bedeckt München 21°

NS-Kunst:Hitlers Haare

Kürzlich fanden Fahnder Hauptwerke der NS-Zeit, darunter Hitlers bronzene Rösser. Doch es gibt noch ein drittes Pferd: Das steht legal auf einem bayerischen Schulhof.

Bildhübsch ist es hier im Sommer 2015. Eine Kulisse wie aus einem Spielfilm des Bayerischen Fernsehens: Am Horizont glitzert der Chiemsee, auf einer Anhöhe steht die kleine Rokokokirche des Dorffriedhofs. Nebenan liegt ein Hotel mit bemalten Kutschen im Hof, eine Reitschule und ein auf alt gemachtes Schlösschen: das Landschulheim. "Gehobenes Landleben im Einklang mit Sport, Landschaftsgenuss und Kultur" verspricht der bayerische Ort Ising den Gymnasiasten, die das Internat besuchen. Um den Kuchen im benachbarten Restaurant streiten sich die Wespen, ein Aufkleber auf einer Schultür warnt vor Nikotingenuss - mehr Drama scheint hier kaum vorstellbar zu sein.

Mal abgesehen von Weltkrieg und Völkermord.

Denn im begrünten Schulhof, zwischen Schlosstürmchen und Reitstall, bäumt sich Hitlerdeutschland noch einmal auf. Schnaubt, bläht die Nüstern, rollt wie wahnsinnig mit den Augen, schüttelt den Schweif, hebt einen Huf. Will angreifen, alle untertan machen, erst Polen, dann Europa, die Welt.

Auf dem Schulhof von Ising steht und lebt das Vorzeigepferd der Nazis: eine monumentale Bronze, drei Meter hoch, 3,20 Meter lang. Entworfen 1939 vom NS-Staatskünstler Josef Thorak. Damals war das Ross ein Schaustück des Regimes. Dann wurde es von der Öffentlichkeit bis heute vergessen.

Kurz vor Kriegsbeginn schuf der 50-jährige Bildhauer drei große bronzene Pferde. Die beiden anderen ließ er golden anmalen und gab sie Adolf Hitler. Der platzierte sie vor seiner Neuen Reichskanzlei in Berlin, dem Zentrum der Macht. Vom Arbeitszimmer aus konnte er die vorwärts stürmenden Tiere sehen: ein Versprechen auf weltweiten Sieg.

Die beiden Pferde haben nach 1945 eine lange Reise durchgemacht: Erst bemächtigte sich ihrer in der DDR die sowjetische Armee, dann, nach der Wiedervereinigung, wurden sie vermutlich gestohlen. Lange galten sie als verschollen. Erst in diesem Sommer konnte die Polizei sie sicherstellen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch wegen Hehlerei. Wahrscheinlich gehören die Skulpturen der Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des NS-Staates.

Nicht bekannt war bislang, was aus dem dritten Thorak-Ross wurde. Laut Werkverzeichnis des Bildhauers formte er das Tier zeitgleich mit den beiden Exemplaren für Hitler und schickte es 1939 auf die Große Deutsche Kunstausstellung nach München, die jährliche nationale Verkaufsschau der Nazis im NS-Bau Haus der Deutschen Kunst. Die Skulptur war mit einem Vermerk "unverkäuflich" versehen. Thorak stellte sie danach offenbar vor sein eigenes Atelier in Baldham nahe München. Als die Amerikaner einmarschierten und auch das Atelier besetzten, war das Pferd schon weg. Die Familie des Künstlers hatte es rechtzeitig beiseite geschafft, sodass es nicht wie andere Stücke zur Zielscheibe amerikanischer Schießübungen werden konnte.

In seinem Baldhamer Atelier entwarf der NS-Künstler Josef Thorak (1889-1952) unter anderem Skulpturen für Autobahnen.

(Foto: SZ Photo; Scherl)

Das dritte Pferd schimmert nicht golden, sondern hat altersgemäß grünlich-graue Patina angesetzt. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern ist das Tier nicht beschädigt und wurde nach seiner Erstmontage wohl nie wieder auseinandergebaut. Es befindet sich nach SZ-Recherchen schon seit 1961 auf dem Schulhof. Damals beglich Thoraks Witwe - ihr Mann war 1952 gestorben - mit dem Werk die Internatsgebühr für den Sohn. Seither besitzt die öffentliche Schule, zugehörig zum Zweckverband Bayerische Landschulheime, rechtmäßig eines der wenigen erhaltenen Vorzeigestücke der Naziherrschaft.

Das nach Weltmacht strebende Pferd steht im Schulhof ohne Schautafel, ohne erklärende Worte. Nur die Signatur des Künstlers auf dem Sockel verrät seine Identität.

Das Tier bleibe, wo es ist, heißt es aus der Schulleitung. Und man solle über die Sache nicht in der Zeitung berichten. Das Bildungsinstitut möchte offenbar nicht mit einem Hauptwerk der NS-Kunst in Verbindung gebracht werden. Was die Schulleiterin nicht hindert, sich auf der Website der benachbarten Reitschule vor dem Bronzepferd ablichten zu lassen, um für den Reitunterricht an der Schule zu werben. Der Name Thorak fällt in der Bildunterschrift nicht.

