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US-Wahl:Unberechenbar, von David C. Unger

Donald Trumps Sieg hat die meisten politischen Analysten geschockt. Hätte er aber nicht sollen. Seit Beginn der Vorwahlen war klar, dass die Wähler das Gewohnte und den Status quo zurückweisen. Hillary Clinton hat ihre Kampagne darauf aufgebaut, dass sie nicht Trump ist. Das war nicht genug. Sie ist eine zu vertraute Figur. Sexismus hat ihre Kampagne beschädigt. Die Untersuchungen des FBI haben ihre Kampagne beschädigt. Und dann kamen noch acht Jahre stagnierende Einkommen und prekäre Arbeitsverhältnisse dazu. Die knappen Ergebnisse legen nahe, dass ein anderer Demokrat gewonnen hätte. Und sie zeigen, dass Amerika sich in zwei Nationen teilt, die einander nicht zu kennen und zu verstehen scheinen.

Trump hat die Stimmen zig Millionen einfacher Amerikaner gewonnen, die fast unsichtbar sind für alle, die in den Glastürmen von New York, San Francisco und Seattle leben und arbeiten. Er hat sich als Verfechter für alle beworben, die sich vor dem kulturellen, demografischen und internationalen Wandel fürchten. Wie Ronald Reagan hat er versprochen, eine glorreiche Vergangenheit wiederauferstehen zu lassen, die es für die meisten nie gegeben hat. Und diese Versprechen haben die andere Hälfte Amerikas verständlicherweise in Zukunftsangst versetzt. Trump ist der radikalste und unberechenbarste Präsident, der in meiner Lebenszeit gewählt wurde.

Die internationalen Konsequenzen aus dieser Wahl lassen sich noch gar nicht übersehen. Die Ansichten von Trumps Beratern sind den Experten für US-Außenpolitik kaum bekannt. Trump ist kein Isolationist. Er ist ein Nationalist und setzt auf Alleingänge. Bündnisse wie die Nato und Handelsverträge wie TTIP, TPP and Nafta hält er für eine Last. Er ist kein Neoliberaler, Neokonservativer oder Steinzeit-Konservativer. Er neigt vielleicht weniger offen zu militärischen Interventionen als Clinton - aber sicher können wir uns dessen nicht sein. Er scheint ein wenig naiv Putin gegenüber zu sein, aber es könnte vielleicht nicht schaden, wenn die konfrontative Rhetorik zwischen Washington und Moskau ein wenig gedämpft wird. Trump scheint China in Wirtschaftsfragen konfrontativ angehen zu wollen, aber nicht militärisch. Wegen Trumps Skepsis gegenüber Bündnissen könnten Deutschland zusätzliche Führungsaufgaben zufallen.

Ich gratuliere dem gewählten Präsidenten und hoffe, nach diesem wütenden und verletzenden Wahlkampf können Amerikaner aller politischen Lager die Kraft und die Weisheit finden, unsere Wunden zu heilen und den Herausforderungen, die vor uns liegen, gegenüberzutreten.

David Unger, 69, lehrt an der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University in Bologna, Italien.