USA "Heil Trump! Heil unserem Volk!"

Bislang trat die rechte amerikanische Bewegung Alt-Right kaum in Erscheinung. Doch seit Trumps Sieg fühlen sich die Radikalen ermutigt wie nie. Am Wochenende kam es bei ihrem Treffen zu gespenstischen Szenen.

Von Jörg Häntzschel

Dass viele Donald Trump gewählt haben, weil sie seine Unverschämtheit bewundern, weil sie Hillary Clinton hassen, weil sie sich von den Demokraten vergessen fühlen, das weiß man. Aber es gab auch andere. Sie haben Trump gewählt, weil in ihm zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein Kandidat zur Wahl stand, der sich ganz bewusst rechtsradikale Positionen zu eigen machte. Er diffamierte die Latinos als "Vergewaltiger", kündigte die Deportation illegaler Einwanderer an und die Aufrüstung der Grenze. Doch nicht nur das: Er distanzierte sich nur widerwillig vom Zuspruch vonseiten eines der Idole der weißen Suprematisten, des früheren Führers des Ku-Klux-Klan, David Duke. Und er spielte unbekümmert mit den Zeichen einer jungen Bewegung von ultrarechten weißen Suprematisten, die seit knapp zehn Jahren unter dem Label "Alternative Right", kurz "Alt-Right", im rechten Untergrund fermentiert.

Bisher kam Alt-Right über ein paar Tausende Anhänger nicht hinaus. Es gab einige Internetseiten und eine jährliche Konferenz, mehr nicht. Doch das änderte sich im August schlagartig. Ausgerechnet Hillary Clinton verhalf der Gruppe zu ungeahnter Popularität. Seit sie im August Trump für seine Nähe zu Alt-Right gescholten hatte, gilt diese als eine der einflussreichsten politischen Strömungen in den USA. Und wenn Clinton, wie angekündigt, an diesem Donnerstag mit einer Rede in Nevada noch einmal auf die "verstörende" Nähe von Trump zu Alt-Right hinweisen will, könnte sie der Bewegung ein zweites Mal helfen.

Wie sehr sich die Alt-Right-Anhänger seit Donald Trumps Wahlsieg aus der Deckung trauen, das zeigte sich auf deren Konferenz am Wochenende in Washington. Was Richard Spencer dort sagte, hatte man so in den USA schon länger nicht mehr gehört. Er zog nicht nur über die "Mainstream-Medien" her, meinte nicht nur augenzwinkernd, "oder soll ich sie bei ihrem ursprünglichen deutschen Namen nennen?" Um dann, mit amerikanischem Akzent ohne Umlaut die Antwort zu geben: "Lugenpresse". Er deklamierte: "Weiß zu sein heißt, ein Kämpfer zu sein, ein Kreuzfahrer, ein Entdecker und ein Bezwinger." Am Ende rief er in den Saal: "Heil Trump! Heil unserem Volk! Heil unserem Sieg!" Spencer, 38, ist der Kopf der Alt-Right-Bewegung und ein Meister des politischen Brandings. Rechtsradikale Gruppen gab es immer in den USA, auch nachdem der Ku- Klux-Klan weitgehend verschwunden war. Sie spielten Hilfssheriffs als selbsternannte Grenzwächter in Arizona und Texas, oder sie verschanzten sich schwer bewaffnet in Milizencamps aus Sorge, Präsident Barack Obama wolle ihnen ihre Gewehre nehmen. Sie lebten eingesponnen in Verschwörungstheorien und in Erwartung einer "neuen Weltordnung". Ernst nehmen konnte diese Frührentner und Kriegsveteranen im Tarn-Outfit niemand. Spencer weiß ganz genau, dass er mit Leuten wie diesen keinen Staat machen kann. Er bemüht sich um Seriosität und Haltung. Er hat verstanden, dass man ihm und seinen Leuten die angebliche Überlegenheit der weißen Rasse auch ansehen muss. Deshalb tragen sie Anzug und Krawatte, drücken sich geschliffen aus und machen in Konferenzhotels und TV-Interviews eine überzeugende Figur. Selbst ihre HJ-Haarschnitte würden durchaus als hip durchgehen. Spencer hat die rechtsradikale Bewegung präsentabel gemacht.

Doch es geht nicht nur um Maskerade. Spencer versteht sich als Intellektueller. Gerne erzählt er, wie sehr Friedrich Nietzsche ihn beeinflusst habe. Und wenn er über Napoleon liest, so gestand er dem Rolling Stone, kriege er "einen Steifen". Verheiratet ist er mit der Russin Nina Kouprianova, einer Putin-freundlichen Wissenschaftlerin und Übersetzerin.

