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Vampirfilm "Let Me In" im Kino:Romeo und Julia reisen ins Licht

Rasanter denn je macht Hollywood im Augenblick europäische Filme neu: In Matt Reeves' winterlichem Vampirfilm "Let Me In" wächst aus der Einsamkeit eines Jungen die Liebe zu einem eigenartigen Mädchen. Die Geschichte, die 2008 schon einmal verfilmt wurde, ist etwas mickrig, doch bis zum Schluss möchte man die Hoffnung für die beiden nicht aufgeben.

Fritz Göttler

Ein außergewöhnlicher Horrorfilm, Alltagshorror, der Horror des Großwerdens und Heranwachsens - er hätte, sagt der Regisseur und Drehbuchautor Matt Reeves, seine eigene Kindheit wieder entdeckt in dem Roman des Schweden John Ajvide Lindqvist, den er für "Let Me In" adaptierte: Isolation und Einsamkeit, diese Angst, wenn du zur Schule musst, wo die Klassenschläger auf dich warten, weil du einer der Schwächsten bist, wann werden sie zuschlagen, dich in die Enge treiben, mit der gleichgültigen Brutalität der Kinder ... Aus der gleichen Einsamkeit wird dann aber auch eine junge Liebe wachsen, zu einem eigenartigen Mädchen aus der Wohnung nebenan.

Los Alamos, New Mexico, das Jahr ist 1983. Ein scheußlicher Winter, nasskalt und dunkel. Vampire im Hinterhof eines dumpfen Wohnblocks, den nur ein paar trübe Lampen und erleuchtete Fenster erhellen, ein Klettergerüst steht dort, das von oben aussieht wie eine Folterbank. Ein junges Paar führt den Hund aus, ein Vater schleicht davon, um Nachschub für die Familie zu besorgen. Er duckt sich auf dem Rücksitz eines Wagens, um hinterrücks den Fahrer zu würgen, ihn an einem Baum zu hängen und sein Blut abzuzapfen. Ein echtes Problem, Vampirismus und Hauswirtschaft - dass die Vampire nun für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen, mühselig, raubt dem Genre den letzten Funken Glamour.

Auf dem Klettergerüst trifft der kleine Owen das merkwürdige Mädchen Abby, das vampirisch ist, sie guckt verwundert auf den Rubik-Würfel in seiner Hand, aber als er ihr erklärt, wie das Ding funktioniert, hat sie am nächsten Morgen alle sechs Seiten hingekriegt. Sie verkörpert Stärke und Hilflosigkeit zugleich, Trance und Exzess, Keuschheit und stärkstes Verlangen. Begierde, die Poesie erzeugt, Schmutz, der in Reinheit mündet, die Dialektik des Now and Later, so heißen die Fruchtgummis, von denen Owen sagt, sie sind ihm die liebsten. Das Jetzt und das Später, das Leben und der Tod - eines Morgens hat Abby ihm wirklich, in dem Moment, da man die Lerche am liebsten mit der Nachtigall verwechseln würde, einen Zettel hinterlassen: "I must be gone and live, or stay and die . . ."

Das Vampirmädchen und der kleine Voyeur, Chloë Grace Moretz, das Hitgirl aus "Kick-Ass", und Kodi Smit-McPhee, Viggo Mortensens Junge aus "The Road". Er hat ein Fernrohr in seinem Zimmer, mit dem er durchs rear window späht, manchmal übt er aggressive Posen vor dem Spiegel ein, eine Maske über den Kopf gezogen, ein Messer in der Hand, ein imaginärer Kämpfer. Hör mal, sagt Abby zu ihm, du musst zurückschlagen, du musst hart zurückschlagen. Als er sie fragt, ob sie sein Girlfriend sein will - go steady, die Beziehung zwischen den beiden fester machen! -, sagt sie, das könne sie nicht, sie sei kein Girl. "I'm nothing."

2008 ist der Roman das erste Mal verfilmt worden, von Tomas Alfredson, unter dem Titel "Let the Right One In". Radikaler und rasanter denn je zuvor macht Hollywood im Augenblick erfolgreiche europäische Filme neu, eben kommt in den USA ein zweites Schweden-Remake in die Kinos, "The Girl with the Dragon Tattoo", David Finchers Neuverfilmung von Stieg Larssons Roman "Vergebung". Es ist, als würde man, durchs Prisma der schwarzen europäischen Geschichten, den Blick schärfen für das Herz der Finsternis im eigenen Land. Der Horror der Achtziger, als Amerika sich gegen das Böse draußen in Kampfposition setzt - Ronald Reagan setzt gleich zu Beginn des Films die Koordinaten dafür fest: Es gibt das Böse auch bei uns, sagt er, aber die Größe, das Genie dieser Nation bestand in der Fähigkeit, das moralisch Böse der Vergangenheit überwunden zu haben.

Ein Film, in dem der Blick oft in Bildern versinkt, die alles Licht aufgesaugt haben, und gleich zu Beginn gibt es, in einer mysteriösen Krankenhausszene, den Blasebalg eines Beatmungsgeräts, der so mickrig und wackelig sich abmüht wie später der Motor der ganzen Geschichte. Und dennoch möchte man bis zum Ende die Hoffnung nicht aufgeben für dieses sinistre Romeo-und-Julia-Paar und seine Reise ins Licht.

LET ME IN, GB/USA 2010 - Regie, Buch: Matt Reeves. Nach dem Roman von John Ajvide Lindqvist. Kamera: Greig Fraser. Schnitt: Stan Salfas. Mit: Kodi Smit-McPhee, Chloë Grace Moretz, Richard Jenkins, Cara Buono, Elias Koteas, Sasha Barrese. Wild Bunch, 116 Min.

© SZ vom 15.12.2011/gr

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