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Serie "Welt im Fieber" - USA:Es geht uns gut

Outbreak of the coronavirus disease (COVID-19) in California

"Wir sind alle lächerlich, mit unseren blöden Stoffmasken", meint Kristen Roupenian. Eine Polizistin in San Diego trägt eine Maske im Muster der US-amerikanischen Nationalflagge.

(Foto: REUTERS)

Aber wir verlieren langsam den Verstand. Höchste Zeit, dass der Lockdown gelockert wird. Eindrücke aus dem US-amerikanischen Alltag.

Das Virus trifft die ganze Menschheit. Einige Orte erfasst es früher, andere später. Sechs Literaten aus sechs Ländern führen eine globale Chronik. Heute: USA.

Ich habe das zwanghafte Bedürfnis, mich selbst zu verpetzen in diesem Tagebuch. Über Ostern war ich bei meiner Mutter. Ich stand in ihrem Garten und trug Maske und Handschuhe; sie lachte mich aus und versuchte die Abstandsregel zu ignorieren, bis ich sie anschrie, dass ich auf der Stelle gehen würde, wenn sie nicht endlich anfange, mich ernst zu nehmen: ein starkes Echo meiner Teenagerzeit.

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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Meine Mutter hatte keinerlei weiße Eier oder Eierfarbe, aber sie hatte ein paar braune Eier mit Filzstift verziert und diese im Hof versteckt. Sie wollte, dass ich sie suche, um ein Video davon zu machen, das sie dann meiner Nichte schicken könne. Ich lehnte ab, weil das a) kein Social Distancing ist und ich b) achtunddreißig Jahre alt bin und auch meinen Stolz habe. Stattdessen hingen wir einfach rum und brüllten uns gegenseitig durch unsere Masken an. Sie erzählte, dass Tante Jill gesagt habe, dass sie, sollte sie sich mit dem Virus infizieren, nicht in ein Krankenhaus gehen würde, um dort einsam zu sterben. Stattdessen solle Onkel Frank im Garten eine Biene einfangen, von der sie sich dann stechen lassen würde, um auf diese Weise schnell an einem anaphylaktischen Schock zu sterben statt langsam an Covid-19. Daraus schloss ich, dass der Lockdown bald vorbei sein sollte, weil die ältere Generation gerade rapide den Verstand verliert.

Meine Nichte ist zwei schon zutiefst gelangweilt von unseren dämlichen Videos

Sie sind nicht die einzigen. Callie möchte verzweifelt nach Hause, zurück nach Texas. Als wir uns zum ersten Mal getroffen haben, erzählte sie mir, dass sie sich immer davor gefürchtet habe, zu weit nach Norden zu reisen, weil sie glaubte, dass sie dort irgendwie gefangen sein könnte und nicht mehr würde zurückkehren können. Ich antwortete, das diese Aussage auf geradezu lächerliche Weise texanisch sei. Aber wer ist jetzt lächerlich? Die Antwort lautet: Wir sind alle lächerlich, mit unseren blöden Stoffmasken, wie wir uns wie einsame Kinder selbst "Happy Birthday" vorsingen, während wir uns die Hände waschen.

Vor Kurzem habe ich zwei Gänse gesehen und ich entschied, ein Video zu machen und es meiner Nichte zu schicken (meine Nichte ist zwei und schon jetzt zutiefst gelangweilt von unseren dämlichen Videos). Während der Aufnahme flog eine der Gänse hoch auf den Steg, watschelte in meine Richtung, hackte mit unmissverständlicher Verachtung auf meinen Fuß ein, ging wieder ins Wasser und schwamm davon.

Und oh, fast hätte ich es vergessen: Auf der Heimfahrt vom Haus meiner Mutter hatte sich ein Truthahn auf den Highway verirrt und ich musste ihm ausweichen und bin fast gestorben. Das ist eine vollständige Liste aller Dinge, die diese Woche vorgefallen sind. Es geht mir gut, es geht uns allen gut, wir haben Glück und es geht uns gut und wir verlieren außerdem komplett den Verstand.

Kristen Roupenian , geboren 1982 in Plymouth, ist eine amerikanische Schriftstellerin. Bekannt wurde sie 2017 mit ihrer Kurzgeschichte "Cat Person", auf Deutsch erschienen in dem Erzählband "Cat Person. Storys." (Blumenbar Verlag). Aus dem Englischen von Felix Stephan.

© SZ vom 18.04.2020
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