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US-Wahl:Wahre Verbrechen, von Ottessa Moshfegh

Ich zappte in der Nacht in meinem Hotelzimmer an der Upper West Side von Manhattan immer wieder zu der Wahlberichterstattung auf CNN. Ich saß auf einem schönen Bett, aß schlechtes chinesisches Essen und dachte darüber nach, worüber ich am nächsten Tag vor den Studenten des Creative Writing Program an der Columbia University in meinem Vortrag sprechen würde. Der Titel meiner Vorlesung ist "Die Kunst der Unterhaltung?". Hauptsächlich habe ich aber eine Folge nach der anderen von "Forensic Files" angesehen, eine billige, 30 Minuten lange True-Crime-Doku-Serie: kaum Budget, ein raunender Erzähler, Interviews und nachgestellte Mordszenen. Es gibt immer einen Täter, ein Opfer und eine Erklärung des wie, wo, was, warum, wann. Es wird nicht über Grundprinzip des Beweisens von Schuld nachgedacht. Schuld ist offensichtlich Beweis genug. "Es ist unbestr eitbar."

Manche Leute sind gut und beliebt. Manche Leute sind verrückt und böse und niemand mag sie und sie töten die guten Leute und darin liegt unsere Wut und unsere Faszination für das Böse. Das Böse ist sehr unterhaltsam. Ohne es gäbe es nichts im Fernsehen. Was ist sein Geheimnis? Ich habe diese Wahl als jemand erlebt, der über Trump lacht und von Clinton verwirrt ist. Ich habe Sympathien für beide Seiten. Als Außenstehende erscheint es mir, als würde die Beweise am Tatort darauf hinweisen, dass unsere Regierung um ein fehlerhaftes und veraltetes Paradigma herum aufgebaut ist. Aber wir sind mit der Überzeugung vermählt, dass unsere Traditionen heilig sind. Was haben wir solche Angst zu verlieren? Ich frage mich, ob meine Landsleute sagen würde, ich sei ein schlechter Amerikaner. Vielleicht bin ich einer von diesen verrückten Mördern. Ich bin nicht sicher, ob es mir hier in den USA für den Rest meines Lebens erlaubt sein wird, frei zu schreiben. Ich bin zynisch und misstrauisch und die Geschichte scheint sich bis zum Erbrechen zu wiederholen. Aber hier bin ich und ich will auch nicht weg. Ich liebe diesen Ort leidenschaftlich, denn hier habe ich mir ein Leben aufgebaut. Und ich liebe mein Leben. Demokratie ist eine wunderschöne Illusion. Ich habe nicht gewählt.

Ottessa Moshfegh, 35, ist Schriftstellerin.