Richard Spencer ging auf eine Privatschule für Jungen, besuchte gute Universitäten und arbeitete bei erzkonservativen bis rechtsradikalen Zeitschriften. Mit der Website AlternativeRight.com gab er der losen Strömung einen Namen. Und mit dem National Policy Institute, einem Miniatur-Think-Tank, deren Präsident er ist, verhalf er ihr zu einer seriösen Fassade.

Doch kaum beginnt er mit einer seiner Tiraden, bleibt nicht viel davon. Spencer und andere Alt-Right-Vordenker wie Peter Brimelow und Jared Taylor haben ihr Weltbild aus dem Fundus rassistischer und antisemitischer Versatzstücke kombiniert, viele davon aus dem Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts. Sie behaupten, Weiße seien anderen Rassen intellektuell überlegen, zeichnen düstere Bilder einer von Kulturfremden unterwanderten Nation und beklagen die Erosion christlicher Werte. Während sie die Gefahr für die eigene Rasse nicht drastisch genug darstellen können - Spencer spricht von "weißem Genozid" -, verharmlosen sie den geplanten Feldzug gegen alle Nicht-Weißen als bloße Rückkehr zu "Normalität und Anständigkeit". Clever dreht Spencer den Spieß der linken Identitätspolitik um und stilisiert auch die Weißen zu einer bedrohten Minderheit: "Rasse ist die Grundlage von Identität."

Ziel ist ein rein weißer "Ethnostaat". Wie tief verwurzelt der Rassismus in der amerikanischen Kultur ist, hat sich in den letzten acht Jahren unter anderem an dem Hass auf Obama gezeigt. Ein nicht geringer Teil der Amerikaner, die "birther", weigern sich bis heute, ihn als Präsidenten anzuerkennen, da er in Wahrheit in Kenia geboren sei. Doch während die Birther die Tatsache, dass sie einen schwarzen Präsidenten niemals anerkennen würden, noch mit der Frage nach dem Geburtsort kaschierten, bekennen sich die Alt-Right-Anhänger nun offen zu ihrem weißen Suprematismus. Wer glaubte, mit dem Ende von Obamas Amtszeit werde sich auch der Rassenhass beruhigen, hatte sich getäuscht. Eher ist es umgekehrt. Die Birther-Bewegung hat nicht nur geholfen, Trump ins Amt zu heben, sondern auch das Feld bereitet für Alt-Right. Seit dem Ende des Ku- Klux-Klans, seit der Bürgerrechtsära gab es in den USA Abermillionen rassistische Akte, aber keine offene rassistische Bewegung. Das hat sich gerade geändert. Spencer will nun die Gelegenheit ergreifen, um den Mainstream zu erobern. Auf den ersten Blick erscheint das paradox. Der selbsterklärte rechte Avantgardist hat für gemäßigte Republikaner nur Verachtung übrig. Als "cuckservatives", oder "cucks" verunglimpft er sie, nach "cuckold", Gehörnter. Sie hätten ihre Prinzipien verraten, seien keine echten Männer. Tatsächlich hat Trumps Sieg sämtliche konservativen Lager geschwächt zurückgelassen. Die moderaten Republikaner wurden von ihm gedemütigt. Die Evangelikalen stellen zwar in Mike Pence den Vizepräsidenten, aber haben die Unterstützung für Trump mit ihrer Glaubwürdigkeit bezahlt. Und auch die Libertären gehören zu den Verlierern, selbst wenn der Unternehmer Peter Thiel, ihr bekanntester Vertreter, doch noch einen Platz am Kabinettstisch bekommt. Sie stoßen sich an Trumps Prinzipienlosigkeit und hassen nichts so sehr wie die von Trump angekündigten Staatsprogramme für Infrastruktur. Alt-Right könnte nun in dieses Ideologievakuum stechen. Und noch etwas spricht für Alt-Right: Donald Trump wird die Rebellenkarte nicht mehr lange spielen können. Er versprach zu gewinnen. Er hat gewonnen. Nun beginnen die Mühen der Ebene und die Zeit der gebrochenen Wahlversprechen. All jene Amerikaner, die für die Tea Party und die Birther-Bewegung auf die Straße gingen und dann von dort direkt zu den Auftritten Trumps - sie werden sich nun nicht mehr gebraucht fühlen. Unter der Flagge der Alt-Right-Bewegung können sie ihren Kampf fortsetzen.