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Venedig:Der Damm hält

Seine Konstruktion wurde argwöhnisch beobachtet. Doch der Damm "Mose" schützt Venedig jetzt offensichtlich vor Hochwasser. Allerdings stört er die empfindliche Ökologie der Lagune.

Von Thomas Steinfeld

Ohne den Staudamm "Mose" würden die Tische auch unter Wasser stehen: eine Aufnahme vom dritten Oktober auf dem Markusplatz in Venedig.

(Foto: Claudio Furlan/AP)

Als sich der hydraulische Damm, der Venedig vor den vor allem im Winterhalbjahr häufigen Hochwassern schützen soll, Anfang Oktober zum ersten Mal hob und die Stadt vor den Fluten - das Wasser stieg bis auf 153 Zentimeter über Normalnull - schützte, staunten die Menschen, die den Bau mit Argwohn betrachtet hatten: Jahrelang war bezweifelt worden, auch aus technischen Gründen, dass die gewaltige Anlage mit Namen "Mose" tatsächlich funktioniert. Zwei Wochen später, bei einem neuerlichen Hochwasser, wiederholte sich das Ereignis. Der Markusplatz, eine der am tiefsten gelegenen Flächen der Stadt, war zwar nass, aber nur des Regens wegen. Der Rost, der die Barrieren vom ersten Tag an befallen hatte, der Sand, der sich in die Fugen und Scharniere gesetzt hatte: All diese Widernisse konnten nicht verhindern, dass der Damm tat, was er tun sollte, zu einem Preis von dreihunderttausend Euro pro Einsatz.

Die empfindliche Ökologie leidet: Der Damm verwandelt die Lagune in Brackwasser

Noch läuft die Anlage nur zur Probe. Erst Ende des kommenden Jahres sollen die Arbeiten endgültig abgeschlossen sein, und auch erst dann könnten die Mosaiken der Markuskirche durch das Sperrwerk geschützt sein - bis dahin darf es erst bei einer Hochwasserprognose von 130 cm in Betrieb genommen werden, was dann zwar die Piazza, nicht aber die Basilika trocken hält. Doch war die Genugtuung groß, vor allem unter den Politikern der Stadt und der Region. Es sei kein Grund zur Freude, sagen zwar die Kritiker, wenn ein Bau fast zehn Jahre nach dem ursprünglich angekündigten Termin und zu einem Preis von 1,3 Milliarden Euro über den noch im Jahr 2013 veranschlagten gut fünf Milliarden Euro abgeschlossen werde. Außerdem seien die Ursachen, die in den vergangenen Jahrzehnten immer häufiger zu extremen Hochwassern führten, durch den Damm keineswegs behoben. Gemeint sind damit die tiefen Fahrrinnen, die vor allem der Kreuzfahrtschiffe wegen ausgehoben wurden: Sie lassen nicht nur mehr Wasser mit größerer Geschwindigkeit in die Lagune fließen, sondern verändern auch die empfindliche Ökologie der Lagune. Gemeint ist auch, dass der Damm, wenn gehoben, das in der Lagune befindliche Wasser zurückhält, sodass es sich in Brackwasser verwandelt. Weil bei steigendem Meerespegel damit zu rechnen sei, dass der Damm häufig und für längere Fristen gehoben wird, sei zu erwarten, dass der Lagune buchstäblich die Luft ausgehe. Und schließlich sei daran zu denken, dass der Meerespegel bis zum Ende des Jahrhunderts vermutlich dermaßen ansteige, dass auch der Damm keinen Schutz mehr biete.

Unwetter Norditalien

So sieht es aus, wenn die Hochwasserschutzanlage "Mose" hochgefahren ist. Über die Barriere wacht nach Skandalen die Hauptstadt Rom.

(Foto: dpa)

Die Freude über die erfolgreichen Erprobungen ist umso größer, als auch die tapfersten Wirte Venedigs in diesem Frühjahr von ihrem Mut verlassen wurden: Zuerst kam das Hochwasser vom 12. November vergangenen Jahres, mit einem Pegelstand von 1,94 Metern über dem Normalstand, dem zweithöchsten je gemessenen Wert. Dann kam die Pandemie, die Venedig in eine Geisterstadt verwandelte: Zwar trieb das Gerücht, man könne das historische Zentrum jetzt ohne Touristen betrachten, danach wieder Touristen in großer Zahl nach Venedig, unter ihnen vor allem Ausflügler und Kurzbesucher, die nach dem Motto "mordi e fuggi" ("auf die Schnelle") in die Stadt einfallen. Doch scheint es nunmehr Zweifel daran zu geben, wie beständig das touristische Gewerbe überhaupt noch sein kann, zumal der Massentourismus die Geschäftsstruktur substanziell verändert hat. Die jüngsten Katastrophen haben, etwa was das Verschwinden von Geschäften für Schmuck oder Glaswaren aus Murano betrifft, eine bereits länger anhaltende Entwicklung beschleunigt. Und es leiden die traditionsreichen Hotels und die Restaurants, die nicht auf Terrassen ausweichen können. Außerdem tun sich alle Betriebe und Geschäfte schwer, die sich vom venezianischen Alltagsbedarf abgekoppelt haben, also die meisten. So rächt sich die Einseitigkeit, mit der man auf den Tourismus setzte.

Nach Skandalen übernahm Rom die Leitung. Und entscheidet jetzt, wann sich die Barrieren heben

Unterdessen bahnt sich ein Streit zwischen der venezianischen Regionalpolitik auf der einen, der gegenwärtigen römischen Verwaltung auf der anderen Seite an: Denn das Konsortium, das für den Bau des Damms verantwortlich war, soll demnächst aufgelöst und durch eine stabile Betreibergesellschaft ersetzt werden. Im Hintergrund wartet dabei nicht nur die Frage, wie man mit den Betriebskosten für die Anlage umgehen will, sondern auch der Abschluss der juristischen Verfahren, an deren Anfang der Korruptionsskandal des Jahres 2014 steht. In dessen Folge waren Dutzende Politiker und Funktionäre von ihren Aufgaben beim Bau des Damms entbunden worden. Es gab Haftstrafen und Hausarreste, die Leitung des Unternehmens wurde römischen Kommissaren übertragen - weshalb nach wie vor in der Hauptstadt entschieden wird, wann sich die Barrieren über die Fluten heben sollen. "Wir wurden enteignet", erklärte jüngst Luigi Brugnaro, der Bürgermeister Venedigs, "das ist Diebstahl." Als Beleg diente ihm, "dass Mose funktioniert".

© SZ vom 24.10.2020
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