Uwe Wittstocks Roman "Februar 33":Der letzte Tanz der Republik

Carl Zuckmayer

Noch ist Heiterkeit: Die Schriftsteller Carl Zuckmayer, Otto Alfred Palitzsch und Bruno Frank (von links in der Mitte) am Presseball 1933.

(Foto: ullstein bild/picture alliance / ullstein bild)

Zeitgeschichte als Collage: Uwe Wittstock begleitet Schriftsteller in "Februar 33" auf dem Weg in die Gleichschaltung.

Von Hilmar Klute

Seit einigen Jahren sind Bücher populär, die geschichtliche Ereignisse wie durch ein Prisma betrachten und dabei eine Vielzahl von Schicksalen, Geschichten und überraschenden Verbindungen sichtbar werden lassen. Florian Illies' Vorkriegs-Kaleidoskop "1913" war der Anfang dieser Form der Vergegenwärtigung teils bekannter, teils vergessener Begebenheiten, deren geschickte Verknüpfung fast schon ein neuartiges Geschichtsbild produziert.

Der Literaturkritiker Uwe Wittstock hat sich dieses Verfahren zu eigen gemacht und erzählt in "Februar 33 - Der Winter der Literatur" vom Beginn der Gleichschaltung des deutschen Literaturbetriebs und der in atemberaubender Schnelligkeit erfolgenden Vernichtung und Vertreibung der intellektuellen Elite der Weimarer Republik. Es ist ein aufrüttelndes und ergreifendes Buch, weil es am Beispiel so unterschiedlicher, ja gegensätzlicher Schriftsteller wie Gottfried Benn, Thomas Mann, Heinrich Mann, Else Lasker-Schüler und Ricarda Huch zeigt, wie entschieden und brutal die Kulturpolitik des Dritten Reichs von Beginn an auf die ideelle und physische Vernichtung jener Künstler und Schriftsteller setzte, deren Person und Werk dem Regime und dessen ideologischen Zielsetzungen entgegenstanden.

Wittstock ist ein kluger und gewissenhafter Erzähler, der weiß, dass historische Tatsachen nicht ohne assoziativen Spielraum auskommen. Den Stoff, aus dem seine große Erzählung des Niedergangs einer großen literarischen Epoche gewebt ist, hat er sich aus den geschriebenen Erinnerungen der Schriftstellerinnen, Theaterleute und Journalisten jener Jahre geholt. Sie geben seinen Schilderungen die Farbe und einen Sound der Zeitgenossenschaft, den Wittstock in bewundernswerter Unbekümmertheit anschlägt und der die an sich schon dramatischen Ereignisse unter eine faszinierende Erzählspannung setzt.

Die hochvernetzte Gesellschaft der Erfolgreichen ahnt, weiß, verdrängt

Alles beginnt mit dem Presseball am 28. Januar 1933, kurz bevor Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler ernennt. Wittstock hat den Dramatiker Carl Zuckmayer, Superstar der Berliner Theater und Liebling der gehobenen Gesellschaft, zum Hauptdarsteller der Ballnacht gemacht. Zuckmayer selbst hat von diesem "letzten Tanz der Republik" in seinen Erinnerungen "Als wär's ein Stück von mir" erzählt. Wittstock hat reichlich aus dieser Quelle geschöpft und das Material geschickt mit den Perspektiven der anderen Gäste - Klaus Mann, Kadidja Wedekind, Erich Maria Remarque - verknüpft.

Culture personalities are guests of Torino Book Fair Torino Italy 12th May 2018 German writer and

Uwe Wittstock lässt seine Helden auf die katastrophalen Geschehnisse dieses Schreckensjahres aus verschiedenen Richtungen zulaufen.

(Foto: Marco Destefanis/imago/Pacific Press Agency)

Die beinahe filmische Schnitttechnik, die szenischen Überblendungen und die vielen "Promi-Sichtungen" zeigen vor allem dies: Hier trifft sich die literarische Elite der untergehenden Republik und - das ist gewissermaßen Wittstocks Grundfabel: Sie kannten sich alle untereinander - diese hochvernetzte Gesellschaft der Erfolgreichen ahnt, weiß oder verdrängt, was nun auf sie zukommen wird. Jeder von ihnen ist sein eigener Roman, das Schicksal aber treibt sie zu einer Gemeinschaft zusammen - die ja sehr bald in dem kleinen französischen Küstenort Sanary-sur-Mer eine sehr reale Kolonie der "Ausweglos-Touristen" gründen wird, so nannte Walter Mehring die Emigranten.

