Debattenkultur:CSI Mecklenburg

Nehringen

Zur ganzen Wahrheit erzwungener Vergleiche, auch solchen mit und über Ostdeutschland, gehört, dass Ostdeutsche selbst inzwischen gerne mit diesen operieren.

(Foto: imago stock&people)

Vergleiche mit Ostdeutschland sind noch häufiger als die mit dem Saarland - und explosiver.

Von Cornelius Pollmer

Unter der Überschrift "Der schlimme Bundesstaat" fragte das Feuilleton dieser Zeitung am Mittwoch, ob Florida das Ostdeutschland der USA sei, und es gab die Antwort auf diese möglicherweise von vornherein als rhetorisch einzustufende Frage gleich selbst, in einer schon wieder lustigen Distanzierung zugunsten, klar, des kapitalistischen Auslands. Nein, Florida sei natürlich nicht das Ostdeutschland der USA, denn in Florida seien die Leute reich und das Wetter besser.

Weil Ostdeutsche unter allen Menschen mit Abstand die undankbarsten sind, war im Internet gleich wieder viel los, beschämend, geht's noch, und so fort. Die Lage ist also so: Früher wurde der Osten mit dem Kaukasus verglichen oder wenigstens mit Nordböhmen und klagte nicht - jetzt versteht er nicht einmal mehr das nicht nur an Sonnenschein reiche Florida als Referenz. Was soll man da noch schreiben?

Vielleicht Folgendes. Vergleiche mit Ostdeutschland sind oft seltsam, der in diesem Fall inkriminierte ist es ebenfalls, jedoch nicht nur. Interessant ist ja schon die Parallele, dass manchmal Menschen aus einem Irgendwo (Berlin/New York City) schimpfen, weil andere Menschen in einem anderen Irgendwo (Florida/Ostdeutschland) nicht so denken, reden oder eben wählen, wie sie, die einen, das gerne hätten. Das erzählt schon etwas, mindestens etwas über ein durchaus bedauernswertes patriarchalisches Denken der einen über die anderen.

Sicher stimmt auch die Parallele, dass insbesondere die sonst gerne Marginalisierten zuletzt in überraschend großer Zahl für ein Übel gestimmt haben (Trump/AfD), aber genau da hört die Parallele auch auf. In Florida ermöglichten in nicht geringer Zahl auch extrem privilegierte, weit überwiegend weiße Wählerinnen und Wähler Trumps Triumph. In Deutschland fände man solche Extrem-Privilegierten vorwiegend im Westen.

Mit dem DDR-Vergleich, einer Un- wie Unterart des Ostvergleichs, wird im politischen Raum gerne gekokelt

Da wir hier nun aber im Feuilleton sind - immer noch leicht zu erkennen am einmal mehr unter leichter Anspannung zwischen u und l zum Glück korrekt gesetzten i, einer Anspannung, nicht unähnlich der beim Entschärfen einer Bombe aus einem der beiden bisherigen Weltkriege - weil wir uns also im Feuilleton befinden, sollte dieser Vergleich doch eingeordnet werden im Vergleich zu anderen Vergleichen.

Um zunächst ein wenig die Schärfe aus dem Argument zu nehmen, bietet sich ein Rückgriff auf den Riesen Prokrustes an, Kampfname "Ausstrecker", der Reisenden seinerzeit stets ein Bett anbot, ihnen dann aber auch die Beine abhackte, wenn sie zu lang waren für dieses Bett. Mancher Landgasthof in Ostdeutschland verfährt auf diese Weise noch heute, aber darum soll es jetzt nicht gehen, sondern um die ohne dieses Bild banale Feststellung, dass manche Vergleiche vor allem eines sind, nämlich erzwungen, und dass sie deswegen mehr auf den Vergleichsinhaber zurückfallen, als selbst inhaltlich Wirkung zu entfalten.

Zur Wahrheit erzwungener Vergleiche, auch solchen mit und über Ostdeutschland, gehört, dass Ostdeutsche selbst inzwischen gerne mit diesen operieren. Da sind nicht wenige Demonstrierende, die an winterdunklen Montagen im nicht nur architektonisch kalten Zentrum Dresdens stehen und von denen man sich wünschte, der hässliche Kapitalismus hätte wenigstens dieses eine Gute getan und ihnen einen Alterssitz in Florida ermöglicht.

Stattdessen aber stehen sie da und sagen immer wieder, dass alle möglichen Eigenheiten der Gegenwart sie, natürlich: fatal, an die DDR erinnerten.

Mit dem DDR-Vergleich, einer Un- wie Unterart des Ostvergleichs, wird im politischen Raum nicht minder gerne gekokelt und auch da zunehmend hemmungsloser und selbstbewusster von Ostdeutschen selbst, vergleiche unter anderem Mike Mohring, ehemaliger CDU-Fraktionschef in Thüringen, der zur Bildungspolitik seines Bundeslandes einst anmerkte, in den Lehrerzimmern sei die Stimmung "so schlimm wie zu Zeiten von Margot Honecker".

Wie also ist die Stimmung?

Sie ist gereizt. Seit Jahren. Und wenn dann jemand nicht nur auf die ökonomische Deprivation des Ostens hinweist, die in sogenannten Debatten immer nur gelangweilt konstatiert wird, ohne dass jemand ernsthaft etwas dagegen unternähme, wenn der oder die Ostdeutsche (den oder die es, Himmel!, so pauschal natürlich gar nicht gibt) dann auch daran erinnert wird, dass das Wetter selbst an der Ostsee leider nicht so gut ist wie in Florida, dann wird der Vergleich zur Rampe für viel Gefühl, das - verständlicherweise - immer mal wieder raus muss.

Aus der Ferne sah und sieht alles immer toll und interessant aus

Selbst Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns, beteiligte sich am Donnerstag an der Kritik der Kulturkritik ("Dieser Vergleich ist unmöglich") - und wiewohl damit auch sie, noch einmal, recht hatte, und so sehr dieses digitalöffentliche und oft leider dichotome Markieren nachzuvollziehen ist, so sehr stellt sich doch auch immer mehr die Frage, wer denn eigentlich noch Lust hat auf dieses ständige Schimpfen und Zurückschimpfen.

Lebte er noch, man würde gerne Heiner Geißler fragen, der - jetzt wird's deutlich dunkler als wintertagsüber in Ostdeutschland - noch immer einen nachkriegsdeutschen Rekord hält, weil er, Geißler, gleich drei Goebbels-Vergleiche politisch überlebte, zwei passive und einen aktiven. Arbeitete er noch, man würde jetzt gerne auch den Unterhalter Harald Schmidt fragen, der über die von einem, na ja, Politiker der Piratenpartei gezogene Nazi-Parallele einmal ziemlich sauber urteilte. Der Vergleich, so Schmidt, "hinkt mehr als Goebbels".

Was wiederum Westdeutschland mit Florida gemein haben könnte, das ließe sich zum Schluss nun auch noch fragen, und die Frage führte einen irgendwann zu der Tatsache, dass sich vieles vormals in Sehnsucht Vergötterte heute stark relativiert hat.

Aus der Ferne sah und sieht alles immer toll und interessant aus, aber wenn man dann am Unerreichbaren endlich ankommt, ist es doch schäbiger als im Katalog. Siehe: Florida.

© SZ vom 06.11.2020/tmh
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