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Varieté:Graziöse Hochstapler

GOP Vietnam

Arbeitsteilung: Während einige der vietnamesischen Artisten in die Höhe streben, sichern die Kollegen vom Boden aus.

(Foto: Toofan Hashemi)

In der GOP-Revue "Sông Trăng" verblüfft eine junge Akrobatentruppe aus Vietnam mit Spielfreude und Balancekunst auf Bambusbauten. Keiner tut sich als Star hervor, was zählt, ist das Kollektiv

Bambus wird hierzulande unterschätzt und zur Zimmerdekoration degradiert. In Asien, und speziell auch in Vietnam ist das schnellwachsende Süßgras omnipräsent, Architekten setzen auf seine Biegsamkeit und Stabilität bei der Gestaltung kühner Gebäude, Bambus-Gerüste wachsen selbst beim Hochhausbau mehrere hundert Meter in den Himmel. So viel Raum hat das Münchner GOP-Theater nicht. Und dennoch stapelt die junge Akrobatentruppe aus Vietnam hoch. Auf einer Bambusleiter geht es bei einem Balanceakt so weit hinauf in den Bühnenboden, dass das Publikum nur noch Füße auf der obersten Sprosse sieht.

Beeindruckend ist das allemal, was die 13 Artisten aus den Stangen bauen, von denen sie Backstage noch etliche aus mitgebrachten Beständen lagern - alles Ersatzteile. Sie stecken vorgefertigte Elemente flink zu Brücken zusammen, über die sie dann kraxeln, oder zu Pyramiden, auf deren Spitze eine Artistin mit Händen und Füßen Tücher kreisen lässt. Ein Bambusmast dient auch als Chinese Pole für graziöse Kraftakte. An einer mit dem einen Ende an einem Seil aufgehängten, mit dem anderen auf dem Boden liegenden Stange turnt ein Paar zu vietnamesischer, schwer an Pink Floyd erinnernde Musik wie zwei verliebte Silberohr-Sonnenvögel (die der eine oder andere Vietnam-Reisende beobachtet hat). So poetisch das wirkt, beim Einsatz der Bambus-Requisiten - etwa als Trapez oder Reck - gehen die Akrobaten ganz pragmatisch vor: Wie kann man so ein Rohr einsetzen, um schnell höher zu kommen oder dem Schweben mehr Schwung zu geben?

Da scheint das praktische Großstadtleben Hanois der ersten rein vietnamesischen Artistikshow hierzulande jene Urbanität zu geben, die der künstlerische Leiter der GOP-Kette, Werner Buss, ursprünglich im Sinn hatte. Bei ersten Besuchen vor drei Jahren stellte er aber schnell fest, dass die jungen Artisten der staatlichen Vietnam Circus Federation stark in ihrer ländlichen Tradition verwurzelt sind. Und da sie sich sehr einbrachten in die Regiearbeit von Knut Gminder und Cie Xich-Lo, versprüht die Revue "Sông Trăng - Wenn der Mond sich im Fluss spiegelt" auch eine dörfliche Romantik: mit Fischern, die auf Angelkörben balancieren, oder Tänzerinnen, die Kegelhüte mandalaartig kreisen lassen wie ein Hollywood-Choreograf Buzz Berkley einst seine Truppen. Das wirkt nie kitschig folkloristisch, weil man merkt, dass die Artisten, von denen nur einer Englisch spricht, dabei ganz bei sich sind.

Und manchmal bricht doch das urbane Chaos herein in Gestalt eines Clowns, eines jungen Großstädters, der ständig Selfies vor der Kulisse sich im Handstand verbiegender Landeier machen will, dabei und bei vielem mehr aber gehörig scheitert. Aber Breakdance beherrscht er und Jonglage mit einem Federspielgerät (das die Künstler selbst im Foyer wie auch andere hübsch handgemachte Original-Souvenirs verkaufen) - sobald er aber alleine für sich glänzen will, lassen ihn die anderen stehen. Es zählt das Kollektiv, niemand tut sich hier als Star hervor, meist ist die Mehrzahl der 13 Künstler gemeinsam auf der Bühne. Will jemand im Luftring hoch hinaus, ziehen ihn fünf Mann wie beim Tauziehen mit einem groben Seil hinauf und halten ihn dort. Die Frauen haben dabei, auch wenn sie bisweilen als Lotusblüten die Bühne zieren - ihre ganz eigene Kraft.

Stockkampf, Reifenspringen, Männer als Froschhüpfer - "Sông Trăng" erinnert bisweilen an den verwandten chinesische Staatszirkus, ist aber weitaus verspielter, fantasievoller: als würde sich die Truppe ständig neue Spiele von Seilhüpfvariationen bis zu Mutproben auf dem Hochbalken ausdenken.

Eine eigene Note verleiht der Show auch die Musik. Etwas zu eigen wären, laut GOP-Leiter Peter Weil, anfangs noch die Vorschläge der Artisten gewesen. Der Hannoveraner Christian Decker, Bassist der Indierocker Fury In the Slaughterhouse, hat sich Traditionelles und Modernes für westliche Ohren hörbar arrangiert. Wie die ganze Show sind Hip-Hop-Nummern wie "Ngay Mai Em Di" von Le Hieu eine Entdeckung. Und eine zunächst vietnamesische Version der Film-Schnulze "Moon River" schlägt eine Bambus-Brücke nicht nur über den Fluss, sondern über die Kontinente hinweg.

Sông Trăng, bis Sonntag, 3. November, GOP-Varieté, Maximilianstraße 47