bedeckt München 27°

US-Wahl:Wir Insulaner, von Katherine Fleming

Für eine isolierte New Yorkerin wie mich waren die ersten Anzeichen positiv. Ich war um halb sechs Uhr morgens aufgestanden und war trotzdem nicht die Erste in der Schlange vor meinem Wahllokal, einer Grundschule in der 11. Straße. Als es um sechs Uhr öffnete, wand sich die Schlange bereits um den Block. Wir waren zahlreich erschienen, um die erste Präsidentin in der Geschichte der USA zu wählen. Die Stimmung war überwiegend festlich. Ein Paar vor mir scherzte: "Wohin ziehen Sie denn, wenn er gewinnt?" Der Mann hinter mir entgegnete: "Keine Sorge, wird er nicht." Die meisten New Yorker haben noch nie in ihrem Leben ein Schild mit dem Namen von Donald Trump und seinem künftigen Vizepräsidenten Mike Pence gesehen - und ganz sicher keines, das nicht ironisch hochgehalten wurde. Alle trugen am Wahltag stolz ihren "Ich habe gewählt"-Aufkleber, der landesweit an den Wahllokalen ausgegeben wurde. Hier in New York bedeutete das so viel wie: "Ich habe Clinton gewählt."

Oh, wie naiv und dumm und isoliert wir New Yorker sind! Auf unserer kleinen Insel Manhattan an der Ostküste des Kontinents erschien es buchstäblich irreal, dass Trump gewonnen hat, und dann auch noch mit einem so guten Ergebnis. Natürlich verrät es viel über uns selbst, über die sogenannte liberale Ostküsten-Elite, die wir Hillarys Namen im Munde führen, als hätten wir gestern mit ihr zu Abend gegessen, was in manchen Fällen ja auch zutraf. Es zeigt uns, wie überaus irrelevant wir sind, und dass sich hunderttausend ernste Worte in der New York Times zu null addieren lassen. All die ungeheuer beruhigenden Umfragen, die nüchternen Analysen und Podien - am Ende war alles, wie Shakespeare es nannte, ein Märchen "voll Wortschwall und bedeutet nichts". Meine Hochschule hatte zu einer großen Wahlparty eingeladen, aber als Florida um 20 Uhr wankte, drehte sich die Stimmung. Mein Hemd, das die stolzen Worte schmückten "Die Zukunft ist weiblich", fühlte sich an, als fehle ein Fragezeichen. Nicht nur hinter dem Wort "weiblich", sondern vielleicht auch hinter dem Wort "Zukunft" .

Katherine Fleming, 49, ist Historikerin und Direktorin des Remarque-Instituts an der New York University.