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US-Wahl:Amerikas Intellektuelle stehen unter Schock

Im patriotischen Gegensatz: Der New Yorker Künstler Scott LoBaidobei bei der Arbeit an der Installation "Patriotic Lawn T" im August. Die Arbeit wurde von einem Unbekannten wenig später in Brand gesetzt.

(Foto: AFP)

Künstler, Musiker, Autoren und Wissenschaftler sind nach der US-Wahl fassungslos. Einige von ihnen, darunter T.C. Boyle und Judith Butler, haben ihre Gefühlslage für die SZ trotzdem in Worte gefasst.

Wer sind sie? Von Judith Butler

Zwei Fragen treiben die amerikanischen Wähler links von der Mitte um: Wer sind diese Trump-Wähler? Und warum waren wir auf dieses Ergebnis nicht vorbereitet? Das Wort "Verheerung" beschreibt nur annähernd das Gefühl, das sich unter meinen Bekannten verbreitet. Wir wussten nicht, wie groß der Zorn auf die Eliten ist und wie tief die Wut weißer Männer gegen Feminismus und Bürgerrechtsbewegung, wie sehr die wirtschaftliche Zwangsenteignung viele zermürbt, wie stark Isolationismus, das Versprechen neuer Mauern und die nationalistische Streitlust sie beflügeln. Ist dies der neue "Whitelash", die Abrechnung der weißen Bevölkerung mit dem Rest der Amerikaner? Und warum hat sie uns so überrumpelt?

Wie in Großbritannien nach dem Brexit zweifeln wir nun an den Meinungsumfragen: Wer wird befragt, wer nicht? Antworten die Befragten wahrheitsgemäß? Stimmt es, dass die Mehrheit der Wähler weiße Männer waren, und dass zahlreiche Menschen anderer Hautfarben zu Hause blieben? Wer ist diese wütende, nihilistische Öffentlichkeit, die die Kandidatin der Demokraten für die Schäden des Neoliberalismus und des deregulierten Kapitalismus verantwortlich macht? Wir müssen über rechten und linken Populismus und Frauenverachtung nachdenken.

Hillary Clinton wird mit der Politik des Establishments identifiziert. Dabei sollte man den tief verwurzelten Zorn gegen sie nicht unterschätzen, einen Groll, der teilweise aus Frauenfeindlichkeit und der Abscheu vor Obama rührt und sich an einem lange schwelenden Rassismus entzündet. Trump hat die aufgestaute Wut gegen die als mäkelnde Zensurpolizei verstandenen Feministen geschürt, gegen einen Multikulturalismus, der weiße Privilegien bedroht, gegen Migranten, die er zum Sicherheitsrisiko erklärt hat. Die leere Rhetorik falscher Stärke hat triumphiert. Sie bildet eine Verzweiflung ab, die weiter um sich greift, als uns bewusst war. In einer Welt, die fälschlicherweise als "postethnisch" und "postfeministisch" bezeichnet wird, setzen sich Frauenhass und Rassismus über Urteilsvermögen und den Einsatz für demokratische, inklusive Ziele hinweg. Sadistische, ressentimentgeladene, destruktive Leidenschaften steuern unser Land.

Und wer sind wir, die wir die Macht dieser Menschen nicht sahen und all das überhaupt nicht erwarteten, die wir nicht begriffen, dass die Leute für einen Mann mit rassistischer, fremdenfeindlicher Sprache, mit einer Geschichte sexueller Beleidigungen stimmen würden, der Ausbeutung von Arbeitern, Geringschätzung für die Verfassung und Migranten und dem fahrlässigen Plan für eine stärkere Militarisierung? Schirmt uns unsere weltentrückte Art des linksliberalen Denkens von der Wahrheit ab? Und was müssen wir tun, um eher eine Widerstandsbewegung als eine politische Partei abzugeben?

Judith Butler, 60, lehrt Philosophie in Berkeley.