"Vergiftete Wahrheit" im Kino:Das Teflon-Prinzip

Film Vergiftete Wahrheit

Der Unternehmensanwalt Robert Bilott (Mark Ruffalo) in "Vergiftete Wahrheit".

(Foto: Mary Cybulski / Verleih)

Perlen Anklagen wegen Umweltsünden an Chemiekonzernen einfach ab? Nicht in Todd Haynes' Thriller "Vergiftete Wahrheit".

Von Josef Grübl

Die Tagung steht unter dem Motto: "Besser leben mit Chemie". Und dass man mit Chemie gut, aber noch besser von ihr leben kann, sieht man den Teilnehmern an. Sie haben einen ganzen Ballsaal für sich, führen ihre Abendgarderobe aus und die Ehefrauen vor, im Hintergrund dudelt eine Jazzcombo. Nur einer lässt sich davon wenig beeindrucken: Der Unternehmensanwalt Robert Bilott (Mark Ruffalo) sucht Kontakt zum Chef des Chemiekonzerns DuPont, die beiden kennen und schätzen sich, sie stehen auf derselben Seite.

Als der Anwalt aber die Sache mit den Kühen anspricht, wird der Konzernboss wütend. Denn im ländlichen West Virginia lebt es sich mit Chemie eher schlechter. Dort pumpt das örtliche DuPont-Werk Abwässer in den Ohio River, auf einer Farm daneben kippen Kühe um. 190 Tiere seien schon gestorben, schimpft der Bauer. Er weiß nicht, an wen er sich wenden soll, deshalb kontaktiert er Bilott - dessen Großmutter zufällig im selben Ort lebt.

Schnell ist offensichtlich, dass das schlierige Wasser aus dem Fluss tatsächlich etwas mit den toten Tieren zu tun hat, für den Anwalt ist es trotzdem eine heikle Angelegenheit: Seine Kanzlei arbeitet für DuPont, der Konzern ist ein großer und wichtiger Kunde. Den Fall ruhen lassen will Bilott trotzdem nicht. "Es ist nur eine kleine Sache, ganz schnell erledigt", sagt er zu seinem Chef (Tim Robbins). Doch so viel sei verraten: Diese kleine Sache zieht sich, nicht über Jahre, sondern Jahrzehnte. Und je mehr der unermüdliche Anwalt nachforscht, sich in das Thema eingräbt, desto ungeheuerlichere Dinge kommen ans Licht.

"The Lawyer Who Became DuPont's Worst Nightmare" hieß der Artikel des Journalisten Nathaniel Rich, der vor vier Jahren im Magazin der New York Times erschien und nun die Grundlage bildet für den Film von Todd Haynes. Und ein Albtraum ist diese Geschichte wirklich, nicht nur für den Chemiekonzern. Der ebenso kunstsinnige wie experimentierfreudige Regisseur ("I'm not there", "Velvet Goldmine") bleibt hier ganz nah am wahren Fall, einige der beteiligten Figuren spielen sich sogar selbst.

Natürlich weiß man, worauf es hinausläuft, ganz neu sind solche Fälle ja leider nicht. Und einen US-Konzern, der das Wasser vergiftet und nichts damit zu tun haben will, gab es auch schon in "Erin Brockovich": Da deckte Julia Roberts als Anwaltsgehilfin eine riesige Umweltsauerei auf, kämpfte für das Recht der Betroffenen und erstritt eine dreistellige Millionensumme. Da das einerseits auch schon wieder zwanzig Jahre her ist und sich Geschichte andererseits immer wiederholt, schaut man bei "Dark Waters / Vergiftete Wahrheit" erneut fasziniert hin. Nur ist die Bedrohung hier ungleich größer, die Hauptfigur noch unerbittlicher: Mark Ruffalo spielt Robert Bilott als kleinen unscheinbaren Mann, ohne Charme und ohne jegliches Hollywood-Charisma.

Solche Typen nimmt man für gewöhnlich gar nicht wahr, im wahren Leben nicht und noch viel weniger im Kino. Unterschätzen sollte man ihn aber auf keinen Fall, denn er ist hartnäckig und gibt nicht auf. Er riskiert sogar seinen Job, seine Gesundheit, die Liebe seiner Frau (Anne Hathaway). Während die Industriebosse nach dem Teflon-Prinzip vorgehen und versuchen, alles an sich abperlen zu lassen, selbst nach Gerichtsurteilen, setzt er sich fest und bleibt kleben.

Was wiederum ganz gut passt, da es am Ende tatsächlich um den gesundheitsschädlichen Stoff Perfluoroctansäure (PFOA) geht, den DuPont für die Herstellung von Teflon verwendet. Und damit sind nicht nur Bratpfannen oder Töpfe beschichtet, sondern auch Regenmäntel oder Rasierklingen. Auf den ersten Blick wirkt der Film wie ein klassischer, anfangs etwas behäbig erzählter Gerichtsthriller, der sich dann aber zu einem Drama über einen globalen Umweltskandal wandelt, der sprachlos macht. Und am Ende geht es nicht um ein paar tote Kühe oder kranke Fabrikarbeiter in West Virginia, sondern um einen Giftstoff, der inzwischen in den Körpern von 99 Prozent der Weltbevölkerung schlummert.

Dark Waters, USA 2019. Regie: Todd Haynes. Kamera: Ed Lachman. Mit: Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins. Tobis Film, 126 Minuten.

© SZ vom 12.10.2020/khil
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