Filmprojekt zum Anschlag von Hanau:Opferleid gegen Kunstfreiheit

Trash-Regisseur Uwe Boll hat einen Film über den Anschlag in Hanau gedreht. Darf er das?

Von Tobias Kniebe

Zu den Albträumen, die der rassistische Anschlag in Hanau vor einem Jahr ausgelöst hat, kam in den vergangenen Tagen ein neuer hinzu. Es wurde bekannt, dass der deutsche Regisseur Uwe Boll gerade einen Film über die rechtsradikalen Terrormorde abgedreht hat. Die Familien der Opfer Gökhan Gültekin und Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi und Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun und Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov wurden dabei nicht einbezogen, ihre Stimmen nicht gehört.

Schon dies wäre ein unverzeihliches Versäumnis, das wütend macht. Dazu kommt, dass Uwe Boll in der Filmszene einschlägig bekannt ist. Er dreht fast ausschließlich Werke, die sich mit krude gefilmten Gewaltexzessen an ein einschlägiges Fanpublikum wenden - billiges, provokativ brutales Exploitationkino. Selbst in dieser Trash-Szene wird er immer wieder als der "schlechteste Regisseur der Welt" geschmäht. Bolls Ruf ist so unterirdisch, dass er sich 2018 aus dem Filmgeschäft zurückzog. Die Wut, die sein Hanau-Projekt jetzt naturgemäß auslösen muss, will er offenbar als Aufmerksamkeitsmotor für ein Comeback nutzen.

Der Regisseur selbst rät den Hinterbliebenen, sich den Film nicht anzuschauen

Die Familien der Opfer, der Magistrat der Stadt Hanau, die Stadtverordnetenvorsteherin und die Fraktionen haben mit einem offenen Brief reagiert, in dem sie "fassungsloses Entsetzen" ausdrücken. "Wir alle (...) fordern Sie mit Nachdruck auf, die Vorbereitungen sofort einzustellen und auf die Dreharbeiten zur Realisierung dieses Films zu verzichten", heißt es darin.

Uwe Boll wiederum hat auf Facebook geantwortet, er denke nicht daran, sein Vorhaben zu stoppen. Und kramte eine E-Mail hervor, laut der die Mutter von Ferhat Unvar nichts mit ihm zu tun haben wollte. Tenor: selber schuld. Aus Rücksicht auf die Opferfamilien habe er nicht an den Originalschauplätzen gedreht, sagte er der Bild-Zeitung: "Die Angehörigen werden sich den Film trotzdem nicht anschauen können. Das ist starker Tobak."

Normalerweise gibt es einige Wege, eine derartige Ausbeutung von Leid und Tod zu verhindern. Geldgeber würden aussteigen, Distributoren ihre Unterstützung entziehen, ein öffentlicher Aufschrei den Filmemacher zurückschrecken lassen. All das scheint in diesen Fall nicht zu greifen. Uwe Boll gibt an, den Film mit eigenem Geld finanziert zu haben, und schon bisher hat er seine Werke über verschiedene Kanäle auch selbst vermarktet. Einen künstlerischen Ruf hat er, siehe oben, nicht mehr zu verlieren. Natürlich wird man versuchen, die Persönlichkeitsrechte der Opfer gegen sein Vorhaben geltend zu machen. Die juristischen Grenzen, die es bei solchen Ereignissen der Zeitgeschichte gibt, haben aber noch selten einen Filmemacher aufgehalten.

Damit hat Uwe Boll bereits einschlägige Erfahrung. Er hat schon drastischste Gewaltfilme über den Konflikt in Darfur, über die Gaskammern von Auschwitz und, näher an der deutschen Gegenwart, über den Foltermord an einem Häftling in der Justizvollzugsanstalt Siegburg im Jahr 2006 gedreht. Der Auschwitz-Film trägt den Untertitel "Gegen das Vergessen". Man sieht darin endlose Szenen nackter Menschen in einer Gaskammer, die qualvoll ersticken, und mehrere Kinder, denen in den Kopf geschossen wird, während die Kamera unbarmherzig draufhält. Boll selbst spielt einen SS-Mann, der ein Sandwich isst, bevor er die Tür zur Gaskammer verriegelt.

