Osterwunder:Schluchz

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Osterwunder: Eine eigenartige Liebesgeschichte: das Komikerduo Dean Martin (li.) und Jerry Lewis.

Eine eigenartige Liebesgeschichte: das Komikerduo Dean Martin (li.) und Jerry Lewis.

(Foto: dpa/Bearbeitung: SZ)

Streit können sie in der Kulturwelt. Aber gelingt auch manchmal die Versöhnung? Ja! Ein paar anrührende Beispiele

Von SZ-Autoren

Film & Show: Dean Martin & Jerry Lewis

Harmonie hat ihre eigene Form, wenn's um Komik geht, als Zusammenspiel im Chaos. So war das auch bei Amerikas Top-Paar der Fünfziger - Dean Martin und Jerry Lewis. Dino verkörperte dabei eine gewisse amerikanische Normalität, die schon mal ins Schwerenöterische oder Gangsterhafte abrutschen durfte. Jerry Lewis machte die Paarung dann völlig unberechenbar. In den Vierzigern, nach dem Ende des Krieges, waren Dinos romantische Lieder beliebt, aber als die Fünfziger starteten mit ihrer Gschafteligkeit, änderte sich das Tempo. Deans Fans, erklärte Jerry Lewis später mal, das waren Männer, Frauen, die Italiener. Jerrys Fans waren Frauen, Juden, Kids. Es war absehbar, welche Teile dieses Gesamtpublikums in den Fünfzigern dominieren würden.

Den ersten Team-Auftritt von Martin/Lewis gab es in Atlantic City im Juli 1946, in den folgenden Jahren festigten sie ihren Erfolg in den zwei Zentren des Showbusiness, Las Vegas und Hollywood. In den Vierzigern hatten sie eine erfolgreiche Radio-Show, 1949 kam TV dazu. Und Kinoarbeit in Hollywood natürlich, mehrere Filme im Jahr. Exaktes Timing und Maßarbeit waren entscheidend für ihre Auftritte, und am tollsten wurde es, wenn die Maßarbeit dazu diente, die Umwelt auseinanderzunehmen und zu zertrümmern. Das war vor allem Jerrys Part, der den armen Dean übel aus dem Takt brachte, malträtierte, nassspritzte. Und am Ende noch sein Konkurrent wurde bei den Mädchen! Infantilität und/oder Tölpelhaftigkeit, eine perfide Mischung, Sabotage durch Ungeschicktheit oder, schlimmer noch, durch Überadaptiertheit. Dean war seiner Rolle schließlich überdrüssig, schielte missmutig auf den Erfolg des Kollegen.

Im Copacabana Club in New York absolvierten sie den letzten gemeinsamen Auftritt, ihr letzter Film war "Hollywood or Bust", 1956, ein märchenhaftes road movie, das durch ganz Amerika jagte, durch die weiten Landschaften und die zuckende Enge eines Würfeltischs in Vegas. Jerry wurde solo danach ein selbstbewusster Regisseur, von der Filmkritik gefeiert, Dean spielte mit unglaublicher Intensität die Loser des amerikanischen Traums, in "Some Came Running" oder "Rio Bravo". Zwanzig Jahre wechselten sie kein Wort mehr miteinander - eine Dummheit, gestand Jerry später, "zu der ich nichts sagen kann". Erst 1976 brachte Frank Sinatra sie wieder zusammen, zu ihrer und ihres Publikums Freude. Die alte Freundschaft war zurück, und das klassische Bild der amerikanischen Fünfziger, das verloren schien: Männer als Partner, Kumpel, Freunde - vielleicht mehr. "Dean & Me - A Love Story" hat Jerry Lewis sein Buch über die beiden betitelt. Fritz Göttler

Theater: Lessings "Nathan der Weise"

Hach, die Welt wäre eine bessere und die Kriegsparteien würden die Waffen strecken, ginge es nach dem guten alten Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing und dem Humanitätsprinzip, das er in seinem Stück "Nathan der Weise" von 1779 entwirft. Der Klassiker, ein Must-read der gymnasialen Oberstufen, endet mit der fantastischsten Versöhnungsszene der Dramengeschichte: "Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang." Die Vertreter dreier Weltreligionen finden sich in diesem Bild im Namen der Toleranz unter einem Familiendach vereint. Juden, Moslems, Christen - alle sind miteinander verwandt. We are family. Was für ein märchenhaft-utopischer Schluss! Ungläubiger Applaus.

