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"Varda par Agnès":Das letzte Mal am Strand

Film Varda

Die französische Filmemacherin Agnès Varda an ihrem Lieblingsort, dem Strand.

(Foto: Verleih)

"Varda par Agnès" ist das filmische Vermächtnis der französischen Nouvelle-Vague-Filmerin Agnès Varda, eine berührende "Plauderei" über ihr Leben und ihre Werke mit vielen Filmauschnitten.

Von Philipp Stadelmaier

Am Ende sitzt Agnès Varda an ihrem Lieblingsort, am Strand, den Blick aufs Meer gerichtet. Der Wind bläst so heftig, dass der Sand durchs Bild fegt und sie immer undeutlicher werden lässt. "So beende ich nun diese Plauderei", sagt ihre Stimme aus dem Off. "Ich verschwinde in der Unschärfe. Ich verlasse Sie."

Neben ihr am Strand sitzt der Fotokünstler JR. Mit ihm fuhr sie vor drei Jahren in ihrem vorletzten Film "Augenblicke" noch durch Frankreich, um großformatige Porträts von Menschen zu machen, denen sie begegneten. Dass jeder Film der letzte sein könnte, dieser Gedanke habe sie schon seit einiger Zeit begleitet, hat Varda einmal gesagt. "Varda par Agnès" ist nun tatsächlich der letzte Film der Filmemacherin und Nouvelle Vague-Ikone geworden. Voriges Jahr hatte sie ihn noch im Februar auf der Berlinale vorgestellt, wo sie einen Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk erhielt; einen Monat später starb sie mit fast neunzig Jahren in Paris.

Varda benutzt die knapp zwei Stunden ihres allerletzten Werkes für eine ausgedehnte "Plauderei" und einen Streifzug durch ihre Filme, die sie in allerhand Ausschnitten Revue passieren lässt und ausführlich kommentiert, aus einer ebenso persönlichen wie künstlerischen Perspektive. Sie ist vergnügt dabei und vor allem physisch sehr präsent. Das Grundgerüst des Films besteht aus Aufnahmen von öffentlichen Auftritten der Regisseurin - in einem Theatersaal, einem Hörsaal sowie einem Pariser Museum für zeitgenössische Kunst. Sie erzählt, erinnert sich, zeigt Filmausschnitte, spricht mit einem Kurator. "Varda par Agnès" ist eine Art Masterclass, und so finden sich die Zuschauer des Films bald in der Rolle von wissbegierigen Studenten wieder.

Der Wunsch zu teilen und weiterzugeben entspricht schon ihrem Grundcredo: Filme müssen gezeigt werden, entsprechend gibt es nichts Schlimmeres als einen leeren Kinosaal, "der Albtraum eines jeden Filmemachers". Das Zeigen ihrer Filme ist für Varda aber auch deswegen so wichtig, weil sie für sie wie Familienmitglieder sind, Bestandteile ihrer eigenen Identität. So stellt sie sich ihrem Publikum vor durch einen Film, den sie einst in Kalifornien gedreht hat: Ein Maler namens Varda empfängt sie wie eine entfernte Verwandte auf seinem Hausboot. Satte Farben, ein Herz aus roter Folie, das Meer, Sonne, spielende Kinder und gute Laune - der Kurzfilm bordet geradezu über vor Fröhlichkeit.

Ebenso freudig beginnt auch ihr Spielfilm "Das Glück" von 1965, inspiriert von Mozart und der impressionistischen Malerei. Doch die pittoreske Idylle wird schnell bedroht durch die Untreue des Ehemannes. So ist die andere Seite des Varda'schen Werkes eine tiefe Melancholie, die auch ihren vielleicht berühmtesten Film aus der Ära der Nouvelle Vague auszeichnet, "Cléo de 5 à 7" von 1962. Zwei Stunden im Leben einer jungen Frau, einer Sängerin, die Angst hat, an Krebs erkrankt zu sein. Varda zeigt sie in einer ikonischen Szene in der Mitte des Films beim Singen eines todtraurigen Liedes, danach irrt sie durch Paris. Aus dem Off erklärt uns nun die Regisseurin, wie die Frau dabei vom angeschauten Objekt zum sehenden Subjekt wird.

Sie hat die Frauenbewegung begleitet und die "Black Panthers" gefilmt

Varda springt vor und zurück durch ihr Werk, ohne sich um Chronologie zu scheren, von einem Thema gelangt sie zum nächsten. Eine Assoziation führt sie von "Cléo" zu ihrem feministischen Engagement. In den Siebzigerjahren beteiligt sie sich an den Demonstrationen für das Recht auf Verhütung und Abtreibung und begleitet die Frauenrechtsbewegung auch filmisch. Als sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Regisseur Jacques Demy, Ende der Sechzigerjahre vorübergehend nach Hollywood zieht, filmt sie dort in ihrer Dokumentation "Black Panthers" die Kämpfe einer anderen wütenden Minderheit, der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

In Los Angeles dreht Varda auch den sehr dokumentarischen und improvisierten "Lions Love", mit Protagonisten der amerikanischen Gegenkultur und aus Andy Warhols Factory. Dabei setzt sich Varda auch selbst in Szene, ebenso wie im späteren "Jane B. par Agnès V." Das Porträt von Jane Birkin stellt weniger das tatsächliche Leben und Schaffen der Schauspielerin in den Vordergrund, als dass dieses in Spielszenen neu erfunden wird - während Varda die Kamera wie einen Spiegel benutzt, in dem sich die Filmemacherin selbst porträtiert.

"Varda par Agnès" nimmt schon mit dem Titel diesen Gedanken aus dem früheren Film wieder auf. Außer dass es hier nun alleine um Varda geht. Ihr Porträt setzt sich dabei zusammen aus den vielen Fragmenten eines bunten Mosaiks, eines vielgestaltigen Schaffens, das nicht nur aus Filmen, sondern auch aus Fotografien und zuletzt auch Kunstinstallationen besteht. Gerade die digitale Revolution hat ihrem neugierigen Blick noch einmal neue Perspektiven eröffnet: Varda liebt die kleinen, handlichen Kameras, erlauben sie es ihr doch, ganz spontan zufällige Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen zu filmen, seien es nun Kartoffelbauern oder Sammler von Modelleisenbahnen.

"Öffnet man die Leute, findet man Landschaften", sagt sie einmal in diesem Vermächtnisfilm. "Öffnet man mich, findet man Strände." Am Strand schließt sich nun ihr Werk. Das Kino kann die Zeit nicht anhalten, betont Varda, es kann sie nur begleiten. Es ist dieser bescheidene und melancholische Anspruch, den sie ihren Zuschauern mitgibt, während ihre Silhouette langsam im Sandsturm verschwindet.

Varda par Agnès, F 2018 - Regie und Buch: Agnès Varda. Kamera: François Décréau, Claire Duguet, Julia Fabry. Film Kino Text Filmverleih, 115 Minuten.

© SZ vom 07.02.2020

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