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Verfahren in der Türkei soll neu aufgerollt werden:Aslı Erdoğan wieder im Fokus

Von Tomas Avenarius

Das PEN-Zentrum Deutschland kritisiert, dass die türkische Justiz das Ver-fahren gegen die Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Aslı Erdoğan neu aufrollt. Der preisgekrönten Autorin waren bereits in einem früheren Verfahren die "Mitgliedschaft in einer Terrororganisation" und die "Untergrabung der nationalen Einheit" der Türkei vorgeworfen worden. Der Staatsanwalt hatte neun Jahre Haft gefordert, nach 136 Tagen Untersuchungshaft war Erdoğan aber freigesprochen worden. Sie ging nach Deutschland ins Exil und ist nun Teil des "Schriftsteller im Exil"-Programmes des PEN.

Nun soll das Verfahren trotz Ablauf einer Einspruchsfrist erneut aufgerollt werden. Grundlage des ersten Verfahrens waren die Texte, die Erdoğan als Kolumnistin für die Zeitung Özgür Gündem verfasst hatte. Das prokurdische Blatt war über Jahre hinweg von der Justiz verfolgt worden, nach dem gescheiterten Militärputsch von 2016 wurde es verboten. Aslı Erdoğan selbst, die schwer erkrankt sein soll, erklärte zur Wiederaufnahme des Verfahrens: "Was soll man erwarten von einem Land, das mehr Journalisten verurteilt hat als Russland und China zusammen?" PEN-Vizepräsident Ralf Nestmeyer erklärte: "Das türkische Justizsystem ist zum verlängerten Arm eines Despoten degradiert worden, der sich mit allen Mitteln an die Macht klammert und politische Gegner gnadenlos bekämpft."

© SZ vom 03.07.2020

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