Wittstock lässt seine Helden auf die katastrophalen Geschehnisse dieses Schreckensjahres aus verschiedenen Richtungen zulaufen. Der Trinker Hans Fallada und der trinkfeste Ernst Rowohlt erfahren vom Reichstagsbrand während eines Restaurantbesuchs, nur ihre Ehefrauen können die Entfesselten davon abhalten, dass sie zum Reichstag fahren und "Göring kokeln helfen", wie Rowohlt grölt. Eine Gesellschaft tagt im Haus von Georg Bernhard, dem Chefredakteur der Vossischen Zeitung, der frankophile Republikaner Heinrich Mann gehört ebenso dazu wie der frankophile Aristokrat Harry Graf Kessler, dessen Tagebücher zu den wichtigsten Zeugnissen der gesellschaftspolitischen Stimmungen jener Jahre zählen. Eine andere Runde trifft sich regelmäßig in der Wohnung des sportlichen Romanciers und Reporters Bernard von Brentano. Zur ihr gehören Bert Brecht, dessen Theaterstücke bereits von den Bühnen verbannt wurden, sowie Leonhard Frank, der aus dem Proletariat kommende Dandy, dessen literarischer Erfolg ihm neben Bewunderung auch Misstrauen eingebracht hat.

Gelegentlich hätte man sich auch im Text einen kleinen Hinweis auf die Quellen gewünscht

Es beginnen die ersten Fluchtgeschichten, die Wittstock fesselnd und ergreifend erzählt. Der grippekranke Alfred Kerr, der die erste Warnung ernst nimmt und nach Prag flieht. Der mutige Heinrich Mann, der mit Hilfe seiner Frau Nelly über Kehl nach Straßburg reist und sich in Frankreich um keinen Preis als Emigrant fühlen möchte. Zuvor war Heinrich Mann von seinem Posten als Präsident der Sektion Dichtkunst in der Preußische Akademie der Künste der Künste abgesetzt worden. Kaum jemand wagte es, Mann zu verteidigen. Der Außenseiter Gottfried Benn, dessen Mitgliedschaft Mann zuvor betrieben hatte, arbeitet mit kaltem Ingrimm an der Gleichschaltung der Akademie. Als Benn am Ende feststellt, dass der Adel des Geistes, zu dessen Spitze er sich zählt, nunmehr aus elenden Nazi-Skribenten wie Kolbenheyer, Johst und Blunck bestehen soll, wendet er sich angeekelt ab.

Gottfried Benn

Der deutsche Arzt und Schriftsteller Gottfried Benn an einem Mikroskop.

(Foto: DB/picture-alliance/ dpa)

Uwe Wittstock schildert all diese Vorgänge im Ton der Zeitzeugenschaft, übernimmt dabei auch freizügig die eine oder andere wörtliche Formulierung aus anderen Werken, die zwar alle im Anhang Erwähnung finden. Gleichwohl hätte man sich gelegentlich auch im Text einen kleinen Hinweis auf die Quelle gewünscht. Die atmosphärische Dichte und die Zuneigung, die Wittstock für seine, ja nennen wir sie ruhig: Figuren entwickelt, machen sein Buch zu einer Art empathischer Geschichtsschreibung. Es gibt darin Hauptdarsteller wie die Familie Mann mit ihren so sehr unterschiedlichen Temperamenten und Emigrantenschicksalen. Und es gibt Nebenakteure wie Oskar Maria Graf oder Else Lasker-Schüler. Dazwischen gestreut sind Meldungen aus dem Berliner Tagblatt und der Vossischen Zeitung, die von den blutigen Kämpfen zwischen Kommunisten und der SS berichten und den explosiven Untergrund dieser Wochen und Monate dokumentieren sollen.

Wir lesen in diesen Schilderungen unvermittelter Wendungen und Verdunkelungen gerne auch unsere heutigen Ängste und Erfahrungen mit. Wittstock strapaziert solche Analogien nicht über Gebühr, er weist sie aber nicht rigoros zurück, vielleicht auch auf Wunsch des Verlags, der sich davon einen Bedeutungszuwachs verspricht, den das Buch gar nicht nötig hat. Viele Fakten, schreibt Wittstock in seinem Vorwort, wiesen Parallelen zu unserer Gegenwart auf: "Die wachsende Spaltung der Gesellschaft. Die Dauerempörung im Netz, die den Keil immer tiefer treibt." Dazu käme die Ratlosigkeit der bürgerlichen Mitte, wachsender Judenhass sowie die ungewissen wirtschaftlichen Folgen, die durch die Corona-Krise entstünden.

Abgesehen davon, dass es in der Weimarer Republik kein Internet gab, läuft man auch sonst kaum Gefahr, Wittstocks Geschichte jenes literarischen Winters als Allegorie auf unsere Gegenwart zu lesen. "Februar 33" ist die Geschichte einer entsetzlichen Vertreibung des deutschen Geistes und des Versuchs seiner totalen Vernichtung. Weil er am Ende nicht gelungen ist, gehören die Bücher der Manns, die Erzählungen von Anna Seghers, die Kritiken von Alfred Kerr und - seit Kurzem auch wieder - die Romane und Erinnerungen von Gabriele Tergit unwiderruflich zu unserem glücklichen Leseleben.

Uwe Wittstock, Februar 33, Der Winter der Literatur. C.H.Beck München 2021, 288 Seiten, 24 Euro.

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