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Vereinigte Staaten:Melonen und Marihuana

Buchcover für die Literaturbeilage vom ET 9.10.2018

Paul Beatty: Der Verräter. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens. Luchterhand Verlag, München 2018. 351 Seiten, 20 Euro.

Aus den Zeiten, als subversiver Humor noch geholfen hat: Der mit dem Man Booker Prize ausgezeichnete Paul Beatty probt in der brillanten Satire "Der Verräter" die Wiedereinführung der Rassentrennung.

Manchmal könnte man heulen. Zum Beispiel ganz am Schluss des Romans, wenn der schwarze Clubvorsitzende Foy Cheshire "am Tag nach der Amtseinführung unseres schwarzen Kumpels stolz wie Bolle in seinem Mercedes-Coupé durch die Stadt fuhr, hupend und die amerikanische Flagge schwenkend. Er feierte nicht als einziger; die Freude im Viertel war zwar nicht ganz so groß wie nach dem Freispruch von O. J. Simpson oder 2002 nach der Meisterschaft der Lakers, aber fast."

2015 wurde "Der Verräter", im Original: "The Sellout", von Paul Beatty in den USA veröffentlicht, da blickte man schon auf fast zwei Amtszeiten Obamas zurück. Und Beattys furioser und manchmal aggressiver Humor arbeitete sich an einer komplizierten Dialektik von schwarzer Kultur, Subversion, gespielter Affirmation und Widerstand ab, einer vielschichtigen, windungsreichen Geschichte der Selbstdefinitionen schwarzer Amerikaner. - Und jetzt das! Ein Jahr nach der Veröffentlichung haben wir Trump und die Wiedergeburt eines Gespenstes: der White Supremacy als verschwörungstheoretisch verbrämte regulative Idee.

Der Leser könnte heulen, für einen Moment, am Ende der Lektüre. Doch nein, so geht das nicht! Es wäre eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, nicht nur der realen sozialen und kulturellen Geschichte, sondern auch Paul Beatty, dem Roman und seiner satirischen Weltaufschließungskunst gegenüber. Und der ganzen Tradition von Spott, Satire, Ironie und hinterlistiger Bedeutung, die sich co-evolutionär zur amerikanischen Gesellschaft über Jahrzehnte entfaltet hat, im Roman und im Film, in Popmusik und Mode und Sprachformen und Verhaltenscodes. Und gegenüber der Reflexion, die jene Codes befragt und um- und umwälzt.

Unter allen satirischen Mitteln benutzt Beatty besonders lustvoll das der Liste

Genau dies, das frech-freudige Umwälzen der popkulturellen Codes geschieht in "Der Verräter" exzessiv. Das Buch ist bis zum Bersten der Sprache gefüllt mit den Elementen einer schwarzen Kultur, die das ganze 20. Jahrhundert umfasst, und mit einem Humor, der sie permanent in Frage stellt, der sie, philosophisch gesprochen, ent-essentialisiert. Mit Übertreibung und Großsprechertum, mit Slang und Wissenschaftsjargon, abendländischem Bildungszierrat und hartem Rhythmus, mit aberwitzigen Metaphern, ins Nirvana leitenden Metonymien und unter allen satirischen Mitteln besonders lustvoll mit Listen, der Kunst der Aufzählung, die eine neue Taxonomie der Dinge nahelegt.

Der Ich-Erzähler ist Farmer (Melonen und Marihuana) in Dickens, einer brandgefährlichen schwarzen Gemeinde in South-Central Los Angeles. Das ist ein Slapstick-Eldorado, wo es alle Drogen und Waffen und unbekannte berühmte alternde Filmstars gibt, aber normalerweise keine Bauern. Nur unser "Heros", so heißt der Erzähler dank eines kleinen manipulativen Spracheingriffs, züchtet neben M & M auch Satsumas und, nach einem Studium der Nutztierwissenschaften, Strauße. Strauße? "Das echte Geld würde ich aber durch den Verkauf von Zuchttieren an Nigger-Neureiche machen, weil ein Strauß im Durchschnitt nur circa vierzig Pfund essbares Fleisch hat, weil Oscar Wilde tot ist und weil niemand mehr Federboas und gefiederte Hüte trägt, ausgenommen Drag-Queens über vierzig, bayerische Tuba-Spieler, Marcus-Garvey-Imitatoren und Pfefferminzlikör süffelnde Südstaaten-Schönheiten, die beim Kentucky Derby Dreierwetten abschließen und selbst dann nicht bei Schwarzen kaufen würden, wenn diese das Geheimnis für faltenlose Haut und Zwanzig-Zentimeter-Schwänze im Angebot hätten."

Wieviel schwarze Geschichte geht in einen harmlos daherkommenden Satz, der sich zwischendurch im Sinnlosen verliert, um in seinem Verlauf einen neuen Horizont zu eröffnen? Wieviel echten Output generiert eine Serie von ins Absurde tendierenden Übertreibungen der kennerhaften Art (Wer ist Marcus Garvey?), die in keinen einzelnen Kopf passen? Das ist eine Frage an den ganzen Roman. Er tut eine Weile so, als ob er ein Entwicklungsroman wäre, um sich dann aber eher kleinteilig und mittels hingewürfelter Stationen aus komischen und pointiert erzählten Episoden des sozialen Wahnsinns zu regenerieren.

Sogar der wohl wichtigste Teil Handlung hat diese Drehung ins Nirwana der Bedeutung. Der Erzähler hat nämlich die Nase voll von den unbewussten und halb verdeckten rassistischen Vorurteilen, die bis in die Gehirnwindungen der Schwarzen selbst wirken, die glauben, dass mit der juristischen Gewährung der Bürgerrechte schon irgendwas gelöst wäre. Also beschließt unser unzuverlässiger erzählerischer Gewährsmann, die Rassentrennung in den bescheidenen Verhältnissen seiner ziemlich durchgedrehten Umgebung wieder einzuführen. Da trifft es sich gut, dass sein Ex-Filmstar-Freund, der ehemals kleine Schwarze mit dem Afro und den weit aufgerissenen Augen, der letzte Überlebende der ˋKleinen Strolche, dass also der kleine große Hominy Jenkins, in alter Anhänglichkeit an kulturelle Einschreibungen, gerne von ihm als Sklave gezüchtigt werden möchte. Und dass Heros'ˋ Ex-Freundin und Immernoch-Geliebte Marpessa Busfahrerin und äußerst gewitzt ist und sich mit dem alerten Straußenzüchter an Rosa Parks und deren historisches Sitzenbleiben in einem Rassentrennungsbus in Alabama in den fünfziger Jahren erinnert. Unser Heros wickelt nun diesen zweifelhaften Fortschritt ab, indem er Schilder im Bus anschlägt, die auffordern: "Ggf. für Senioren, Behinderte und Weiße freigeben".

High ist gar kein Ausdruck. Sein Blick gleitet durch hundert Jahre schwarzer Tagträume

Und weil er schon einmal dabei ist, beider fröhlichen Segregation, etabliert er in Dickens gleich auch eine rein weiße Mittel-Schule, jedenfalls hängt er ein paar bunte Fotos und Sprüche auf, die das ankündigen. Weil obendrein das gewalttätige schwarze Nest Dickens bei einer Gebietsreform im LA-County seinerzeit beseitigt wurde, gründet er das kriminelle schwarze Städtchen mit einem Sportplatzkreidelinienwagen auch gleich neu: Geh, erzähl es auf dem Sportplatz, zieh erst mal eine neue Grenze, mit weißem Kalk, auch gern in Schlangenlinie!

Nun inszeniert Beatty diese Inversionen einer halbwegs emanzipativen Sozialgeschichte nicht mit mächtigem Aplomb, wie man es von großen Satirikern wie Jonathan Swift oder, ähem, Günter Grass kennt, sondern eher zaudernd und bedenkenträgerisch. Er lässt sogar im Roman erklären, dass dieses revisionistische Mittel wieder bewusst machen könnte, wie schlecht es um die Lebenschancen auch unter Bedingungen formaler Gleichheit bestellt ist. Lakonisch und wie nebenbei heißt es, diese rassistischen Interventionen hätten fördernd gewirkt, die Schwarzen seien jetzt bessere Schüler, und im Bus seinen alle respektvoll miteinander. Kurz: Beatty will diese Inversion der Emanzipation nicht zu dem heißen Zentrum des Romans machen (deswegen heißt er auf englisch auch nicht "Der Verräter"), sondern als eine rhetorische und sozial-operative Intervention unter anderen vorstellen, die einen ununterbrochenen Strom an Fragen nach den geltenden Codes der Kommunikation und des Verhaltens erzeugen.

Die Antwort aber klingen immer anders, können immer nur andersherum verstanden werden - weil wir es nämlich mit Literatur, mit richtig guter Literatur zu tun haben.

In Beattys Roman liegen diese Literatur und ihr Held zum Beispiel bekifft unterm Tisch im Supreme Court der USA. Dort unten im obersten Gericht beginnt und endet der Roman. Eine große Inszenierung! Weed und Constitution! Rausch und Gesetz! Die Bong und die Bank der schwarzen Roben!

Es zeigt sich, dass das Problem mit den wirklich wichtigen Dingen die wirklich wichtigen Dinge selber sind, die Fokussierung aller Probleme auf eine unbedingte Frage. Oder, wie Heros es sagt: die "Einsicht, dass es nichts Unbedingtes gibt, es sei denn, man stößt darauf. Die Einsicht, dass Widersprüche weder Sünde noch Verbrechen sind, sondern menschliche Schwächen wie der Glaube an die Willensfreiheit und Haarspliss." Hier ist sie wieder, die Aufzählung, wenn auch in Kurzform, die eine neue Ordnung der Dinge gebiert: Freiheit und Haarspliss.

Dass man dieses überquellende ˋLiteraturereignis des "Cross the Border - Close the Gap"ˋauch auf deutsch betört halluzinieren kann, ist auch dem Übersetzer Henning Ahrens zu verdanken, der in Sachen Beatty-Mimesis Ulrich Blumenbach und Robin Detje nachfolgt. Teils mäandert Ahrens dem Original vor allem rhythmisch und pointenstark hinterher, teils geht er deutsche idiomatische Wege und folgt, vor allem bei den überlangen übervollen Sätzen, seinem ausgeprägten musikalischen Sprachgefühl. Es ist sicher von Vorteil, dass Ahrens in seiner eigenen erzählenden Literatur auch zu pseudorealistisch aufgezogenen Farcen neigt.

Heros jedenfalls hängt mit seiner Haschischpfeife halb unter dem Tisch bei seinem finalen Prozess vor dem Obersten Gerichtshof in Washington, der Rassentrennung angeklagt, high ist gar kein Ausdruck. Sein Blick gleitet durch hundert Jahre schwarzer Tagträume, Daddys Sozialkundeunterricht und den Thunfischwrap der Justizwachmeisterin. Nihilismus und Tiefenschärfe fügen die Dinge neu, konstellieren sie immer überraschend und dennoch lesbar. Man muss den bekifften Listen, spekulativen Mesaillancen und hart gerappten Fügungen im Roman nur mit jener Empathie folgen, derer gute kluge Literatur immer bedarf.

Paul Beatty hat seine Mittel über viele Jahre entwickelt. Der Schüler von Allen Ginsberg war Poetry-Slammer, lehrt Creative Writing an der Columbia Universität in New York, hat eine bahnbrechende Anthologie zum schwarzen Humor herausgegeben und eine Reihe turbulenter Romane auf der Suche nach dem coolen, übervollen, aberwitzigen, großmäuligen, den Weltaugenblick treffenden Ton verfasst (einer, "Slumberland", spielt übrigens in der Berliner Musikszene); und er hat ihn gefunden als der Sprachmusiker, der er ist.

Er kann jetzt immer so weitermachen, der Stoff wird ihm nicht ausgehen, der soziale nicht, der psychologische nicht, nicht der Sound, und schon gar nicht die Wassermelonen und das Marihuana und die Satsumas, die baut Beattys Heros schließlich auf seiner Farm selber an.