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US-Wahl:Ende der Einfühlung - Ich verachte meinen politischen Gegner, von T.C. Boyle

19 Uhr, Westküstenzeit. Ich bin Teil des Problems. Nein, ich bin die Wurzel des Problems. Ich verachte die politischen Gegner so sehr, dass ich allen Respekt verliere für jeden, der die andere Seite unterstützt, bei dieser Wahl mehr denn je. Es geht so weit, dass ich fürchte, an unserer Demokratie nicht mehr teilnehmen zu können. Denken Sie an die Würde, mit der Al Gore im Jahr 2000 gegenüber George W. Bush seine Niederlage einräumte, obwohl es der parteiische Supreme Court war, der Bush den Wahlsieg beschert hatte.

So funktioniert die Demokratie. Ich muss davon lernen. Ich muss das akzeptieren. Ich bin ein Patriot. Unsere Gesellschaft hat es mir immer erlaubt, ohne Angst zu sagen, was ich wollte, sie hat mich aus der Arbeiterklasse aufsteigen und das privilegierte Leben eines Künstlers führen lassen. Und doch, und doch, wie könnte ich akzeptieren, dass jemand, den ich kenne und respektiere, die andere Seite unterstützt? Wie werde ich morgen über diese Person denken? In einer Woche? Einem Jahr? Prinzipien sind mir wichtig. Verletze meine Prinzipien, und du bist für mich erledigt.

Am Abend, während die Wahllokale an der Ostküste schlossen, ging ich mit meiner Frau in unsere Lieblingsbar, die Wahlergebnisse zu verfolgen. Doch ich konnte nicht bleiben. Meine Angst war zu groß, dass jemand so dumm ist und für die anderen stimmt. So gehirngewaschen, so sehr Opfer der Propaganda, dass er gegen seine eigenen Interessen stimmt - und gegen die seines Landes. Jetzt bin ich zu Hause und schreibe und gebe zu, dass auch ich den Vertrag verletzt habe, der unser Land so lange starkgemacht hat.

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Ich werde als Schriftsteller dafür gefeiert, dass ich mich in jede Person hineinversetzen kann, dass ich die Welt von allen Seiten betrachten kann. Okay. Gut. Ich bin stolz auf diese Fähigkeit. Aber an diesem Abend wird meine Seele von dem Gedanken gequält, dass die andere Seite gewinnen könnte, meine Einfühlungsgabe ist fort. Es gibt nur Sieg oder Tod.

22 Uhr, Westküstenzeit. Ich bin fassungslos, wie knapp der Ausgang ist, obwohl es doch für mich nur einen einzigen ernsthaften Kandidaten gibt. Ich habe Richard Nixon und George W. Bush überstanden, aber das? Egal, wie das Ergebnis ausfällt, das Grundproblem bleibt dasselbe: Die Regierung ist käuflich für private Interessen; und die Arbeiterklasse wird durch Propaganda manipuliert, damit sie wählen geht. Es sollte ein Gesetz dagegen geben. Aber wer wird es verabschieden? Unser System ist kaputt, und wir sind als Volk fast so zerrissen wie während des Bürgerkriegs. Wer wird das reparieren? Ich nicht. Ich bin nicht kompromissbereit genug. Was soll ich also sagen? Ich sage gute Nacht. Ich sage, lasst uns morgen als tolerante Menschen aufwachen. Ha! Viel Glück damit!

T.C. Boyle, 67, ist Schriftsteller.

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