Gerade weil der Versöhnungsappell des "Nathan" ein unerreichtes Ideal bleibt und die Menschen sich wegen ihrer Religion oder anderer Glaubenssachen nach wie vor die Köpfe einhauen, hat Lessings "dramatisches Gedicht" noch immer Konjunktur. Eigentlich ist es ständig irgendwo das Stück der Stunde. Das deutsche Regietheater begegnet dem ideellen Vernunft- und Harmonieglauben gerne mit Verballhornungsmaßnahmen und Zwangsanschlüssen an die jeweiligen Debatten der Zeit. Doch wie sehr man dieses Ideenstück auch dekonstruieren, ironisieren und persiflieren mag, im Kern bestehen bleibt stets mit zeitloser Schönheit und moralischer Strahlkraft die Ringparabel - jener Schlüsseltext der Aufklärung, mit dem Nathan die Frage des Sultans pariert, welche Religion er für die "wahre" halte.

Es ist die Geschichte von einem Ring, der seit Generationen jeweils vom Vater auf den liebsten seiner Söhne vererbt wird. Ein Ring, der seinen Träger beliebt vor Gott und bei den Menschen macht. Nun gab es jedoch einen Vater, der seine drei Söhne alle gleichermaßen liebte. In seiner Entscheidungsnot lässt er zwei komplett identische Kopien von dem Ring anfertigen und übergibt sie bei seinem Tod den Söhnen. Zwischen denen bricht ein Riesenstreit aus: Welcher ist der originale? Das Urteil spricht ein weiser Richter: Jeder solle seinen Ring als den "wahren" ansehen, denn ein jeder zeuge von der Liebe des Vaters. "Es eifre jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach!"

Zu Ostern im Kriegsjahr 2022 kann man sich diese universelle Botschaft von einem fried- und respektvollen Miteinander durchaus noch einmal zu Gemüte führen. Christine Dössel

Pop: Radio und Video

Osterwunder: Bild und Ton, friedlich nebeneinander.

Bild und Ton, friedlich nebeneinander.

(Foto: Imago/Phanter Media/Bearbeitung: SZ)

Der Fernsehkanal MTV ging im August 1981 auf Sendung, und das war eine mediale Mondlandung und Grundsatzrevolution, von der die meisten nichts mitbekamen. Denn die neue Station, die rund um die Uhr Popmusikvideos spielte, konnte erst mal nur von nur 1,6 Millionen US-Haushalten empfangen werden. Große Gesten wirken ja eher kümmerlich, wenn ihr Publikum zu klein ist, aber trotzdem strahlte MTV als allerersten Song gleich den radikal programmatischsten aus: "Video Killed The Radio Star" von The Buggles. Das Lied, das von der Zeitenwende erzählte, in der Optik und Animation das rein Akustische verdrängen und letztendlich zerstören würden.

Der Radiostar in der einen Ecke des Rings, der Videostar in der anderen, ein scheinbar tödliches Duell. Aber wie ging es aus? Mehr als 40 Jahre später wissen wir, welche Fehlannahme im zunächst so erfolgreichen Prinzip von MTV steckte: die These, dass das Zukunftspotenzial vor allem in der Macht der Bilder stecken würde. Dabei war es etwas ganz anderes. Die Idee des Interaktiven und der maßgeschneiderten Kanäle, die sich durch das Internet und die Ausdifferenzierung des nicht-terrestrischen Rundfunks verbreitete, entschied letztlich den Kampf zwischen Video und Radio - und ließ ihn in dem friedlichen, versöhnlichen Patt enden, den wir heute erleben.

