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Verbotener Klassiker:Entsetzliches in bester Absicht

In seinem großen Roman "Tschewengur" erzählt Andrej Platonow von den Anfängen der kommunistischen Gesellschaft. Er schildert alle Spielarten revolutionären Wahns.

Von Sonja Zekri

Zu Beginn sei eine Warnung ausgesprochen, eine Warnung vor der Beschäftigung mit diesem Buch. Nicht, weil es eine allzu packende Lektüre wäre. Andrej Platonows "Tschewengur", die Geschichte einer Stadt, die den vollkommenen Kommunismus verwirklicht hat, aber dann in jeder erdenklichen Hinsicht scheitert, ist zwischendurch eine ziemlich zähe Angelegenheit, wenn auch mit Tarantino-würdigem Finale. Aber da ist auch schon passiert, was bei Platonow immer passiert: Der Versuch, einen Unvergleichlichen zu vergleichen. Dabei hat Platonow in der russischen Literaturgeschichte nicht seinesgleichen: die gehörte Sprache, der sanfte verzweifelte Idealismus, der den historisch einmaligen Moment ebenso beschreibt wie die ganze Menschheitsgeschichte. Wer sich in Platonows Welt begibt, der wird sie womöglich mit Erleichterung verlassen, ganz sicher aber mit dem Gefühl des Verlustes. Selbst gute Bücher wirken danach ein klein wenig blasser, weniger fantasievoll, nicht so hellsichtig. Platonow, dessen Werke zu Lebzeiten so gut wie nicht gedruckt wurden und der fast 70 Jahre nach seinem Tod, zum zweiten Mal wieder entdeckt wird, verdirbt seine Leser.

Ende der Reisewarnung.

Aufbruch nach "Tschewengur", jenem utopischen Ort des Titels, der völlig unutopisch irgendwo bei Woronesch südlich von Moskau liegt. Hier treffen sich in der zweiten Hälfte des Buches all jene Personen, die in der ersten Hälfte auftreten: Zuallererst Sascha Dwanow, dessen Vater Fischer war und in den See gegangen ist, um das Rätsel des Todes zu ergründen. Sascha Dwanow ist Menschenfreund und Heilsgestalt, gütig, verzeihend, naiv. Zugleich trägt er autobiografischen Charakter: Wie Platonow ist auch Sascha Dwanow achtzehn Jahre alt, als die Oktoberrevolution ausbricht, beide kämpfen als Soldaten an den Fronten des Bürgerkriegs, beide gelangen als Bewässerungsingenieure ins Gebiet von Woronesch.

Fast 70 Jahre nach seinem Tod kann der Autor, zum zweiten Mal wiederentdeckt werden

Dwanows treuer, etwas tumber Gefährte ist Kopjonkin, der auf einem riesigen Pferd namens "Proletarische Kraft" durch die Steppe springt und im Herzen eine unerfüllte Liebe zu Rosa Luxemburg trägt. Gemeinsam streifen sie durch das aufgewühlte Land, um den vollkommenen Kommunismus zu suchen, Kopjonkin in Don-Quichotte-haftem Draufgängertum mit Rosas Grab als Lebensziel, Sascha im Auftrag der Partei, damit diese ein Bild gewönne über "das sich abzeichnende eigenständige Heranwachsen des Sozialismus innerhalb der Massen".

Zu diesem Zeitpunkt ist der Bürgerkrieg schon vorbei, aber die Menschen leiden noch immer, ja, wenn sich ein Motiv durch das Buch zieht, dann ist es die Not auf dem Land, wo die Armen "in ihrem Wuchs vermindert" werden vor lauter "Hoffnungslosigkeit des Lebens". Die Alten haben es besser, denn sie ertragen jeden Schicksalsschlag etwas leichter als den vorhergehenden, aber die Jungen sind schlimm dran. Gleich zu Beginn vergiftet eine Mutter ihr Kind, um ihm den Hungertod zu ersparen, und als am Ende in Tschewengur ein Junge stirbt, bricht für Kopjonkin eine Welt zusammen: Offenbar ist Tschewengur doch nicht das Paradies, warum sonst sei der Junge "am Kommunismus" gestorben?