Während also das kulturpolitische Berlin sich die Köpfe heiß diskutiert, was mit den wiederentdeckten Skulpturen von der Reichskanzlei zu geschehen hat, darf Thoraks drittes Pferd in der bayerischen Provinz zum Sportunterricht animieren.

Ist das ein Skandal? Es ist deutsche Normalität. Denn etliche NS-Monumente sind noch unter uns, prägen Stadtbilder, in Parkanlagen und an Brunnen. Die Idee, Architektur benötige "Kunst am Bau", also Figurenschmuck, wurde 1934 für alle Hochbauten des Reiches verbindlich festgeschrieben. Nur weil den Nazis das Geld ausging, blieb Deutschland von den schlimmsten Auswüchsen verschont - zum Beispiel von übermenschlich großen, maßlos übertrainierten Männerakten, die Thorak an Hitlers Autobahnen anbringen wollte. Vieles aber steht noch offen herum. Manches stammt aus der NS-Zeit, manches aber auch, wie das Pferd vom Chiemsee, wurde erst in den Nachkriegsjahren aufgestellt.

Das Problem an der Sache: die Bilder heroisch übersteigerter Maskulinität, aufopferungsvoller Weiblichkeit oder aggressiver Pferde, all die Sinnbilder behaupteter Unbesiegbarkeit, sie werden an ihren Orten nicht erläutert und deshalb nur unbewusst wahrgenommen. Als Alltagseindrücke schleichen sie sich seit Kriegsende in das kollektive Selbstverständnis ein. Dagegen hilft nicht Verstecken und Zerschlagen, Vergessen und Verschweigen, sondern nur: Beachtung.

Josef Thorak

Josef Thorak in seinem Atelier - mit einem seiner Rösser.

(Foto: SZ Photo; Knorr + Hirth)

Lange sperrten Museumsleute ihr totalitäres Erbe in den Depots weg, aus Angst, die NS-Kunst könnte heute noch Seelen vergiften. Sie trauten dem Publikum nicht - und gleichzeitig überschätzten sie die angeblich zeitlose Verführungskraft faschistischer Kunst. Der eitle Thorak wäre froh, wüsste er, wie sehr seine Muskelprotze noch Jahrzehnte später gefürchtet werden.

Als kürzlich die beiden Berliner Bronzepferde aus der Halbwelt auftauchten, erlagen einige Kommentatoren dem alten Reflex und forderten: einschmelzen, schnellstens. Doch die Stimmung schlägt um. Jüngere Kunsthistoriker trauen dem Publikum und sich selbst einen distanzierten Blick auf das Getöse der Nazis zu. Gerade konfrontiert die Münchner Pinakothek der Moderne zwei Marmormenschen Thoraks mit Arbeiten der von den Nazis verfemten Avantgarde. Und Kulturstaatsministerin Monika Grütters will die von der Polizei sichergestellten Werke von Thorak und Co. kritisch ausstellen, sollten sie ihrem Ministerium zugesprochen werden.

Auch das - anatomisch übrigens völlig verzerrte - Schulpferd von Ising könnte zu mehr taugen als zum Ansporn für den Reitunterricht. Es könnte erzählen vom Aufstieg eines mittelmäßigen, aber ruhmesbedürftigen Künstlers unter einem bildersüchtigen Regime. Eigentlich war der Österreicher Thorak Töpfer, doch er hatte eine Nase für wichtige Kontakte. In der Weimarer Republik gewann er mit seinem figürlichen Stil den einflussreichen Museumsmann Wilhelm von Bode für sich. Von 1933 an suchte der impulsive, leicht chaotische Mann die Nähe der neuen Machthaber. Mit Erfolg: 1937 durfte er Deutschland auf der Weltausstellung in Paris repräsentieren - auf derselben Schau also, auf der Picasso mit seinem Antikriegs-Gemälde "Guernica" gegen NS-Deutschland Stellung bezog. Bei Thorak wird nicht gelitten, es zerbersten keine Figuren wie bei dem Spanier: Er zeigt zwei nackte, sehr verspannte "Kameraden", die sich an den Händen halten.

Für seine gigantomanen Gipsfiguren, die den Skulpturen vorausgingen, baute Hitlers Baumeister Albert Speer Thorak bald darauf das Atelier in Baldham bei München - ein millionenschweres Geschenk des "Führers", der seinen Liebling als "Gottbegnadeten" vom Fronteinsatz befreite.

Mehr als 16 Meter hoch ist die Werkstatt und lässt auf alten Fotos alles, was lebt, klein erscheinen: eine Nackte, ein Pferd aus Fleisch und Blut, auch den Künstler selbst, wie er auf einem Berg aus gipsernen Gliedern herumturnt. Jetzt gerade baut die archäologische Staatssammlung in der Halle hohe Regale ein: Ihre unempfindlicheren Funde lagern hier. Die Steine der Kulturgeschichte sollen die Marmorhülle des totalitären Bildermachers neutralisieren, ihm symbolisch das Menschheitserbe entgegensetzen. Denn noch unheimlicher als weiße Gipsriesen in so einem glasbedeckten Tempel des Größenwahns wäre wohl nur die nackte Leere.

