USA Unter Nullen

Ottessa Moshfegh: Mein Jahr der Ruhe und Entspannung. Roman. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Liebeskind Verlag, München 2018. 320 Seiten, 22 Euro.

(Foto: )

Ottessa Moshfegh seziert in "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" die Oberflächenkultur der Jahrtausendwende.

Von Luise Checchin

Die Ich-Erzählerin in Ottessa Moshfeghs neuem Roman "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" hat keinen Namen, sieht dafür aber toll aus: Sie ist "groß und dünn und blond und hübsch und jung". Trotzdem gibt es auf der Welt lediglich zwei Dinge, die in dieser New Yorker Mittzwanzigerin so etwas wie Freude auslösen: Filme mit Whoopie Goldberg und Beruhigungstabletten. Goldberg ist für die Ich-Erzählerin der Inbegriff der Subversion: "Egal, wo sie auftauchte: Augenblicklich verwandelte sich alles um sie herum in eine Parodie, eine absurde Komödie, wirkte unbeholfen und lächerlich. Das tat so gut." Doch Moshfeghs Figur reicht es nicht, wenn Bedeutung unterlaufen wird, sie sehnt sich nach der absoluten Bedeutungslosigkeit. Und deshalb braucht sie ihre Tabletten, sie braucht Ambien, Rozerem und Trazodon, Valium, Silencior und Luminal. Sie braucht sie, um Winterschlaf zu halten, ein Jahr lang.

Die Protagoinstin ist eine typische Moshfegh-Figur. Die Schriftstellerin, die 1981 in Boston geboren wurde, hat die Novelle "McGlue", den Roman "Eileen" und die Kurzgeschichtensammlung "Homesick for Another World" veröffentlicht und wird von der Kritik als eine der wichtigsten neuen Stimmen der US-amerikanischen Literatur gefeiert. Ein Grund dafür ist die Selbstsicherheit, mit der sie - inhaltlich wie formal - ihre Eigenständigkeit behauptet. Alle Moshfegh-Figuren zeichnen sich aus durch eine fundamentale Entfremdung von der Welt, in der sie leben. Der Moshfegh-Ton ist stets genau beobachtend, distanziert und nicht selten zynisch.

Warum aber sehnt sich die Ich-Erzählerin aus "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" so sehr danach, ins süße Nichts des Schlafs abzutauchen? Man kann ihr Winterschlaf-Projekt rein biografisch deuten, als eine Art der Trauerarbeit oder Einsamkeits-Bekämpfung. Schließlich ist sie Vollwaise, die steinreichen, aber gefühlskalten Eltern sind in ihrem ersten College-Jahr gestorben. Die einzigen Menschen in ihrem Leben sind Reva, eine Studienfreundin, von der sie angehimmelt wird, die sie selbst aber verachtet, und ihr Ex-Freund Trevor, von dem sie nicht loskommt, obwohl er sie wie Dreck behandelt.

Auch ihr Job bringt keine Erfüllung. Sie arbeitet in einer Galerie, deren pseudo-provokativen Werke ihr zuwider sind (Xi Ping, der Starkünstler des Hauses, begeistert die Kritik durch "Spritzgemälde à la Jackson Pollock, hergestellt mit seinem eigenen Ejakulat") und von der sie bald gefeuert wird. Man kann die Sehnsucht der Ich-Erzählerin nach einigen Monaten Schlaf allerdings auch als Rückzug aus einer Welt verstehen, deren Selbstsucht und Oberflächlichkeit sie anwidert.