Platonows Roman setzt um die Jahrhundertwende ein und zeichnet alle Stadien der frühen Sowjetunion nach: Revolution, Bürgerkrieg, Neue Ökonomische Politik, den Beginn der Kollektivierung. Die Auszehrung des Landes wirkt darin wie etwas Universelles, eine Menschheitsgeißel, die einzig durch ein ebenso machtvolles, ebenso ausgreifendes Instrument überwunden werden kann: den Kommunismus.

Praktisch minütlich erwarten Dwanow und Kopjonkin seinen Triumph, das strahlende Ende der Geschichte. Sie hoffen auf nicht mehr und nicht weniger als die Auflösung aller Dinge, Menschen, Tiere, der Natur und der Maschinen wie der innig geliebten, schwer arbeitenden Lokomotive in strahlender, einträchtiger Brüderlichkeit. Sogar die Toten werden sich erheben, denn in Platonows philosophischem Weltbild - und nichts anderes ist "Tschewengur": der Entwurf eines umfassenden philosophischen Konzepts -, spielen die Gedanken des russischen Philosophen Nikolaij Fjodorow eine zentrale Rolle: Die Überwindung des Todes durch eine "Liturgie des Brüderschaffens", in der der Kreml als Labor und Gotteshaus dient und das Weltall als Wohnstätte für die Auferstandenen.

Ein Förster muss seinen Wald roden, um den Getreideanbau zu maximieren

Diese durchaus komplexen Überlegungen versteckt Platonow allerdings in bildstarken, fast cineastischen Szenen, etwa wenn ein Mann für seinen kranken Ziehsohn einen Sarg fertigen lässt, den er im Falle des Todes alle zehn Jahre ausgraben möchte. Und die Beschreibungen der weiten leeren Steppe gehören zum Großartigesten was die an Naturbeschreibungen nicht arme russische Literatur kennt: "Wieder öffnete sich vor ihm der beruhigende Raum. Wälder, Hügel und Gebäude mochte der Tschewengurer nicht, ihm gefiel der ebene, dem Himmel hingestreckte Bauch der Erde, der den Wind einatmete und sich unter der Last des Fußgängers anspannte."

Russian Peasants In A Village Around 1900-1920

Die Not auf dem Land ist das zentrale Motiv in „Tschewengur“, die große „Hoffnungslosigkeit des Lebens“ – Ein russisches Dorf zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.

(Foto: Keystone-France/Gamma-Keystone/Getty Images)

Durch diese Landschaft streifen Dwanow und Kopjonkin, ihre Absichten rein wie ein Bergsee, ihre Taten jedoch die schiere Barbarei. Sie zwingen einen Förster, seinen Wald zu roden, um den Getreideanbau zu maximieren. Sie befehlen in einem Dorf die Umverteilung des Viehs an jene, die noch nie ein Tier besessen haben, so dass es bald eingehen wird. Dann erreichen sie Tschewengur, wo niemand mehr arbeitet außer der Sonne, der Schwester aller Proletarier.

Und auch hier geschah Entsetzliches aus besten Absichten, wurden die Wohlhabenden und die "Halbburshui", die vermeintliche Bourgeoisie ermordet oder vertrieben, um dem Kommunismus den Weg zu ebnen. Elf Bolschewiken sind noch übrig, dann kommt einer hinzu, Simon Serbinow, der Petrus' Namen trägt, aber ein Intrigant, ein Zyniker ist, ein Judas. Sein zweideutiger Bericht an die Partei über den ausbleibenden Wohlstand bedeutet das Ende von Tschewengur.

