Verschwörungstheorien Shoppen für die Apokalypse

Survival-Produkte geben den Käufern das Gefühl, bestens für die bevorstehende Apocalypse gerüstet zu sein.

(Foto: imago/Michael Eichhammer)

Verschwörungstheoretiker bieten im Netz nicht nur krude Theorien, sondern auch reale Produkte an. Über einen wachsenden Markt des Wahnsinns.

Von Nicolas Freund

Für den äußersten Notfall gibt es im Onlineshop des Kopp Verlags das Fluchtgepäck "Grab & Go Emergency Kit". Der Inhalt der roten Reisetasche verspricht, vier Personen das Überleben drei Tage lang zu sichern. Notrationen, Knickleuchtstäbe, Pflaster, Teelichter. Was man eben so braucht, wenn das System zusammenbricht. Im Kopp Verlag erscheinen Bücher mit Titeln wie "Die Destabilisierung Deutschlands", in denen vor einer Verschwörung gewarnt wird, die "bürgerkriegsähnliche Unruhen" anstiften wolle. Für den scheinbar kurz bevorstehenden Überlebenskampf gibt es im Verlagsshop neben dem Fluchtgepäck auch noch Pfefferspraypistolen, Wasseraufbereitungsanlagen und Regenschirme, die sich als Schlagstock eignen, im Angebot. Kunden, die Angst vor dem Weltuntergang haben, kauften auch ...

Verschwörungstheorien sind längst nicht mehr nur ein schrulliges Hobby, sondern ein perfides politisches Instrument und ein gigantischer Markt, in dem Millionenumsätze gemacht werden. Sie mit dem dazugehörigen Merchandise zu verzahnen ist aber keine exklusive Idee des Kopp Verlags. Das große Vorbild für dieses Geschäftsmodell ist das Medienimperium, das der Amerikaner Alex Jones um seine Website infowars.com herum aufgebaut hat. Jones verkündet dort und in seiner täglichen Radioshow die Theorie einer okkulten Weltverschwörung, der auch Hillary Clinton angehören soll. Die Medien, die Wirtschaft, die Pharmakonzerne, alle gehören bei Jones derselben gigantischen Verschwörung an. "Alles, was passiert, kann irgendwie in diese Erzählung integriert werden", schreibt der deutsche Amerikanistik-Professor Michael Butter in seinem Buch "Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungstheorien". Notfalls erfindet Jones einfach etwas. Zum Beispiel, dass die demokratische Partei in einer Pizzeria in Washington D.C. einen Kinderpornoring betreibe, dass die amerikanische Regierung hinter den Anschlägen des 11. September 2001 stecke oder dass der Amoklauf an der Sandy-Hook-Highschool nur inszeniert war, damit die Waffengesetze verschärft werden können. Mit seinen Krawallnachrichten erreicht Infowars täglich Millionen Amerikaner, mehr als 60 Radiosender verbreiten Jones' Botschaften im ganzen Land.

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Auch Infowars bietet die Accessoires zur Apokalypse. Neben Atemschutzmasken und Flaschenöffnern im Patronendesign verkauft Jones vor allem Medikamente. Für 70 Dollar pro Flasche wird eine gesundheitsfördernde Steigerung der Männlichkeit versprochen. Zur Verteidigung gegen die bösen Wirkstoffe, die von den Mitgliedern der Weltverschwörung angeblich ins Essen und ins Trinkwasser gemischt werden, gibt es die "Brain Force Plus"-Tabletten. Zwei Drittel des Umsatzes von Infowars soll mit solchen Produkten erzielt werden, behauptet Jones in den Medien.

Facebook, Spotify und Apple sorgen erstmals für Gegenwind

Entkleidet man den Geschäftszweig von seinem apokalyptischen Brimborium, bleibt vor allem ein produktives Beispiel für den vom Philosophen Slavoj Žižek beschriebenen Kulturkapitalismus. Unternehmen wie Starbucks arbeiten nicht anders. Starbucks verkauft nicht einfach nur Kaffee, sondern eine Erzählung, die hinter dem Kaffeebecher steht. Die Kaffeehauskette bewirbt offensiv die angebliche Nachhaltigkeit seiner Produkte und erklärt ausführlich, dass die Kaffeebauern nicht ausgebeutet würden. Der Kaffee wird mit einer guten Tat angereichert. Dazu bieten die Coffeeshops mit ihren Sitzecken eine Art öffentliches Wohnzimmer an, Žižek nennt sie eine "Ersatzgemeinschaft". Kunden bei Starbucks konsumieren nach der firmeneigenen Erzählung nicht nur einfach ihren Cappuccino, sie tun etwas von globaler Bedeutung und sich selbst etwas Gutes.

Die Vermarktung von Verschwörungstheorien funktioniert ähnlich. Seiten wie Infowars bieten nicht einfach nur einen Podcast oder ein Youtubevideo oder Tabletten gegen die Gehirngifte der Regierung an. Sie lassen den Kunden teilhaben an der großen Erzählung, die hinter dem einzelnen Produkt steht, und mit der sich noch dazu alle komplexen Weltereignisse ganz einfach erklären lassen. Der Kunde solcher Produkte gehört dann zum Kreis der Erleuchteten, die als Einzige die Wahrheit hinter dem Weltgeschehen erkannt haben. Die Wasseraufbereitungsanlage im Garten ist der Beweis für den vermeintlichen Durchblick und den elitären Status des Verschwörungstheoretikers.

Allerdings werden die Kanäle für die Erzählungen des Alex Jones gerade weniger. Facebook, Youtube, Spotify und Apple haben begonnen, seine Aktivitäten auf ihren Plattformen einzuschränken. Seine Konten wurden gelöscht, mehrere Infowars-Podcasts sind nicht mehr abrufbar.

Angebote wie die Infowars-App aber sind nach wie vor verfügbar, doch eine Einschränkung dieser Verbreitungskanäle bringt Probleme für das Geschäft mit den Verschwörungstheorien mit sich, denn die sozialen Plattformen sind ein wichtiges Instrument ihrer Verbreitung. "Alles ist mit allem verbunden", schreibt Michael Butter über die Affinität von Verschwörungstheorien zu digitalen Medien. "Die Bedeutungslogik von Verschwörungstheorien entspricht dem Ordnungsprinzip des World Wide Web. Man kommt mit wenigen Klicks von Barack Obama zur Neuen Weltordnung und von dort zur Ukrainekrise, sodass leicht der Eindruck entstehen kann, dass es hier reale (und nicht nur virtuelle) Verbindungen gibt."

Als größter Komplize der Verschwörungstheoretiker erweist sich dabei der Algorithmus. Im amerikanischen Wahlkampf 2016 kopierten mazedonische Hacker bekannte Nachrichtenseiten und bestückten sie mit möglichst kontroversen Texten (SZ vom 23.12.2017). Am besten läuft alles gegen Hillary Clinton oder eben Verschwörungstheorien jeder Art. Über Google ließen sie Werbung auf der nachgebauten Website schalten und mit einer kleinen Armee von Fake-Accounts die Artikel so oft wie möglich bei Facebook teilen, um künstlich Seitenaufrufe zu generieren. Bald sprudelten die Werbeeinnahmen, Zehntausende Euro pro Monat, so behaupteten sie zumindest.