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Filmversicherungen:Eine Branche erstarrt in Angst

Sturm der Liebe, 16. Staffel

Unter besonderen Hygiene- und Sicherheitsvorschriften laufen die Dreharbeiten zu Sturm der Liebe wieder. Aber was, wenn es einen Coronafall in der Crew gibt?

(Foto: ARD/Christof Arnold)

Die deutsche Filmbranche fordert einen staatlichen Fonds für den Fall, dass Dreharbeiten wegen Covid-19 abgebrochen werden müssen. Warum bieten Versicherungen keinen Schutz dafür an?

Wie bei vielen Unternehmungen, die demnächst wieder im Team stattfinden sollen, ist auch die Logik beim Filmemachen simpel: Wenn ein bestätigter Coronafall in der Truppe alle Drehpläne für Wochen über den Haufen wirft, droht der Produzent von den Zusatzkosten überwältigt zu werden. Es wäre finanzieller Selbstmord, ohne eine Versicherung zu starten.

Solche Versicherungen aber gibt es derzeit nicht auf dem Markt. Weshalb Produzentinnen und Regisseure einen leidenschaftlichen Appell an die Politik richten, für mögliche Ausfälle wegen Corona-Infektionen mit einem Notfallfonds zu haften. Andernfalls traue sich kaum einer mehr, wieder loszulegen, und die ganze Branche könnte - wie so viele andere - kaputtgehen.

Bevor so ein Fonds vielleicht beschlossen wird, steht aber eine interessante Frage im Raum: Warum gehen eigentlich die Versicherungsgiganten, etwa die Allianz Global Corporate & Specialty, die im Bereich Film sonst gern mit ihrer internationalen Marktführerschaft wirbt, in dieser kritischen Lage auf Tauchstation? Normalerweise ist es geradezu ein Glaubenssatz der Branche, jedes Risiko kalkulieren und mit einem Preis versehen zu können, und wer diesen Preis als Versicherungsprämie aufbringen kann, darf loslegen. Nun aber scheint der Markt zu versagen.

Wenn die Branche einen Fonds von bis zu 100 Millionen fordert, lässt das Risiko sich durchaus berechnen

Die verantwortlichen Versicherungsmanager äußern sich dazu kaum, das Thema ist heikel. Offenbar liegen die Nerven von der ersten Corona-Welle noch blank, wo die Versicherer in vielen Fällen eben doch für den Shutdown haften und empfindliche Kosten in die Bilanzen schreiben mussten. Allenfalls erklärt der Chef von Lloyd's of London, John Neal, die Versicherungsschäden der Pandemie über alle Branchen hinweg könnten sich in diesem Jahr auf mehr als 100 Milliarden Dollar addieren, womit die Versicherungswirtschaft als solche womöglich überfordert sei.

Hört man sich in der Branche um, handelt es sich tatsächlich um eine Art Panikreaktion in der obersten Führungsebene der Versicherungskonzerne - derzeit gilt offenbar die Devise, in neuen Verträgen dürfe das Wort Coronavirus schlichtweg nicht vorkommen. Eine coronafreie Welt allerdings, wie sie nicht nur die Versicherungen gerne hätten, gibt es nicht mehr.

Was es stattdessen gibt, sind Pläne für einen Neustart beim Film, mit strengen Gesundheitsbestimmungen, Optionen für den Fall einer Ansteckung im Team, Strategien für die Eindämmung des Schadens. All das ist noch nicht wirklich erprobt, aber wenn man Experten befragt, die bis vor kurzem noch jedes Jahr hunderte von Filmproduktionen versichert haben, ist das Risiko sehr wohl kalkulierbar.

Wenn die Filmbranche einen Ausfallfonds in Höhe von 60 bis 100 Millionen Euro fordert, liegt dem jedenfalls eine Kalkulation zugrunde. Ein Insider rechnet vor, dass so ein Fonds, der ja mindestens bis nächsten Sommer laufen müsste, mit einer Ausfallquote von etwa zehn Prozent kalkuliert - so viele Filmproduktionen dürften corona-bedingt ihre Kosten überschreiten, bevor das Geld aufgebraucht wäre. Das ist zwar ein Hochrisikobereich, in weniger panischen Zeiten könnte man daraus aber durchaus ein Versicherungsprodukt machen.

Der Ruf nach dem Staat wird also deshalb unausweichlich, weil die Wirtschaft offenbar - anders als in den Lehrbüchern vorgesehen - nicht sehr rational agiert. Das wird sich auch wieder ändern. Bis dahin aber ist schnelle Hilfe erforderlich, damit das Kommando "Film ab!" bald wieder erklingen kann.

© SZ vom 27.05.2020/cag

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