Allein in Deutschland hat sich die Zahl der Radiosender seit 1987 verzehnfacht, auf mehr als 460, auch typische Internet-Hörformate wie Podcasts oder Stream-Playlisten haben sich etabliert. In den Paralleluniversen Tiktok, Youtube und Instagram besitzen Videos derweil unter anderem die Kraft, alte Songs zu neuen Hits und Influencer zu sehr reichen Menschen zu machen. Vor allem: Die Digitalisierung hat uns keineswegs in die robotischen Reiz-und-Antwort-Automaten verwandelt, vor denen man sich 1981 so fürchtete. "Die Bilder kamen und brachen unsere Herzen", sangen The Buggles. Dabei haben sie uns eher noch herziger gemacht, als wir eh schon waren. Joachim Hentschel

Klassik: Strawinsky und Schönberg

Osterwunder: Igor Strawinsky (li.) und Arnold Schönberg.

Igor Strawinsky (li.) und Arnold Schönberg.

(Foto: Imago/Photo12/United Artists/Bearbeitung: SZ)

Nicht nur für den Philosophen Theodor W. Adorno war klar, dass die klassische Musik nach 1900 von zwei Antipoden bestimmt war, von Igor Strawinsky und dem acht Jahre älteren Arnold Schönberg. Schönberg hatte als Spätromantiker begonnen, sich dann der Atonalität zugewandt und nach dem Ersten Weltkrieg die Zwölftonmusik erfunden. Im Gegensatz zu ihm war Strawinsky vom Rhythmus fasziniert, der bei ihm wild gezackte Tänze aufführt, erst in den großen Balletten "L 'Oiseau de feu", "Sacre du printemps" und "Pétrouchka", dann auch in den neoklassizistischen Stücken der Nachkriegszeit. Der russische Rhythmiker stand so gegen den Wiener Grübler, da gab es scheinbar keine Gemeinsamkeit.

Aber die Oberfläche täuscht wie immer. Gemeinsam ist beiden, dass sie öfter einmal ihren Stil wechselten. Gemeinsam ist beiden auch, dass sie ins Exil gingen, der eine lebte erst in Frankreich und dann in den USA, Schönberg war Jude und musste vor den Nazis fliehen, ging ebenfalls in die USA. Strawinsky fand im Exil zum Glauben, schrieb oft Kirchenmusik, auch seine Oper "The Rake's Progress" lässt sich religiös deuten. Schönberg wurde sich durch die Nazis seines Judentums bewusst, vor allem in der Oper "Moses und Aron". Die Antagonie zwischen dem Mann des Wortes Moses und dem Mann der Sinne Aron scheint gemünzt auf das Verhältnis Schönberg - Strawinsky. Doch die Nähe der beiden wurde lang nicht gesehen.

Schönberg starb 1951, Strawinsky überlebte ihn um 20 Jahre und vollzog da komponierend die Versöhnung zwischen zwei scheinbar unversöhnlichen Ästhetiken, indem er die Zwölftontechnik für sich nutzte. Diese Stücke, grandios das ausgedünnte Klavierkonzert "Movements", sind nie so populär geworden wie der "Sacre". Sie sind aber viel mehr als Stilkopien. Strawinsky war bei aller Faszination für Rhythmus und Folklore ein Intellektueller, der Fremdes analysierte und verwandelt in seine Produktion einbrachte. So machte er es auch mit Schönbergs Zwölftontechnik und dessen Fortsetzung in der seriellen Musik: Die späten Stücke sind streng wie bei Schönberg, aber auch herb, fantastisch, rhythmisch wild und damit unverkennbar Strawinsky. Reinhard Brembeck

Architektur: Die Hamburger und die Elphi

Osterwunder: 866 Millionen Euro Baukosten, die sich gelohnt haben: Hamburgs Elbphilharmonie.

