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Verfilmung: Fantastic Mr. Fox:Späte Rache

Diese flirrende Ambivalenz hat viel mit dem Ort gemeinsam, an dem Roald Dahl mit seinen fünf Kindern und später mit seiner zweiten Frau, die er 1983 geheiratet hat, bis zu seinem Tod gelebt hat. Einerseits trifft man hier in Great Missenden auf eine geradezu kitschig schön wuchernde Wald-, Wiesen- und Hügellandschaft. Das Städtchen mit seinen kleinen Häusern und den großen Hecken, den gewundenen Wegen, die zu Dahls Anwesen führen, sieht aus, als sei sie von einem Kinoprospektmaler in eine rundum friedliche Welt gesetzt worden. Und, wo bleibt jetzt das Aber? Es gibt keins. Es gibt nur ein Holzschild, in das "Gipsy House" geschnitzt worden ist und das die Grenze zum Anwesen der Dahls markiert. Wie war das? Ein Zigeuner-Haus?

Roald Dahl, getty

Alles andere als ein Stubenhocker: Statt zu studieren, ging der Schriftsteller Roald Dahl zunächst für Shell Oil Company nach Tansania, im Zweiten Weltkrieg flog er Kampfflugzeuge. Das Bild zeigt in seinem Garten in England.

(Foto: Foto: getty)

Typisch englisch, ausgetüftelt verwinkelt

Das "Gipsy House" ist ein unprotziges, aber wunderschön mit Sträuchern und Efeu zugewachsenes Anwesen. Der riesige Garten, der es umgibt, wirkt, als sei er ganz und gar für Kinder erschaffen worden, die sich hier einem aufwendig restaurierten alten Zirkuswagen und einem Hecken-Labyrinth vergnügen können. Alles ist, typisch englisch, ausgetüftelt verwinkelt und bis ins kleinste verwilderte Detail durchgestaltet. Die geschmackvoll behagliche Welt reicht bis ins Haus hinein.

Roald Dahl war ein durch und durch bürgerlicher Mensch, was Felicitas Dahl jetzt gern bestätigt. Und dass die eheliche Partnerschaft in Dahls Geschichten immer recht genau in arbeitende Männer und fügsame Hausfrauen aufgeteilt gewesen sei, das sei bestimmt nicht nur als Satire gedacht gewesen, das entspreche durchaus den Ansichten ihres Mannes. Auch im Fall des Paares Dahl sei das schließlich so gewesen. "Wir wollten bei unserer Hochzeit beide, dass ich mich um das Haus und die Kinder kümmern werde und nicht mehr arbeite. Nein, man muss die Dinge richtig machen."

Die heile Welt des Roald Dahl steht allerdings im Widerspruch zu seiner eigenen Kindheit und nicht wenig auch zu seinen Büchern. Als Kind hasste Dahl seine Lehrer für die schweren Prügel, die sie ihm verpassten. Und stets lauert in seinen Geschichten etwas Grausames, und sei es nur das Grausame des völlig Unvorhergesehenen, das die anfangs heile Welt in Stücke gehen lässt. Selbst in Kinderbüchern wie "Hexen hexen" scheut er bei seinen phantastischen Einfällen, wenn aus Kindern Mäuse werden, vor Härte und Konsequenz nicht zurück, Dahls Geschichten sind nie lieblich. Manchmal tun sie weh. "Subversiv" nannten Kritiker seine Ideen, als ob sie immer etwas unterlaufen wollen, das sich selbstzufrieden selbst feiert, die Welt der Erwachsenen. Bis alles schiefgeht, die Ironie des Schicksals unbarmherzig und mit schrecklichem Gelächter zuschlägt.

Felicitas Dahl lächelt, als sie die Frage hört, ob seine Geschichten aus "Küsschen, Küsschen" so etwas wie die späte Rache ihres Mannes an den Erwachsenen gewesen sei, die ihn als Kind schlecht behandelt hätten und deren Gewalttätigkeit er ausgeliefert war. "Oh, ja", sagt sie. "Das kann durchaus sein. Er war immer auf der Seite der Kinder - und immer gegen die Erwachsenen." Auch in "Fantastic Mr Fox" triumphieren die von den profitgierigen Bounce und Bean gejagten Tiere am Ende über die selbstherrlich mächtigen Menschen.

Gespitzte Bleistifte in einer Plastiktasse warten nur auf ihn

Nicht weit von Dahls "Gipsy House", das für die Öffentlichkeit bis auf wenige Besuchstage im Jahr gesperrt ist, liegt das Roald-Dahl-Museum. Das Museum feiert Dahl, natürlich, aber vor allem kämpft es im Sinne des Schriftstellers und Drehbuchautors dafür, Kinder zum Schreiben zu animieren. Was bei Dahl meint: Denkt euch Geschichten aus. Dahl gibt viele Tipps, wie man Ideen ersinnt, wie man sie sammelt und strukturiert. Überall liegen Zettel und Bleistifte bereit, an Tafeln sollen die Kinder Storyboards hinterlassen, Geschichtenentwürfe.

Dahl wusste, wie wichtig Disziplin und Handwerk in seinem Beruf sind, er war ein langsamer Arbeiter, der um jeden Satz kämpfte. Jeden Morgen verließ er die heile Welt und setzte sich in einen kahlen Raum, in dem ein Ohrensessel stand und kein Schreibtisch. Auf den Sessellehnen lag ein Brett. Es diente Dahl als Schreibunterlage. Dahl war ein nüchterner Schriftsteller, dessen Kunstfertigkeit in der nackten Klarheit seiner verrückten Ideen lag. So hart hat er auch gearbeitet. In seinem Arbeitsgefängnis ist seit 20 Jahren nichts verändert worden. Die Brille auf dem Brett liegt dort, als sei er nur kurz fortgegangen. Die gespitzten Bleistifte in einer Kaffeetasse warten nur darauf, dass er sich wieder hinsetzt und weitermacht, eisern und konzentriert, um die ihn umgebende heile Welt mit seinen Einfällen aufs Neue zu demontieren.