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Usbekistan:Zarte Zeichen der Freiheit

State Academic Bolshoi Theatre of Uzbekistan

Das Opernhaus in Taschkent hat Alexej Schtschussew entworfen, von dem auch das Lenin-Mausoleum in Moskau stammt.

(Foto: State Academic Bolshoi Theatre of Uzbekistan)

In Taschkent soll jetzt auch Tannhäuser gespielt werden. Ein Besuch in der usbekischen Hauptstadt.

Draußen fühlt sich der usbekische Frühling längst wie Sommer an. Drinnen im kühlen Opernhaus gibt es trotzdem warmen Tee, wie überall. Und wie fast überall in diesem Land, das so lange so unfrei war, gibt es warme Worte für den Präsidenten. "Wir lieben ihn sehr", sagt nun auch der Operndirektor, "denn er weiß nicht nur, er fühlt auch wie die Menschen aus Kunst und Kultur sich fühlen." Muratow Muminowitsch leitet das Nawoi Theater in Taschkent, das Opern und Ballettstücke aufführt. Es wurde vor wenigen Jahren renoviert, das war noch unter dem Regime von Islam Karimow, der grausam und diktatorisch herrschte. Nach Karimows Tod 2016 begann sein Nachfolger Schawkat Mirsijojew das Land zu öffnen, versprach den Usbeken größere Freiheit und größeren Wohlstand. Dabei gehörte der neue Präsident selbst zum alten System. Etwas, das man auch vom Operndirektor sagen kann, der zu Karimows Zeiten eine hohe Position im Kulturministerium hatte. Trotzdem will er den Umbruch nutzen, um sich einen Traum zu erfüllen: Wagner in Taschkent.

Ob es die Walküre wird oder vielleicht Tannhäuser, so genau weiß Muratow Muminowitsch das noch nicht. Der künstlerische Rat müsse entscheiden und das Kulturministerium den Beschluss absegnen. Harte Kontrollen gebe es nicht, beeilt er sich zu sagen, "nur Empfehlungen" aus dem Ministerium. Die Reformen, die wohl vor allem wirtschaftliche Gründe haben, spürt er bereits: Der Präsident hat den Kultureinrichtungen des Landes Sponsoren zugeteilt, für das Nawoi-Theater ist es das staatliche Ölunternehmen Uzbekneftegaz. Großprojekte wie eine Oper von Richard Wagner? "Das konnten wir uns vorher gar nicht denken", sagt der Direktor.

Frank-Walter Steinmeier bringt Vertreter der Wirtschaft mit - will aber auch Aktivisten treffen

Am Montag dieser Woche besucht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Land. Ein weiterer Grund für den Operndirektor, Wagner anzusprechen. "Wir sind hier im Orient", sagt er. "Es gibt einen Spruch: Wenn man sich aufhängen will, dann sollten man sich am höchsten Ast aufhängen." Nicht kleckern, klotzen, heißt das übersetzt. Natürlich kenne er Strauß und Mozart aber "das Werk des genialen Wagner auf einer usbekischen Bühne, das ist unser Traum". Er möchte einen deutschen Regisseur finden, jemanden, "der seine eigene Kultur fühlt, von Kindheit an".

Vergangenes Jahr konnte das Nawoi Theater bereits den russischen Choreografen Andris Liepa, Sohn des berühmten Tänzers Maris Liepa, nach Taschkent holen. Er hat dort schon "Der Feuervogel" von Igor Strawinsky inszeniert und "Scheherazade" von Nikolaj Rimskij-Korsakow. Für den Direktor zeigt das, was jetzt alles möglicht ist in Usbekistan. Das Land war lange abgeriegelt. Wie weit die Reformen des neuen Präsidenten gehen werden, wagt niemand vorherzusagen, bisher gehen sie keinesfalls weit genug. Eine Liberalisierung spürt bisher vor allem die Wirtschaft. Usbekistan ist kein reiches Land, die Löhne sind niedrig, die Bevölkerung sehr jung. Nun hofft man, dass ausländische Besucher und Investoren Wohlstand bringen. Deutsche Touristen können ohne Visum einreisen und Geschäftsleute einfacher usbekische Sum tauschen. Steinmeier wird von Vertretern deutscher Firmen begleitet, will sich aber auch mit Künstlern und Vertretern der Zivilgesellschaft, etwa Menschenrechtlern treffen.

Es gibt bislang eher zarte Hinweise auf eine größere Freiheit. Einige kritische Webseiten aus dem Ausland wurden freigeschaltet, viele andere bleiben gesperrt, einige usbekische Journalisten trauen sich etwas offener zu sein als früher. Von echter Opposition und unabhängiger Presse kann aber noch keine Rede sein. Folter in den Gefängnissen und Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern haben zwar abgenommen, sind aber nicht verschwunden.

Nicht weit vom Nawoi Theater liegt ein anderes, nicht-staatliches Theater, bescheidener untergebracht, aber mindestens genauso bekannt wie die Oper. Das Ilkhom Theater ist als erste unabhängige Bühne vor 43 Jahren gegründet worden, und durch schwierige Jahre gegangen. Gründer und Direktor Mark Weil wurde 2007 von religiösen Extremisten ermordet. Sie sahen den Islam durch eines der Stücke beleidigt, das Weil inszeniert hatte. Ist die neue Freiheit auch dort zu spüren, wo man darum gekämpft hat? Früher, erklärt Direktor Boris Gafurow einem Radioreporter, hätte das Staatsfernsehen den Namen des Ilkhom Theaters nie erwähnt, jetzt aber spreche man freier darüber. Es gäbe also Bewegung. Aber nach so vielen Jahrzehnten der Unfreiheit, erst in der Sowjetunion, dann unter Karimow, könne man die Leute nicht so schnell ändern: "Es ist nicht so leicht, die Angst in den Menschen zu vernichten."

In der Nawoi Oper, benannt nach dem Dichter Ali Schir Nawai, steht an diesem Nachmittag Fröhlichkeit auf dem Pro-gramm, kasachischer Volkstanz. Das Opernhaus ist in den Vierzigerjahren mit Hilfe japanischer Kriegsgefangenen ge-baut worden. Entworfen hat es derselbe Architekt, von dem das Lenin-Mausoleum in Moskau stammt, Alexej Schtschussew. Von außen kann man den Monumentalstil der Stalinzeit erkennen. Drinnen aber ist die Oper verspielt und eindeutig usbekisch. Für jede Region des Landes gibt es eine kleine Seitenhalle, die von lokalen Künstlern mit Schnitzereien, Spiegeln, Marmor, Alabaster geschmückt wurde. Auch das Büro des Operndirektors ist so verziert. Der muss jetzt eilig los, die Kasachen warten, und der Kulturminister. "Wir sind für alle Freunde und Nachbarn von uns offen", sagt er. Die Kostüme an diesem Nachmittag sind bunt, die Musik kommt aus Lautsprechern.