Moshfegh siedelt die Handlung in den anderthalb Jahren vor dem 11. September 2001 an, in einer New Yorker Glitzerblase, in der jeder nur damit beschäftigt ist, die Fassade des eigenen Ichs aufzupolieren. In gewisser Weise erscheint der Roman wie eine Umkehrung der aufgekratzten Sex-and-the-City-Welt, der Serie, die Reva, die naive Freundin der Ich-Erzählerin, so ehrfürchtig verschlingt. Die Ich-Erzählerin hört nicht auf, über Revas obsessiven Schönheitswahn, ihre Essstörungen und Selbsthilfebücher zu spotten. Sie selbst hat all diese Probleme nicht, sie ist makellos, ohne etwas dafür zu tun. Andererseits steht ihr ihre Schönheit im Weg, wenn es darum geht, als vollwertige Person wahrgenommen zu werden. Während ihres Kunstgeschichtsstudiums, zwingt eine Professorin sie im Seminar "Feministische Theorie und künstlerische Praxis", sich vor dem Kurs auf die Zehenspitzen zu stellen, "wie Barbie, und die anderen mussten es als Performance analysieren". Statt an diesem Leben teilzunehmen, bleibt sie lieber im vollgesabberten Schlafanzug auf ihrem Sofa liegen.

Der Logik der Selbstoptimierung entkommt sie trotzdem nicht, von ihrem Winterschlaf verspricht sich die Protagonistin eine Rundumerneuerung: "Wenn ich so weitermachte, dachte ich, würde ich völlig verschwinden und in neuer Form wiederauftauchen. Das war meine Hoffnung." Nach einigen Komplikationen findet sie schließlich tatsächlich einen Weg, beinahe durchgehend abzutauchen. Als Hüter ihres Schlafs engagiert sie Xi Ping, den Künstler, der dafür sie im weggetretenen Zustand als Modell benutzen darf. Und siehe da, am Ende des Jahres findet tatsächlich eine Art Wiedergeburt statt.

Die Versuchsanordnung von "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" könnte leicht ins Plakative abrutschen. Dafür aber versteht Moshfegh ihr Handwerk zu gut. Ihre Figuren sind all ihrem charakterlichen Elend zum Trotz immer noch wahnsinnig komisch, Dr. Tuttle zum Beispiel, die esoterische Psychoanalytikerin, die der Protagonistin direkt in der ersten Sitzung genau den irren Mix aus harten Beruhigungsmitteln verschreibt, auf den sie es abgesehen hat.

Das Buch liest sich so unangestrengt und virtuos, als würde jemand eine schwierige Bachsonate als Fingerübung spielen

Moshfeghs Sprache wiederum wechselt souverän zwischen kalter, analytischer Präzision und feiner Melancholie. Mal beobachtet ihre Ich-Erzählerin die Spermaklümpchen in den künstlichen Wimpern einer Pornodarstellerin, mal erinnert sie sich an die bleichen Beine ihrer verstorbenen Mutter, die "aufblitzten wie der weiße Bauch eines Kois in der Sonne". Ab und zu beschleicht einen gar der Gedanke, Moshfegh beherrsche ihr Handwerk vielleicht etwas zu gut. Ihre Pointen sind so glasklar formuliert und sie haut sie so lässig raus, als hätte sie noch Hunderte davon (was sie, wie sich herausstellt, ja auch hat).

"Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" wirkt mitunter so, als würde jemand eine schwierige Bachsonate wie eine Fingerübung spielen. Dieser irritierende Perfektionseffekt hat durchaus eine Funktion. Man könnte sagen, dass Ottessa Moshfegh hier stilistisch genau den Eindruck hervorruft, den die Ich-Erzählerin bei ihrer Umwelt provoziert. "Deine Schönheit ist im Grunde dein größter Schwachpunkt", sagt ihr gehässiger Ex-Freund Trevor einmal zu ihr, "An dir ist zu viel Oberfläche. Man kommt kaum an das, was hinter deinem Aussehen steckt". Ein Schwachpunkt ist das im Fall von "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" freilich nicht. Denn, was Trevor mit seinem vergifteten Kompliment übersieht, ist: Was schwer zu durchdringen ist, lohnt den Versuch gewöhnlich umso mehr.