ohne gute, ja bestmögliche Vorbereitung blamiert sich hier jeder gleich selber, ohne dass er von anderen stigmatisiert werden muss.

Aber dann gab es da doch noch viel tiefergehende Gründe, warum Helmut Schmidt die Musik für sich nicht nur mal so als Hobby entdeckt hat, sondern ein Leben lang als kategorial empfunden oder erkannt hat.

Er hat es nie selber formuliert, hat sich bei entsprechender Nachfrage auf Johann Sebastian Bach berufen, der gesagt habe, Musik sei Rekreation fürs Gemüt. Aber wie sehr sie das sein kann, wie sie sogar Kriegstraumata mildern und über sie hinweghelfen kann, das ist selber schon wieder eine solch intime Angelegenheit, dass Helmut Schmidt der letzte gewesen wäre, der sich großspurig darüber ausgebreitet hätte.

Klar war, dass man um der optimalen musikalischen Wirkung willen selber aktiv werden musste, Fähigkeiten schon sehr lange Zeit vorher und allein aus sich heraus mit Disziplin, Konzentration, Beharrlichkeit und schier grenzenloser Ausdauer entwickeln musste, bevor sie akut gefragt waren. Aber das war ja ohnehin sein Grundcharakter.

Am Ende dafür geradestehen

Dass man die Dinge selber in die Hand nimmt, selber dafür aufsteht und am Ende auch dafür geradesteht. Und es klingt kein bisschen Eitelkeit oder Didaktik aus dieser Anstrengung, sich selber ans Klavier zu begeben und sich einer kritischen, womöglich hämischen Öffentlichkeit auszusetzen.

Vielleicht waren diese Augenblicke die intimsten, die Helmut Schmidt jemals der Öffentlichkeit gezeigt hat. So sehr hat er der Musik vertraut, dass er in diesem Moment, in Zeiten sehr persönlicher politischer Auseinandersetzungen, sich einmal ganz geöffnet hat. Ein Schelm, wer denkt, er habe gewusst, dass die politischen und sonstigen Gegner in diesem offenen Buch nicht lesen konnten.

© SZ.de

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite