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Deutsche Sprache:Die Wanne ist voll

Das Gendersternchen, twitterte der VDS kürzlich, sei "im Prinzip auch nix anderes als fünf Deppenapostrophe in kreisförmiger Anordnung".

Eine Gruppe von Prominenten um den "Verein Deutsche Sprache" fordert: "Schluss mit dem Gender-Unfug!" Persönlichkeiten wie Rüdiger Safranski, Sibylle Lewitscharoff oder Dieter Hallervorden begeben sich damit in trübe Gesellschaft.

Am Aschermittwoch hat die Zeit der traurigen Vereine begonnen. Der "Verein Deutsche Sprache" (VDS) in Dortmund ist so ein trauriger Verein. Der VDS tritt für Sprachreinheit ein, kürt den "Sprachpanscher des Jahres" und unterhält einen "Anglizismen-Index", bei dem man im Internet auf den Knopf "Einen neuen Anglizismus melden" drücken kann. Nun hat der Verein pünktlich zum Aschermittwoch - und zum Weltfrauentag - einen "Aufruf zum Widerstand" veröffentlicht: "Schluss mit dem Gender-Unfug!"

Die Feder dieses Aufrufs haben die Schriftstellerin Monika Maron, der Stilfibelautor Wolf Schneider, der Vereinsvorsitzende Walter Krämer und der frühere Lehrerverbandspräsident Josef Kraus geführt. Sie stoßen sich an dem Versuch, bei generischen Bezeichnungen von Menschen nicht immer nur die maskuline Form zu benutzen. Dieser Versuch produziere "eine Fülle lächerlicher Sprachgebilde" - wie etwa "Die Radfahrenden" - sowie Inkonsequenzen, wenn zum Beispiel ein Lokalpolitiker sich bei den Wählerinnen und Wählern bedanke, ohne sich selbst "Bürgerinnen- und Bürgermeister" zu nennen. Oder gar das Gendersternchen, über das der VDS vor einigen Tagen per Twitter die sprachwissenschaftlich sachliche Mitteilung gemacht hat, es sei "im Prinzip auch nix anderes als fünf Deppenapostrophe in kreisförmiger Anordnung".

Einer der Erstunterzeichner war der Ex-Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen

Traurig ist das deshalb, weil einige respektable Gelehrte und Persönlichkeiten den Anti-Gender-Appell unterzeichnet haben, sich damit aber in eine trübe Gesellschaft begeben. So etwa der Philosoph Carl Friedrich Gethmann, Mitglied im Deutschen Ethikrat; der Kritiker Gerhard Stadelmaier; der Germanist Gert Ueding; die Autoren Rüdiger Safranski, Bastian Sick, Peter Schneider, Günter Kunert, Reiner Kunze; die Schriftstellerinnen Sibylle Lewitscharoff und Katja Lange-Müller; auch der Kabarettist Dieter Nuhr und der berühmte Sprachpanscher Dieter Hallervorden ("Die Wanne ist voll").

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Gemein aber machen sich diese Leute auf der Liste der Erstunterzeichner mit dem dubiosen Fernsehprediger Peter Hahne; dem Islamhasser und Compact-Autor Rolf Stolz; der rechten Publizistin Cora Stephan; und nicht zuletzt dem wegen Verschwörungstheorien in den Ruhestand versetzten früheren Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen.

Deutschland hat aus historischen Gründen keine zentrale Sprachakademie. Diese Aufgabe teilen, ohne übertriebene Anmaßung, die Duden-Redaktion, die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, das Mannheimer Institut für Deutsche Sprache und der Rechtschreibrat untereinander auf. In die normative Lücke, die diese Institutionen lassen, stößt regelmäßig der sprachkonservative VDS. Manchen seiner Mitglieder mag die Pflege unserer Sprache ernsthaft am Herzen liegen, die für sich genommen nicht reaktionär ist, sondern notwendiger denn je. Aber mit Aufrufen gegen "Gender-Unfug" begibt man sich keineswegs bloß in die Nähe der CDU-Vorsitzenden, die da "das verkrampfteste Volk der Welt" am Werke sieht, sondern in den Dunstkreis der AfD, die dieses Thema emotional instrumentalisiert.

Und wie steht es mit der Bemühung um geschlechtsneutrale Sammelbezeichnungen selbst? Das von dem Widerstandsaufruf als objektiv hochgehaltene Dogma, dass natürliches und grammatisches Geschlecht klar zu trennen seien - also etwa männliche Ärzte und "Ärzte" überhaupt -, ist inzwischen auch unter Linguisten (und -innen!) umstritten; es unterliegt selbst dem Sprachwandel und ist auf der Rezeptionsseite der Sprache zweifelhaft - also dort, wo es darauf ankommt, wer sich wie angesprochen fühlt. Andererseits hat das Deutsche einfach das Pech, dass sich das Mitmeinen aller Geschlechter oft nicht ohne Verzicht auf sprachliche Eleganz einbauen lässt. Wegen dieser Umständlichkeit ist es schwierig, völlige Konsequenz zu üben, auch die Süddeutsche Zeitung tut dies bislang nicht. Aber über all dies sollten gerade Menschen mit Sprachgefühl wohl besser mit Wohlwollen und Umsicht diskutieren, anstatt sich an die Fronten der Fanatiker zu begeben.

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