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Verlage:Einheit in Zeiten der Pixel

Wenn Münchens bedeutendste Verleger

Wenn Münchens bedeutendste Verleger vor den Regalen in der Literaturhaus-Bibliothek sitzen, fragt sich der Betrachter, worauf sie wohl morgen, in der zunehmend digitalisierten Welt, bauen werden: Jo Lendle (Hanser), Doris Janhsen (Droemer Knaur), Thomas Rathnow (Random House), Claudia Baumhöver (dtv), Jonathan Beck (C.H.Beck), Felicitas von Lovenberg (Piper) und Heide Warkentin vom Claudius Verlag (von links). Montage: Walter Korn

(Foto: Andreas Kochseder)

Alles was gedruckt wird, steht unter Druck in den Tagen der digitalen Revolution. Konkurrenten rücken da schon mal enger zusammen. Etwa zur ersten "Woche der Münchner Verlage"

Von Susanne Hermanski

Ein seltenes Bild: Claudia Baumhöver, die dtv-Chefin, Jonathan Beck, Verleger von C.H.Beck, Doris Janhsen, Leiterin von Droemer Knaur, Jo Lendle, Herr im Hause Hanser, Felicitas von Lovenberg, die Nummer Eins des Piper Verlags, Random-House-CEO Thomas Rathnow sowie Heide Warkentin, die Vertriebsleiterin des Claudius Verlags, und als solche Vertreterin der Kleinverlage - sie alle haben an einem Tisch Platz genommen. Auch wenn sie alle Münchner sind, das sieht man noch nicht einmal bei den Buchmessen in Frankfurt oder Leipzig.

Es ist die Krisenstimmung in ihrer Branche, die sie dazu bewogen hat, eine Schneise in ihre Terminkalender zu schlagen, sich mehrmals zu treffen, zu beratschlagen, im Literaturhaus etwas Positives vorzustellen, dass sie gemeinsam aus der Taufe gehoben haben: die "Woche der Münchner Verlage". Sie soll als fröhliches Antidot gegen das Gift der Verzagtheit wirken, die die Branche angesichts eines 17-prozentigen Käuferrückgangs befallen hat. Gerade ist diese Woche noch klein und fein, doch ist sie schon größer gedacht. "Schließlich sind wir immer noch eine der umsatzstärksten Branchen in Deutschland", sagt Claudia Baumhöver.

Gemeinsam erklären die Münchner Verleger auch das Konzept ihrer Woche, das nichts mit der "Münchner Bücherschau" zu tun hat, die erst wieder Ende des Jahres im Gasteig stattfinden wird: Sie laden schon jetzt, an sechs Abenden im Mai, in ihre Verlagshäuser ein, um den Weg eines Buchs von der Idee bis zum Ladentisch verfolgbar zu machen. An jedem Abend ist ein anderer Verlag Gastgeber und stellt einen Verlagsbereich, wie Lektorat, Herstellung, Marketing und Vertrieb, Presse- und Veranstaltungsarbeit sowie Lizenzen, in den Mittelpunkt. "Wir wollen dabei die Münchner Verlage sowohl in der Verlagslandschaft als auch als Teil der Münchner Kultur und Wirtschaft in den Blick rücken", sagt Jo Lendle. In seinem Haus, dem Carl Hanser Verlag, wird am 5. Mai der Auftakt der Woche gegeben, unter dem Titel: "Ich lass das jetzt so. Euphorie und Wahnsinn im Lektorat. Lageberichte."

Die Digitalisierung ist nicht nur deshalb dominierendes Thema in der Verlagswelt, weil sie Konkurrenzmedien hervorbringt, die die Aufmerksamkeit potenzieller Leser abzieht. Die Digitalisierung beschäftigt auch alle Verlagsbereiche selbst, wie Doris Janhsen von Droemer Knaur erklärt. Welche Rolle sie in der Buchherstellung spielt, wird in ihrem Haus thematisiert werden, vor allem aber die physische Gestalt und Gestaltung von Büchern. Die Herstellung sei "der unsichtbare Dritte in der Beziehung zwischen Autor und Leser", sagt sie. Und genau jenen "sinnlichen" Aspekt wolle Droemer Knaur am 6. Mai vermitteln, wenn der Verlag einen Blick in seine Buchwerkstatt anbietet.

Jonathan Beck thematisiert anlässlich der Debatte um die EU-Urheberrechtsreform die Notwendigkeit des Respekts vor dem Urheber, also vor den Autorinnen und Autoren und deren Verlagen. Ein Aspekt, der beim Abend der Lizenzen im Vordergrund stehen wird. dtv hat ihn unter die Überschrift "Wie kommt Mascha Kaléko aufs Feinkostpapier?" gesetzt, und verspricht zahlreiche Anekdoten aus dem nur scheinbar trockenen juristischen Feld. Wie die Welt des Buchvertriebs aussieht, in einer Zeit, in der es der Kunde gewohnt ist, über fast jede Ware sofort verfügen zu können, erzählen Felicitas von Lovenberg und Heide Warkentin. Thomas Rathnow, der als Random-House-CEO Herr über 45 Verlage ist, hat sich den Schwerpunkt Werbung und Marketing ausgesucht: "Verlage müssen dafür sorgen, dass sie für die Bücher ihrer Autoren möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugen", sagt er. "Neu ist, dass wir mit digitalen Mitteln verstärkt direkt mit Lesern kommunizieren."

Während der einzelnen Veranstaltungsabende werden Mitarbeiter unterschiedlichster Verlagshäuser auf dem Podium sitzen - vom Konzernchef Rathnow bis zum Ein-Frau-Verlag. Auch Literaturkritiker und Buchhändler nehmen an den Gesprächen teil. Die Stadt München sowie der Börsenverein unterstützen die Woche. Auf den Kulturseiten der Süddeutschen Zeitung wird sie durch eine Serie von Berichten flankiert.

Woche der Münchner Verlage; So. bis Fr., 5. bis 10. Mai, diverse Standorte, www.verlagebesuchen.de

© SZ vom 04.05.2019

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