Auf dem Markt kursieren NS-Devotionalien und Großskulpturen

Das Thorak-Atelier ist heute von einem wilden kleinen Wald zugewachsen. Von der Straße aus sieht man es nicht. Wie jeden, der Nazi-Architektur und -Kunst staatlicherseits verwahrt, so plagt auch hier die Verantwortlichen die berechtigte Sorge, allzu offen ausgestellt, könnte das Nazihaus Schaulustige mit fragwürdiger Gesinnung anziehen. Diese Sorge mag auch das Gymnasium Ising davon abhalten, auf Texttafeln offensiv über die Herkunft des Schulpferdes zu informieren.

Der NS-Staatskünstler Josef Thorak (1889-1952) schuf 1939 ein Schaustück, das heute auf einem Schulhof am Chiemsee steht.

(Foto: oh)

Doch wer will, findet den Standort des dritten Pferdes in der Bibliothek: im 1992 erschienenen Werkverzeichnis Thoraks, einer in München eingereichten Dissertation. Und: Je weniger an Täterorten, mit Täterstücken aufgeklärt wird, desto irrwitziger werden die Geschichten, die im Untergrund kolportiert werden.

Der Markt floriert derweil. Thorak-Werke werden kräftig gehandelt. Die Pferde von der Reichskanzlei wurden auf ihrer illegalen Odyssee von Zwischenhändler zu Zwischenhändler weiterverkauft, immer mit sechsstelligem Preisaufschlag. Am Ende verlangte einer acht Millionen Euro für die Bronzen.

Auch andere, legal gehandelte Stücke der NS-Künstler erfreuen sich auf dem Kunstmarkt nationaler wie internationaler Nachfrage, versichert ein Verkäufer aus Berchtesgaden, der es wissen muss. Beim Interview mit der SZ zückt der Händler eine Fotomappe mit einer Reihe frei stehender Skulpturen, eindeutig von Josef Thorak. Wo sie sich befinden? In Privatbesitz. Was sie kosten? Kein Kommentar.

Dann aber kommt der diskrete Endfünfziger im blauen Seidenhemd doch ins Plaudern. Und erzählt - nicht zum ersten Mal - die Story von Hitlers Haaren.

Sein Mitschüler hatte demnach einen Onkel, der war Hitlers Friseur am Obersalzberg, neben Berlin ein Machtzentrum des Regimes. Hitler habe befohlen, alle abgeschnittenen Haare verbrennen zu lassen. Einmal aber sei es dem Onkel gelungen, unter der Schuhsohle ein Büschel festzutreten und es zu behalten. Der Friseur sicherte die Strähnen mit Kreppband und schickte sie seiner Mutter, bevor er an der Front starb. Die verkaufte es angeblich im hohen Alter dem Kunsthändler, der wiederum fand einen "rein historisch interessierten" Abnehmer. Es folgt eine wilde Geschichte, wie der Händler und sein Kunde die DNA des Haares mit der DNA von Hitlerverwandten verglichen haben wollen: "Und es stimmte." Bedauerlich sei nur, sagt der Kunst- und Lockenverkäufer, dass man Hitlers 1960 gestorbene Schwester Paula nicht habe exhumieren lassen können. Apropos: Paula habe er als kleiner Bub in Berchtesgaden ja auch noch persönlich kennengelernt.

Das sind so die Storys, die kursieren in Kreisen, die dafür empfänglich sind. Ihnen werden die NS-Reliquien nie ausgehen - gerade wurde in München Hitlers Bartbürste versteigert. Ganz sicher trocknet es diesen Markt nicht aus, wenn man staatlicherseits alle Realien aus den NS-Machtzentren wegsperrt wie Kostbarkeiten.

Leerstellen füllen sich gerne mit Fantasie. "Dem müssen wir historische Zusammenhänge entgegenhalten", sagt der Kunsthistoriker Christoph Zuschlag, der an der Universität Koblenz-Landau zur NS-Kunst forscht. "Das Ausstellen von NS-Werken ist wichtig - aber es kommt sehr auf die Inszenierung der Objekte an, besonders natürlich bei einem Propagandapferd, das auf einem Schulhof steht."

Für einen Bruch in der Inszenierung hat im Schullandheim Ising am Chiemsee schon jemand gesorgt. Gewitzte Schüler haben offenbar einen Streich ersonnen: Sie sind hochgeklettert oder herbeigeritten und haben dem dritten Gaul von Josef Thorak eine Papp-Krone aufgesetzt. Das Vorzeigetier des "Dritten Reichs" zieht immer noch in den Kampf um die Weltherrschaft. Aber es trägt dabei nun das Werbegeschenk einer Imbisskette auf dem Schädel.