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Verlage:Bis sich alle Bücher gleichen

In Italien gehört bald alles der Familie Berlusconi: Die Mondadori-Gruppe schluckt Rizzoli. Berühmte Autoren wie Umberto Eco warnen vor den Folgen einer solchen Konzentration von Verlagskonzernen.

Neun Monate wurde verhandelt, begleitet von Autorenprotesten, Gerüchten und Indiskretionen. Jetzt aber ist es beschlossen: Der italienische Medienkonzern Mondadori kauft seinen unmittelbaren Rivalen, die RCS Mediagroup (Rizzoli). Der Preis beträgt 127,5 Millionen Euro. Damit entsteht ein Unternehmen, das etwa vierzig Prozent des italienischen Marktes für Belletristik und Sachbücher beherrscht und etwa dreißig Prozent des Marktes für Lehr- und Schulbücher. Ferner werden etliche Zeitungen - die Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera zum Beispiel - und Zeitschriften zu diesem Konzern gehören.

Weder in Amerika noch in anderen europäischen Staaten gibt es ein Unternehmen, das eine solche Macht auf dem jeweiligen Buchmarkt repräsentierte. Entsprechend unruhig sind nicht nur die meisten anderen Verleger und die Buchhändler, sondern auch viele Autoren. Denn wer so groß und stark ist, kann die Bedingungen diktieren. Und keiner will Marina Berlusconi glauben, der Vorstandsvorsitzenden von Mondadori und Tochter des ehemaligen Ministerpräsidenten - die Familie Berlusconi hält die Mehrheit der Aktien -, wenn sie erklärt, unter ihrer Führung werde der Konzern aus einer "Föderation" von Verlagen bestehen, die sich deutlich voneinander unterschieden.

Die drohende Übernahme der Gruppe RCS hatte im Frühjahr zu einem Protest von fast fünfzig Autoren des zu RCS gehörenden Verlages Bompiani geführt, darunter Umberto Eco und Susanna Tamaro, Mario Fortunato und Sandro Veronesi. Ein "Koloss" dieser Art, argumentierten sie, besitze eine übergroße Verhandlungsmacht gegenüber den Autoren und dem Einzelhandel, er verdränge über kurz oder lang die kleineren Verlage, er lasse Preisentscheidungen vorhersehbar werden. Auf längere Sicht sei die Meinungsfreiheit in Italien bedroht.

Weniger Wettbewerb, weniger Qualität, sagt Umberto Eco zur Fusion von Mondadori und Rizzoli

Umberto Eco fügte dem offenen Brief der Autoren noch einen Artikel hinzu, der auch international weite Verbreitung fand: Er müsse zugeben, schrieb er darin, dass Mondadori sich bislang liberal verhalten habe und einem anspruchsvollen Verlag wie Einaudi große Freiheiten gewährt habe. Was aber geschehe, wenn der Konzern Mondadori seine Verlage - oder auch nur einige seiner Verlage - weiterverkaufe? Tatsächlich gibt es in Italien schon Spekulationen, die Konzentration des einheimischen Buchmarktes sei nur eine Etappe auf dem Weg zu internationalen Konzernen wie etwa Random House (das Unternehmen des Bertelsmann-Konzerns, das 2013 durch die Fusion mit Penguin zum größten Publikumsverlag der Welt wurde). Und bei der Nennung des Eigentümers Berlusconi spielt stets eine Rolle, dass dieser bereits in den audiovisuellen Medien, im Rundfunk und im Fernsehen, große Teile der jeweiligen Märkte beherrscht. Weniger Wettbewerb, erklärte Umberto Eco, bedeute stets auch weniger Qualität.

Die RCS Mediagroup hatte in den vergangenen Jahren immer wieder heftige Verluste geschrieben: Allein im ersten Quartal dieses Jahres verlor die Gruppe rund zwölf Millionen Euro. Dass sie verkauft werden sollte, war schon lange bekannt. Die Übernahme durch Mondadori ist darüber hinaus aber vor allem eine Reaktion auf einen schrumpfenden Markt sowohl bei den Büchern wie bei den Zeitungen und Periodika. Das gilt besonders für Italien, ein Land, in dem fast zwei Drittel der Bürger nicht einmal ein Taschenbuch pro Jahr lesen, die Intensität des Gebrauchs von Mobiltelefonen aber weit über den entsprechenden Verhältnissen in Deutschland oder in den USA liegt.

In insgesamt kleiner werdenden Verhältnissen bedeutet ein solcher Zukauf nicht nur mehr Macht und mehr Potenzial zu Einsparungen, sondern auch mehr Möglichkeiten, der Konkurrenz in jeder Nische des Marktes mit eigenen Programmen entgegentreten zu können, die sich dann immer mehr gleichen, weil das Moment des "me too" in einem Wettbewerb der Verdrängung stärker sein muss als die Entfaltung qualitativer Unterschiede. In der Folge gibt es immer mehr Bücher, die sich gleichen - und an denen die Autoren wie der Buchhandel immer weniger verdienen, wie jüngst eine demografische Untersuchung der amerikanischen "Authors Guild", eines Interessenverbandes von Buchautoren, eindrucksvoll offenlegte.

Ein Verleger indessen zog aus der Übernahme der RCS Mediagroup durch Mondadori eine kühne Konsequenz: Roberto Calasso, seit Jahrzehnten Geschäftsführer des Verlages Adelphi und in Deutschland auch als Autor kulturhistorischer und philosophischer Werke bekannt, kaufte sich mit Hilfe von zahlungskräftigen Sympathisanten von seiner Abhängigkeit gegenüber dem Anteilseigner RCS frei. Er wird nun also weiter deutsche Klassiker, Milan Kundera, Alberto Savinio und Georges Simenon veröffentlichen können.

Doch steht Roberto Calasso, über siebzig Jahre alt und ohne erkennbaren Nachfolger, nun vor der Notwendigkeit, eigene Vertreter rekrutieren und einen eigenen Vertrieb aufbauen zu müssen. Und wie das gehen soll, unter Verhältnissen, die von einem Verlag mittlerer Größe verlangen, jederzeit wenigstens ein Buch auf den Bestsellerlisten zu haben - das ist weitaus ungewisser als die Zustimmung der italienischen Kartellbehörde zum Verkauf von RCS an Mondadori. Unterdessen stieg der Börsenwert der beiden Konzerne nach Bekanntgabe der Einigung sofort um jeweils mehrere Prozent.

© SZ vom 08.10.2015
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