bedeckt München 16°

Vampire Weekend in Berlin:Gags vor Showbeginn

Die ersten Gags kommen noch vor Showbeginn. Überhaupt nicht zufällig hat sich einer der Bühnenarbeiter, die vor vollem Haus die Mikrofone überprüfen, in ein "Graceland"-T-Shirt geworfen, er trägt also ausgerechnet jenes alte Paul-Simon-Album auf der Brust, das mit seinen Südafrika-Referenzen so oft und so lästig als Vorbild für die frühe Vampire-Weekend-Musik herangezogen wurde. Die Saalberieselung spielt alten Doo-Wop, dann Soul, dann ein ellenlanges Disco-Instrumental - es geht einmal durch die afro-amerikanische Unterhaltungsmusik New Yorks, das künstlerische Erbgut der Band, chronologisch, aber im Schnelldurchlauf. Als die vier Musiker dann endlich auftreten, unter "Star Wars"-Fanfaren und vor einer Art riesiger Bauernmalerei als Kulisse, hat sich der theoretische Teil des Abends noch vor der Umbaupause erledigt.

Natürlich spielen Vampire Weekend mit hinreißender Leidenschaft ihre Rolle der zuvorkommenden Schnösel. Selbstverständlich wippt die schwarze Föhnwelle des singenden Vordenkers Ezra Koenig besonders elastisch, hat sein Ton etwas Allwissendes, ist seine Komposition aus den Kontrastflächen des Hemdes und der blass sandfarbenen Fünfzigerjahre-Gitarre um jene kleine Nuance exquisiter, die man bei Popshows sonst nie erwarten würde.

Aber dass die Musik der Gruppe, diese manchmal bunt blubbernde, meist wie in Bronze gegossene, immer komplett kontrolliert wirkende Großstadt-Folklore im Konzert plötzlich echte, auch physisch spürbare Schlagkraft entwickeln würde - das überrascht die zuerst amüsierwillige Menge doch derartig, dass sie sich massiv in Bewegung setzt. Noch hinten im Astra-Foyer tanzen die Leute, fast so, als ob heute Abend bewiesen werde solle, dass die weißen Mittelklassehörer ihre Bands eben nicht nur im Rumstehen genießen. Irgendwann beginnen die Musiker dann mit kleinformatigen Stadionrock-Ritualen. Initiieren einen Publikumschor, lassen mitklatschen. Gesten, die sich in einer Indiepop-Veranstaltung wie dieser eigentlich verbieten. Und die genau deshalb nirgends sonst interessanter wirken.

Keine Refrainzeile zum Mitgrölen

Vielleicht liegt hier ein weiteres, bisher völlig übersehenes Talent dieser außergewöhnlichen Band: Nur da, wo der Zuhörer von vornherein keinerlei emotionale Identifikation mit dem Pop erwarten kann, ist ja reines Entertainment möglich. Jeder weiß, dass Vampire Weekend uns niemals ihre Herzen ausschütten würden, dass eine Show wie diese völlig unbelastet ist von all diesen alten Pop-Erwartungen, vom Leid und Mitleid, um das es heute so vielen beliebten Songwritern und Dunstkreis-Bands geht. Die oft verkannte Unbeschwertheit, die im Intellektuellen auch liegen kann - man kann sie an diesen herrlichen Konzertabend spüren. Obwohl es keine einzige Refrainzeile zum Mitgrölen gibt. Und Ezra Koenig auf der Bühne die Armbanduhr anbehält, vielleicht, um immer prüfen zu können, wann es genug ist.

Zum Schluss spielen Vampire Weekend das neue Stück "Obvious Bicycle", in dem es - eine Deutungsmöglichkeit, aha! - ums Schicksal und die Ewigkeit geht. Es endet als Gospel, die Luft summt, das Klavier klimpert wie in der Sonntagsschule. "Halleluja!", ruft einer im Publikum. Sein zartblaues Lacoste-Polohemd ist jetzt doch stark verschwitzt.

© SZ vom 18.07.2013/mkoh/pak

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite