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Verschwörungstheorien:Was, wenn Fakten nicht mehr als unumstößliche Fakten gelten?

Die Epistemologie ist jener Zweig der Philosophie, der untersucht, wie wir Dinge wissen können - und was es bedeutet, dass etwas wahr oder falsch ist. Bisher bezog man sich in der öffentlichen Diskussion auf dieselben Zahlen, Statistiken und Fakten seriöser Institutionen, aus denen verschiedene Lager dann konträre Deutungen, Handlungskonsequenzen, politische Programme ableiteten.

Was aber, wenn Fakten den Menschen gar nicht mehr als unumstößliche Fakten gelten? Der amerikanische Wissenschaftsjournalist David Roberts fragte kürzlich: "Wenn die Klimawissenschaftler ihre Modelle immer feiner nachjustieren, die Zahlen prüfen und gegenprüfen und die Republikanische Party sich am Ende einfach weigert, die Ergebnisse zu akzeptieren - was dann?" Roberts spricht von "Stammes-Epistemologie", in der jede Gruppe die ihr gerade passenden Behauptungen als Wahrheiten deklariert. Sie haben Fakten? Nun, wir haben alternative Fakten.

Der amerikanische Historiker Daniel T. Rodgers schrieb, das Problem des "postfaktischen Zeitalters" bestehe nicht in der Abwesenheit von Wahrheiten. Im Gegenteil, unsere Zeit sei mit Wahrheiten nur so gesättigt. Freilich geht es dabei eher um "truthiness" als um "truth", eher um ein Gefühl, recht zu haben, als um eine möglichst objektive Überprüfung eigener Meinungen. Den Begriff der truthiness wiederum prägte der Komiker Stephen Colbert und erklärte ihn so: "Früher hatte jeder das Recht, seine eigene Meinung zu haben, aber nicht seine eigenen Fakten. Mittlerweile sind Fakten unwichtig geworden. Sichtweisen sind alles. Weil sie Sicherheit geben. Ich spüre eine tiefe Spaltung in der Bevölkerung. Was ist wichtig? Das, von dem du willst, dass es wahr ist, oder das, was wahr ist?" Colbert sagte das 2005.

Echten Verschwörungstheoretikern kann man durch Argumente nicht mehr beikommen

Es ist kein Zufall, dass hier drei Amerikaner zitiert werden. In den USA ist die epistemische Krise noch weiter fortgeschritten als hierzulande, längst sind dort alle Institutionen, die früher in Meinungsstreitigkeiten als Schiedsrichter galten - Universitäten, Forschungseinrichtungen, seriöse Medienhäuser - in Misskredit geraten. Und längst finden alle Debatten in Parallelwelten statt. Die Schnittmenge aus Leuten, die zugleich Fox News schauen und die New York Times lesen, dürfte gegen null gehen. Man könnte auch noch einen Essay der Wissenschaftsjournalistin Elizabeth Kolbert anführen, die sich im aktuellen New Yorker fragte, warum es so schwer sei, andere mithilfe faktenbasierter Argumente von ihrer Meinung abzubringen.

Natürlich gab es immer einen innerwissenschaftlichen Streit um "die Wahrheit". Und natürlich gibt es auf der anderen Seite eine epistemologische Lücke zwischen der Akzeptanz wissenschaftlicher Aussagen und der Fähigkeit des normalen Lesers, diese nachzuvollziehen. Kaum jemand versteht alle Klimamodelle, dennoch gaben die meisten bislang den Wissenschaftlern einen Vertrauensvorschuss, die haben dieses komplexe Zeug schließlich studiert. Wenn man diesen Vertrauensvorschuss kassiert und wissenschaftliche Erkenntnisse behandelt wie PR-Gewäsch oder frei flottierende Meinungen, dann hat die Gesellschaft irgendwann ein Problem.

Der Tübinger Amerikanist Michael Butter forscht seit Jahren über die Geschichte und Verbreitung von Verschwörungstheorien. Im März erscheint sein Buch "Nichts ist, wie es scheint" (Suhrkamp Verlag), in dem er gängige Verschwörungstheorien untersucht und ihre Herkunft beschreibt. Besonders interessant ist das Buch aber, weil Butter die neue Blüte solcher Theorien als Indikator für die Fragmentierung der Öffentlichkeit liest, die seiner Meinung nach längst demokratiegefährdende Ausmaße angenommen habe. Die Diskussion um diese Theorien ist in seinen Augen, und mit diesen Worten endet sein Buch, "Symptom für eine tiefer liegende Krise demokratischer Gesellschaften: Wenn Gesellschaften sich nicht mehr darauf verständigen können, was wahr ist, können sie auch die drängenden Probleme des 21. Jahrhunderts nicht meistern."

Was also bleibt zu tun? Die Lösungsansätze, die Experten wie Michael Butter skizzieren, sind so unspektakulär wie naheliegend: besserer Deutsch-, Medien- und Geschichtsunterricht an den Schulen, damit die Leute möglichst früh lernen, Texten und Argumentationsmustern kritisch und kompetent zu begegnen. Und diejenigen in ein Gespräch ziehen, die zwar schon von Verschwörungstheorien gehört haben, aber noch nicht völlig an Freimaurerthesen verloren sind. Denn echten Verschwörungstheoretikern, so Butters langjährige Erfahrung, kann man durch Argumente nicht mehr beikommen.

© SZ vom 27.01.2018/doer

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