"Vanity Fair"-Blogger Rainald Goetz:Zeitgenosse des Jahres

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Nachdem man dies vorausgeschickt hat, darf man sich den Vorzügen des Projekts zuwenden. Es sagt "Ich", verwendet dieses Ich aber bloß wie ein besonders leicht verfügbares Versuchskaninchen, um die Lüfte und Töne der Gegenwart zu testen. "Wo zu viel Ich, da kein Geschenk", lautet die bündige Formel. "TÖNE DER BLÖDHEIT, da mache ich demnächst mal eine Sammlung." Ein sicherer Instinkt veranlasst Goetz, unter allem, was so in Berlin läuft, ausgerechnet dem Fall Kurnaz auf der Spur zu bleiben.

Kaufimpulse und Überlegenheitsgefühle

Die Taz schreibt auf Seite eins riesig: Warum Steinmeier gehen muss. Das soll bei der eigenen Klientel Kaufimpulse setzen, zugleich Überlegenheitsgefühle auslösen, hö hö, die lustige Taz, macht da lustig Titelunsinn wie die lustige Bild-Zeitung.

Aber es ist gar nicht lustig. Die ressentimentabgesicherte Verhöhnung derer, die in den Apparaten Entscheidungen treffen und dabei wirklich Verantwortungslast übernehmen, ist reaktionäre Antiaufklärung, so gesellschaftsschädlich und verblödet wie die Autoritätsfixierung und Apparategläubigkeit von vor 68.

Rot-Grün ist auch an falscher Amtsverachtung gescheitert. Steinmeier ist anders, eine Ecke weiter als Fischer und Schröder, komplizierter, zurückgenommener, seriöser und kultivierter.

Wieder anders, wieder neu

Als zum fünften Mal dieselbe gleiche Frage von irgendwem gestellt wird, lehnt er sich zurück, holt tief Luft, weil so viel Schwachsinn Kraft kostet, fasst sich dann geistig und setzt nocheinmal neu an, indem er es sich selbst vergegenwärtigt: also!, worum gehts denn?! Und dann erklärt er alles nocheinmal von vorne, wieder anders, neu."

Da steckt wahrlich sehr viel auf einmal drin! Man könnte das noch genauer darstellen, aber für die doppelte Menge an Einsicht bräuchte man die zehnfache Menge Text, und da verzichtet Goetz lieber.

Ja, da ist in Worten, wie sie die Soziologie so knapp nie hinbekäme, der geistig-gesellschaftliche Ort der taz bestimmt. Und schon kommt die nächste Denk-Zumutung: Wie, der blasse Steinmeier wäre ein Fortschritt gegen Schröder und Fischer, ein Zugewinn an Takt, Klugheit, selbst Ehrlichkeit?

Schröder lehnte Interview ab

Man reibt sich die Augen, aber: mit Steinmeier, der nicht beharrt, sondern immer neu ansetzt, und unter den sieben geistigen Werken der Barmherzigkeit am höchsten das Ertragen der Lästigen ehrt, mit Sachlichkeit, Freundlichkeit, Ernst - identifiziert sich Goetz in hohem Grad.

Goetz hat auch Schröder angeboten, ein Buch "über die Kunst politischer Praxis" aus ihm "herauszuinterviewen". Das Interview schätzt Goetz nämlich sehr als den Inbegriff der gemeinschaftlich improvisierten Bemühung um Wahrheit; es stellt wohl in seinen Augen die ideale Gattung dar, in der das Literarische und das Unliterarische sich zu einem höheren Dasein von Literatur verbinden. Aber Schröder hat abgelehnt, nicht nur aus Eitelkeit, sondern, wie Goetz vermutet, mehr noch aus Angst.

Lesen Sie auf der dritten Seite, wie der Erfolg die Realitätswahrnehmung großer Schriftsteller ruiniert.

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