"Tschewengur" wird oft als Utopie oder Dystopie beschrieben, jedenfalls als fantastische Literatur. Was für ein Irrtum! Zugegeben, es gibt prophetische Passagen, wer ahnte schon, dass man eines Tages tatsächlich Elektrizität aus Sonnenlicht gewinnen würde, wie die Tschwengurer es versuchten?

"Tschewengur" ist auch keine Groteske. Manche Szenen sind von bizarrer Komik, etwa wenn die Tschwengurer immer mal wieder ihre Häuser verschieben. Oder wenn sie nach der Ermordung der "Burshui" ein Schild mit einer Einladung an vorüberziehende Proletarier zur Ansiedelung aufstellen. Aber war das übertrieben? Oder ist es nur die literarische Dokumentation einer Zeit, als Eltern ihren Töchtern den Namen "Terror" gaben und die Umleitung der Flüsse Sibiriens nach Süden eine ernsthaft diskutierte Idee war?

Nein, dass "Tschwengur" 1929 zwar gesetzt, aber nicht gedruckt wurde und erst 1988 erschien, lag daran, dass die Bolschewiken sich in diesem Werk viel zu gut wiedererkannten. Maxim Gorki, den Platonow um Hilfe bat mit dem Hinweis, er habe doch "den Anfang der kommunistischen Gesellschaft" darstellen wollen, tadelte, der Roman zeige die Revolutionäre als "Halbverrückte". Aber das war eine Schutzbehauptung, denn das waren sie gerade nicht, sondern sie verkörperten fast archetypisch die Spielarten revolutionären Eifers und revolutionären Wahns, die Bürokratie, die Gier und die Gewohnheit, Gewalt als einziges Mittel zur Lösung politischer Probleme einzusetzen.

Pier Paolo Pasolini pries den Roman als Wegbereiter des Neorealismus

Und doch fragt man sich, wie Platonow allen Ernstes glauben konnte, dass die Bolschewiken sein Werk auch nur eine Sekunde als "literarisches Korrektiv" begreifen konnten, die Bibelbezüge dieses verwahrlosten, frauenlosen Garten Eden, den ganz und gar nicht sowjetischen Chiliasmus oder auch nur eine Figur, die sich erst "Gott" nennt und dann "Lenin".

Blick ins Buch

Platonow wurde überwacht, Platonows Sohn wurde mit 15 Jahren als"Spion" verhaftet, zurück aus dem Arbeitslager starb er an Tuberkulose. Gemessen an anderen Literatenschicksalen, kam er damit fast glimpflich davon. Gemessen an seinem literarischen Rang war das Schweigen um ihn eine Katastrophe. Platonow war immer ein Fall für einen enthusiastischen, aber winzigen Bewundererkreis. Pier Paolo Pasolini pries "Tschewengur" als Wegbereiter des Neorealismus, Joseph Brodsky verehrte Platonow. Wladimir Sorokin zitierte ihn ironisch in seinem "Himmelblauen Speck".

1990 brachte der Ost-Berliner Verlag Volk und Welt den Roman in einer ersten, sehr guten Übersetzung von Renate Landa mit einem klugen Nachwort von Lola Debüser heraus. Nun hat der Suhrkamp Verlag nach Platonows "Baugrube" im vergangenen Jahr auch "Tschewengur" neu verlegt und Renate Landa, nun Reschke, hat die erste Ausgabe überarbeitet, so dass sie musikalischer, aber auch eigenwilliger und unzugänglicher ist.

Beides ist kein Widerspruch, sondern vielleicht der Kern jener besonderen Mischung, in der Wissenschaftsjargon, Parteifloskeln und Poesie zusammen kamen, eine Sprache, die so hochfliegend und so beschädigt, so wunderbar und so verkrüppelt ist wie die Welt, von der sie berichtet. Es ist die menschliche Tragödie.

Andrej Platonow: Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen. Roman. Revidierte Übersetzung. Aus dem Russischen von Renate Reschke. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 581 Seiten, 32 Euro.

© SZ vom 02.06.2018

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