Bei bestimmten Ereignissen stößt das Kino an seine Grenzen. Stichwort Holocaust

All dies dient laut Bolls Selbstdarstellung ausschließlich der Aufklärung. So soll es auch bei dem Hanau-Film sein, schreibt er auf Facebook. Er wolle "Behördenversagen in diesem Fall im Vorfeld und in der Tatnacht" zeigen. Sein Film sei "nicht pietätlos, sondern wichtig, um noch während der juristischen Aufarbeitung des Falls zum Thema beizutragen". Film könne "Geschichte zu mehr Wahrheit verhelfen". All dies sind bekannte Argumente. Filmemacherinnen und Regisseure verwenden sie, oft in bester Absicht, wenn sie brutale und schmerzliche Ereignisse der Zeitgeschichte nachinszenieren: Es soll aufgeklärt und angeprangert werden, die Erinnerung an die Opfer ist wichtig, ebenso das Studium der Täter, reale Gewalt muss in aller Härte gezeigt werden, damit nichts beschönigt wird. Schweigen wäre das Schlimmste.

Wer auch immer in dieser Weise von grauenvoller Wirklichkeit erzählt, balanciert auf einem schmalen Grat. Das gilt selbst für Regisseure wie Steven Spielberg, deren Meisterschaft und Empathie niemand infrage stellt, wenn er sich wie in "Schindlers Liste" an die Darstellung des Holocaust und der Gaskammern heranwagt. Ob die Zuschauer dabei in einer Weise bewegt und geschockt werden, die sie zu besseren Menschen macht; ob sie nur den Kick der Gewalt und des Tabubruchs suchen; ob schließlich der Regisseur das Thema nur benutzt, um sein Können zu demonstrieren und seinen Ruhm zu mehren - das vermag niemand letztgültig zu entscheiden. Der Blick auf solche Filme kann sich auch wandeln im Lauf der Zeit.

Es gibt keine Instanz, die in so einem Fall eingreifen kann - zu Recht

Wahr ist, dass es Werke dieser Art gibt, die am Ende ihr künstlerisches Versprechen überzeugend einlösen, selbst wenn sie im Vorfeld oder bei der Premiere umstritten waren. Wahr ist ebenso, dass schamlose Ausbeuter schon immer das Grauen der Realität für den Versuch benutzt haben, über Schock- und Skandaleffekte schnelle Gewinne einzufahren. Und wahr ist zuletzt auch, dass es vorab keine allgemeingültigen und trennscharfen Kriterien gibt, um die einen juristisch von den anderen zu unterscheiden. Wenn sie nicht zu dumm sind in ihren Äußerungen, klingen die Ausbeuter in ihren Begründungen exakt so wie die späteren Oscargewinner.

Und weil das so ist, gibt es keine übergeordnete Instanz, staatlicher oder sonstiger Art, die hier eingreifen kann. Die ein Projekt verbietet, ein anderes aber erlaubt. Dafür ist die Kunstfreiheit - immer wieder von den Obrigkeiten mit starken Argumenten eingeschränkt, immer wieder mit Mut und noch stärkeren Argumenten freigekämpft - ein zu hohes, ein zu wertvolles Gut. Man kann an die Menschlichkeit von Uwe Boll appellieren. Aber man kann ihn in diesem Land aus sehr guten Gründen nicht zwingen, seine Filmpläne aufzugeben.

Man sollte sich also in Erinnerung rufen, dass der Mann mit billigsten Mitteln arbeiten muss, weil er nur wenige Unterstützer und kaum Geld hat. Was er derzeit am meisten hat, auch hier und jetzt gerade mit diesem Artikel, ist Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist das wichtigste Kapital der Gegenwart, das ist das Schlechte daran. Das Gute ist, dass man diese Aufmerksamkeit auch wieder entziehen kann. Sollte der Film also fertiggestellt und gezeigt werden, und tatsächlich der geschmack- und gefühllose Exploitation-Film sein, den Uwe Bolls Vorgeschichte erwarten lässt - dann wäre Schweigen einmal nicht das Schlimmste. Sondern das Beste.

© SZ
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