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Valery Gergiev:Arbeitswütig

Valery Gergiev, 2013

Soll sensibilisiert werden: Valery Gergiev, designierter Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.

(Foto: Robert Haas)

Valery Gergiev tritt sein Amt als Chef der Münchner Philharmoniker an. Der russische Dirigent ist nahezu immer mit irgendetwas beschäftigt - die Besucher, die Feiern, die Planungen. Ein Protokoll einer seiner Arbeitswochen.

Von Tim Neshitov

Valery Gergievs Arbeitswut ist legendär. Sein Schwager Tamerlan Gugkajew, Geschäftsführer einer der drei Mariinski-Bühnen, sagt, der Maestro schlafe höchstens vier Stunden am Tag. Gergiev dirigiert fast jeden Tag, aber er verwaltet das Mariinski-Imperium auch als Direktor. Ein Beispiel aus seinem Petersburger Alltag: Im September 2013 eröffnete er die Mariinski-Saison. Im Mai jenes Jahres war eine zweite Mariinski-Opernbühne eingeweiht worden, nun verwaltet und bespielt Gergiev also das alte Opernhaus, die neue Bühne (genannt M2) und den Konzertsaal für symphonische Aufführungen. Gergiev dirigierte bei der Saisoneröffnung auf allen drei Bühnen.

Am Sonntag, dem 8. September 2013, kommt Gergiev aus Rotterdam, wo er bei einem dreitägigen Festival durchdirigiert hat. Um halb acht Uhr abends erscheint er im Konzertsaal, um "Parsifal" zu dirigieren. Von 22.30 Uhr an signiert er fast eine Stunde im Foyer. Montag, 9. September, Gergiev dirigiert in M2 "Levsha" eine neue Oper seines Freundes Rodion Schtschedrin. Der hat "Levsha" Gergiev gewidmet, ein Geschenk zum 60. Geburtstag. Gergiev probt von 13.45 Uhr an. Während er dirigiert, dreht er sich mehrmals zu Schtschedrin um und plaudert mit ihm. Die Musiker spielen ohne Unterbrechung weiter.

Für 16 Uhr ist eine Sitzung der Russischen Chorgesellschaft anberaumt, deren Vorsitzender Gergiev ist. Es geht darum, wie der Kinderchor für die Eröffnung der Olympischen Spiele in Sotschi zusammengesetzt werden soll. Um 18. 30 Uhr beginnt Gergiev, seinen Gähnreflex zu unterdrücken. Um 19.20 Uhr rennt er ins Alte Mariinski, um eine Ansprache an das Publikum zu halten. Zehn Minuten später ist er wieder bei der Chorgesellschaft. Danach dirigiert er Levsha, es gibt tosenden Applaus und um Mitternacht einen Empfang.Gergiev trinkt ein Gläschen Wodka, verspricht zwei Fans ein Konzert in Narva Ende Juni und geht.

Am nächsten Tag probt er "Lohengrin". Er versichert seinen Musikern hier, dass es an ihnen liege, wenn es "dröhnt", nicht an Wagner. Er fordert einen "transparent-süßen Klang", bittet die Sänger, so deutsch zu singen, dass es nicht nach einem russischen Volkslied klinge und dass die Musiker nicht auf den Stühlen schaukeln. Als bei einem Geiger das Handy klingelt, sagt er, es gebe auch Musiker, deren Handys wie Hunde bellen.

Für die Videobotschaft rückt er wenigstens die Tupperware aus dem Bild

Zehn Minuten vor dem Auftritt isst er in seinem Arbeitszimmer im Konzertsaal. Er hat drei Arbeitszimmer, dieses hat Fotos von Schostakowitsch und Karajan an den Wänden. Er isst Wurstsalat, Tomaten, Brot, Salat, alles von zu Hause, aus Tupperware. Es kommen Menschen zu ihm herein. Eine Bekannte aus der Studienzeit, die eine deutsch-russische Musikakademie gründen möchte. Yoko Nagae Ceschina, eine Mäzenin, die das Mariinski unterstützt. Ein Assistent will wissen, wie die Konzertplakatierung für Oktober aussehen soll und welche Instrumente wie versichert werden sollen.

In der Pause nimmt er dann eine Videobotschaft für die Preisverleihungszeremonie von "Echo Classic" auf. Er schiebt dazu die Tupperware zur Seite. Der Gong läutet zum zweiten Mal. Gergiev fragt seine Bekannte, die eine Musikakademie plant, wer gerade deutscher Außenminister ist. "Früher war da dieser Joschka Fischer." In der zweiten Pause unterhält er sich mit ihr über deutsche Regisseure, die in seinen Augen oft zu kreativ sind. Danach dirigiert er bis Mitternacht.

Am nächsten Tag gibt es ein Treffen mit dem Ensemble, es geht um Urlaubsplanung, eine Sauna, Umkleidekabinen, neues Personal. Später dirigiert Gergiev "Macbeth" im Alten Mariinski und empfängt stundenlang Besucher. Es warten zwei Dutzend Menschen. Keiner von ihnen weiß, ob und wann er zu Gergiev kann. Einer sagt: "Letzten Monat schlief ich hier auf dem Teppich." Gergiev versucht, mehrere Besucher, die nur plaudern wollen, auf einmal zu empfangen. "Ich habe nicht genug Stühle", sagt er. "Sie haben zu viele Freunde", meint ein Besucher. Um zwei Uhr nachts verlässt er das Alte Mariinski. Um sechs Uhr morgens ist Gergiev auf einen Flug nach New York gebucht.

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© SZ vom 17.09.2015/cag

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