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"Vergeltung" von Robert Harris:Männer und Raketen

Aus Liebe zum Stahl: Robert Harris' Weltkriegsthriller "Vergeltung" betont die libidinöse Dimension des "V2"-Raketenprogramms.

Von Felix Stephan

Alle Fotos dieses Spezials: Florian Haun, Michael Dziedzic, Christopher Burns, alle unsplash; Bearbeitung: SZ

Der neue Thriller des englischen Schriftstellers Robert Harris, "Vergeltung", erzählt eine Liebesgeschichte, die auf den ersten Blick nicht unbedingt als Liebesgeschichte erkennbar ist. Das hat zum einen damit zu tun, dass sich die Liebenden nur ein einziges Mal begegnen. Und zum anderen damit, dass sie einander keine parfümierten Briefe schicken, sondern V2-Raketen und Spitfires. Es ist das Jahr 1944, auf der einen Seite dieser Anbahnungen steht der deutsche Ingenieur Rudi Graf, der für die Technik der V2-Raketen zuständig ist, die die Wehrmacht von Holland aus auf London regnen lässt. Seit Monaten ist ihm klar, dass der Krieg verloren ist, aber weil er die Nazis fürchtet und insgesamt zum Fatalismus neigt, geht er stumm seiner Arbeit nach. Und auf der anderen Seite befindet sich die englische Offizierin Kay Caton-Walsh, deren Beruf es ist, in einem abgeschiedenen Büro fünfzig Kilometer von London entfernt tagein, tagaus die Luftbilder von deutschen Militäranlagen auszuwerten. Um nicht vor Langeweile umzukommen, fängt sie eine Affäre mit einem verheirateten Vorgesetzten an. Bei einem ihrer Treffen in einem Londoner Hotelzimmer schlägt ganz in der Nähe eine V2 ein, als handelte es sich um die Strafe eine verstimmten Gottes. Umgehend fasst sie den Entschluss, in ihrem Leben etwas Grundlegendes zu ändern: weniger ungebührliche Affären, mehr kriegsentscheidende Einsätze.

Der Roman erzählt von einem historischen Moment, in dem sich nichts entscheidet

Harris bleibt auch in diesem Thriller bei seinem Verfahren, fiktionale Figuren in historische Szenarien zu entlassen, in denen sie sich dann mit Gewissenskonflikten beschäftigen müssen. In dem vorangegangenen Roman "Munich" waren diese fiktionalen Protagonisten zwei Diplomaten aus Deutschland und England, die aus ihrer gemeinsamen Zeit in Oxford befreundet waren, und den historischen Hintergrund bildete Chamberlains Besuch bei Adolf Hitler in München. In "Vergeltung" sind die Protagonisten nun Graf und Caton-Walsh und der Hintergrund das V2-Programm, mit dem Hitler den Krieg in letzter Minute noch zu gewinnen hofft. Insgesamt feuerte die Wehrmacht mehr als 3000 Raketen auf London und andere Ziele. Die meisten jedoch schlugen weit entfernt vom Zentrum in Londoner Vororten ein. Die Wunderwaffe war zu ungenau, als dass im engeren Sinne von "Zielen" die Rede hätte sein können. Man hoffte eher.

Der große Unterschied zum Vorgänger-roman besteht nun darin, dass sich die beiden Hauptfiguren nicht an einer historischen Wegscheide befinden und auf den Verlauf der Geschichte im Grunde keinerlei Einfluss nehmen. Für den Kriegsverlauf war das V2-Programm weitgehend unerheblich. Im Nachwort erinnert Harris daran, dass bei der Entwicklung insgesamt etwa 20 000 Zwangsarbeiter ums Leben gekommen sind, also fast zehn Mal so viele, wie die Waffe auf der Seite des englischen Kriegsgegners letztlich Zivilisten getötet hat. Den Londoner Militärhistoriker Daniel Todman zitiert Harris mit der Bemerkung, das V-Waffenprogramm sei "die mit Abstand größte Verschwendung von Ressourcen durch ein kriegführendes Land in einem höchst verschwenderischen Krieg" gewesen. Es habe die deutsche Wirtschaft mehr Geld gekostet, als die Amerikaner für das Manhattan-Projekt ausgegeben haben.

Robert Harris: Vergeltung. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Heyne Verlag, München 2020. 368 Seiten, 22 Euro.

"Vergeltung" ist in diesem Sinne kein klassischer Robert-Harris-Thriller über geschichtliche Kippmomente. Das unausgesprochene Thema dieses Romans ist eher die Erotik, die sich in dem Motiv der V2-Rakete eben auch stets verbirgt. Den berühmtesten Roman über das V2-Programm hat Thomas Pynchon geschrieben und auch dort liegen Sex und Raketen sehr nah beieinander: Im Mittelpunkt von "Die Enden der Parabel", steht eine Figur, die aus rätselhaften Gründen zuverlässig eine Erektion bekommt, kurz bevor in London eine Rakete einschlägt, und auf diese Weise zu einer Art biologischem Frühwarnsystem wird.

Und in Stanley Kubricks ödipaler Komödie "Dr. Strangelove" geht es zwar um die Atombombe, aber auch Kubrick greift indirekt auf den Raketenfetisch der Nazis zurück: Beide Waffen wurden vom schneidigen deutschen Ingenieur Wernher von Braun entwickelt, der in seinem ledernen SS-Mantel nun auch durch Harris' Roman paradiert. Harris zeichnet ihn als eine Mischung aus Elon Musk und Emmanuel Macron, als futuristischen Menschenfänger, der mit seiner Rhetorik, seiner Furchtlosigkeit, seinem imperialen Gestus erst den deutschen Führer um den Verstand bringt und dann die Generäle Großbritanniens und der USA. Dass die Rakete hier also in erster Linie als Fortsetzung des Telefonsex mit anderen Mitteln gestaltet wird, ist nur konsequent.

Sehr explizit tritt die libidinöse Dimension des Raketenprogramm in einer Szene hervor, in der Rudi Graf mit seiner Flugbombe einmal nachts im Wald ganz allein ist. Er ändert die Zielkoordinaten und lässt sie statt auf London senkrecht in die Luft fliegen, während er unten am Boden zurückbleibt und mit geschlossenen Augen ihre Rückkehr erwartet. Aber sie ist unzuverlässig, das Schicksal launisch, sie kehrt jedenfalls nicht zurück. Die Sehnsucht bleibt unerfüllt, der Krieg geht verloren.

© SZ vom 29.10.2020

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