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US-Wahl:"Die Trump-Fans wollen keine soziale Gerechtigkeit"

Warum ist Hillary Clinton unter weißen Männern ohne College-Abschluss so unpopulär?

Sie sehen in Clinton eine hochnäsige Frau, die nie ihre Interessen vertreten könnte. Sie sind überzeugt, dass sie ihre Worte ans jeweilige Publikum anpasst. "Sie lügt", dieser Satz ist wie ein Glaubensbekenntnis. Beim Parteitag haben die Demokraten versucht, ihr angeblich "schrilles" Image zu ändern. Clinton ist fraglos kompetent, aber alle raten ihr: "Lächle mehr, damit die Wähler dich mögen." Trump ist anders: Er besänftigt niemand, sondern droht: "Wir werden den IS zerstören!" Trump verspottet genau jene sozialliberalen Kosmopoliten aus den Großstädten, die konservative Wähler für ihre moralischen Argumente verachten. Bei den Trump-Fans geht es nicht nur um Ökonomie: Sie haben es satt, dass die Eliten auf sie herabblicken. Beleidigt werden und mit Beleidigungen kontern - das ist unsere heutige "Demokratie der Umgangsformen".

Sie schreiben, dass den armen Weißen der Hass beigebracht wurde. Wer waren ihre Feinde?

Es gehört zur amerikanischen Demokratie, gefährliche "Andersartige" anzugreifen. Das Parteiensystem beginnt mit der Wahl von Andrew Jackson 1828. Er wuchs in armen Verhältnissen im "Cracker Country" Tennessee auf, wo viele Arme, eben "Cracker" lebten, er war nicht gebildet. Es war bekannt, dass Jackson Indianer ermordet hatte, und seine Fans lobten den "groben Instinkt maskuliner Freiheit". Die armen Weißen hofften, dass Jackson ihre Feinde beseitigte: Ureinwohner, Spekulanten und die überheblichen Leute von der Ostküste. Als Abraham Lincolns Aufstieg begann, argumentierten die Republikaner, dass die Plantagen- und Sklavenbesitzer der wahre Feind der armen Weißen seien. Diese hatten das Monopol auf das beste Land. Nach dem Bürgerkrieg wollten Lincolns Republikaner befreiten Sklaven und armen Weißen mehr Rechte geben. Unter den Eliten des Südens herrschte Entsetzen beim Gedanken, dass sich beide verbünden könnten.

Die Politiker spielten die Gruppen gegeneinander aus.

Nach und nach wurde die Strategie perfektioniert. Die Gouverneure James Vardaman aus Mississippi zu Beginn des 20. Jahrhunderts oder George Wallace in Alabama in den Sechzigern setzten genau wie Trump Rassismus ein, um ihre Karrieren zu fördern. Es ging nicht immer gegen Afroamerikaner. Sie redeten den armen Weißen ein, dass ihre Jobs durch Einwanderer oder sogar durch Frauen und Kinder bedroht seien. Letztere arbeiteten für noch niedrigere Löhne in den Textilfabriken der Südstaaten. Die Unterschichten sollten ihre Wut nicht gegen die herrschende Elite richten. Präsident Lyndon Johnson, der in Texas geboren wurde, erklärte es so: "Wenn man den ärmsten weißen Mann überzeugen kann, dass er besser dran ist als der reichste Schwarze, dann merkt er nicht, wie man ihm das Geld aus der Tasche zieht. Zum Teufel, wenn er auf jemand herabblicken kann, dann leert er freiwillig seine Taschen."

Und diese Strategie funktioniert?

Die Idee eines Nullsummenspiels ist weit- verbreitet: Wenn Schwarze, Einwanderer oder Frauen mehr Rechte erhalten, wird den armen weißen Männern etwas weggenommen. Viele Amerikaner verachten heute, was sie als "unverdiente Privilegien" ansehen, etwa Sozialhilfe oder Krankenversicherung. Zugleich beklagt niemand, dass die Mittelschicht von Steuererleichterungen profitiert und Firmen Subventionen bekommen. Diese Unterstützung wird als gute Investition in die Zukunft angesehen, doch bei Sozialhilfe sind die alten Ressentiments wieder da: Diese faulen Nichtsnutze haben das nicht verdient, und durch die Transfers wird die Arbeitsmoral zerstört.

Viele Amerikaner sind schockiert, dass im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" so viele Menschen sozial nicht von der Stelle kommen.

Soziologen haben bewiesen, dass die soziale Mobilität in Schweden oder Holland höher ist, weil es dort mehr Sozialleistungen gibt. Das erhöht die Chancengleichheit. Die obere Mittelschicht in den USA vererbt bis zu 50 Prozent ihres Wohlstands an ihre Kinder. Wichtig ist auch die Geografie. Der soziale Status beeinflusst, in welchem Viertel Amerikaner leben, und der Wert der Grundstücke beeinflusst über die Vermögenssteuer die Qualität der Schulen. Jeder will das Beste für seine Kinder, aber diese Auswahl ist ein Privileg der Reichen. Es hängt eben nicht nur vom Fleiß ab, sondern auch davon, was Eltern und Großeltern getan haben. Das passt nicht zu unserem Selbstbild, wonach wir uns als Individualisten hochgearbeitet haben. Trump strickt am gleichen Mythos. Wir würden heute nicht über Donald reden, wenn sein Vater Fred kein reicher Bauunternehmer gewesen wäre. Daher gibt es in der US-Politik auch so viele Dynastien.

Wie überzeugt Trump seine Wähler davon, dass sie ihren sozialen Abstieg aufhalten können?

Er verspricht ihnen nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch, dass die Regierung die arbeitenden Amerikaner verteidigen wird. Die Angst vor der Konkurrenz der Einwanderer hat ja mit komplexen sozialen Prozessen zu tun. Der Einfluss der Gewerkschaften schwindet, und ohne Uni-Abschluss kriegt man nur lausige Jobs im Dienstleistungssektor. Trumps Mauer nach Mexiko symbolisiert nicht nur, dass die Latinos draußen bleiben werden - für viele, die Freihandel hassen, bedeutet sie, dass die Jobs im Land bleiben. Die Trump-Fans wollen keine soziale Gerechtigkeit oder Gleichberechtigung. Ihnen geht es um stabile, gut bezahlte Industriejobs. Sie wollen die Uhr zurückdrehen zu jener Zeit, als der Mann allein eine Familie ernähren konnte. Die Wähler sehnen sich nach einer Fantasie, dabei würde es ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit nach einem Wahlsieg Trumps noch schlechter gehen.

Die weiße Unterschicht wird nach der Wahl im November nicht verschwinden - egal, ob Trump gewinnt oder nicht. Welche Politik würde ihr helfen?

Unser Land braucht einen neuen "New Deal", ein Investitionsprogramm in Infrastruktur. Wir dürfen Empfänger von Sozialleistungen nicht länger dämonisieren. Henry Wallace, Vizepräsident unter Franklin Delano Roosevelt, sagte 1944: "Was würde passieren, wenn wir 30 000 Kindern der reichsten Eltern und 30 000 armen Kindern die identische Kleidung und Ernährung geben und sie genau gleich ausbilden? Alle würden sehen, dass arme Kinder das Gleiche schaffen können wie reiche Kinder." Heute stünden bei einer solchen Aussage vielen die Haare zu Berge. Doch weil während der "Great Depression" jeder Fünfte arbeitslos war, merkten die Amerikaner, dass sie Armut nicht länger mit Faulheit erklären können.

Bildung allein ist also nicht die Lösung.

Wir müssen mehr Geld in die wastelands stecken, in die heruntergekommenen Industriegebiete und armen Innenstädte. Die Armen haben erst eine Chance, wenn Familien in einer sicheren Gegend wohnen, genug zu essen haben, sich Schulbücher und Internet leisten können. Ich unterstütze jede Investition ins Bildungssystem, aber nur 30 bis 40 Prozent machen einen Uni-Abschluss. Wie dem Rest geholfen werden kann? Darauf hat die Politik noch keine Lösung gefunden.

© SZ vom 18.08.2016
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