866 Millionen Euro Baukosten, die sich gelohnt haben: Hamburgs Elbphilharmonie.

(Foto: Imago/Westend61/Bearbeitung: SZ)

Im Jahr 2012 dachte man kurz, die Architekten wären nun völlig abgedriftet, verloren gegangen im Dauerrefrain aus immer neuen Baukostensteigerungen und wer gerade wen vor Gericht zerrt. Damals stellten die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron ein Modell von ihrem Entwurf für die Elbphilharmonie auf der Architekturbiennale in Venedig aus - und tapezierten den kompletten Raum ringsum mit Zeitungsartikeln über den Bauprozess ihres Gebäudes. Klar erkennbarer Tenor aller Artikel: Wahnsinn! Die Elbphilharmonie wird noch teurer! Optimisten der öffentlichen Meinungskultur konnten in der Ausstellung zwar ein Statement dafür sehen, mit welch großem Interesse das Entstehen eines solchen Bauwerks verfolgt wird. Alle anderen aber waren doch etwas betreten, wie sich die Architekten mit ihrer Schöpfung so fern von den billigen Zaungästen an der Wand zelebrierten, die aber nun mal die Kosten für das neue Konzerthaus zu zahlen hatten. Zeugnis eines heftigen Zerwürfnisses.

Lange her. Denn weder die enormen Kostensteigerungen des Projekts - das Vorhaben war zunächst auf schlanke 77 Millionen Euro veranschlagt worden, kostete am Ende aber mehr als zehn Mal so viel, nämlich 866 Millionen Euro - noch die Verzögerung im Zeitplan - ursprünglich sollte die Elbphilharmonie 2010 fertig werden, tatsächlich fand das Eröffnungskonzert erst 2017 dort statt - oder auch die hässlichen Gerichtstermine haben verhindern können, dass die Stadt "ihre" Elphi augenblicklich ins Herz schloss, als diese fertig war. Keine Stadtführung in Hamburg seither mehr ohne ein Besuch dort und selbst der hanseatischste Hanseat spricht das Wort Elbphilharmonie mit leicht von Stolz geschwellter Brust aus. Laura Weißmüller

Kunst: Ulay und Abramovic

Marina Abramovic brach am Meer auf an jenem 30. März 1988. Ulay startete gleichzeitig in der Wüste. Neunzig Tage sollte der Fußmarsch dauern auf der Großen Chinesischen Mauer. Mehr als zweitausend Kilometer lief das Künstlerpaar aufeinander zu. Als sie sich endlich begegneten, in der Provinz Shaanxi zwischen Tempeln auf einem Bergpass, wurde ihr Treffen von Hörner-Gebläse untermalt. Eigentlich hatten die Performancekünstler, die seit zwölf Jahren zusammen lebten und arbeiteten, "The Lovers - The Great Wall Walk" als Auftakt ihrer Hochzeitszeremonie geplant. Doch die war abgesagt, was blieb, war die Begegnung. Ein letztes Mal zusammenkommen - um sich dann für immer zu trennen. Als Menschen und als Künstler. Eine gewaltige Anstrengung, eine große Geste: Der eigentliche Moment der Unversöhnlichkeit wird zu einem dramatischen, aber ausbalancierten Akt. So kann man auseinandergehen, dachte man damals, indem man sich noch einmal so richtig aufeinander konzentriert, zum Abschied, zur Versöhnung.

Später gab es dann doch Auseinandersetzungen, es ging um die Rechte an gemeinsamen Arbeiten. Und dann auch noch ein Wiedersehen: Unvermittelt fand sich Marina Abramovic dem ehemaligen Partner gegenüber, während sie für ihre Performance "The Artist Is Present" im Jahr 2010 täglich zu den Öffnungszeiten in ihrer Retrospektive im Museum of Modern Art in New York ausharrte. Später, so erzählte sie einmal, habe sie sich dann wirklich mit Ulay versöhnt. Aber das war während einer zufälligen Begegnung bei einem Spa-Urlaub in Asien. Catrin Lorch

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