US-Schauspieler Spaceys Schuld wird nicht gesühnt, indem man seine Kunst löscht

US-Schauspieler Kevin Spacey im September 2017 beim Unternehmensgründer- und Investorentreffen Bits & Pretzels in München

(Foto: picture alliance / Matthias Balk)

Keiner ist gezwungen, die Arbeit eines Menschen anzuschauen, den er verabscheut. Kevin Spacey aus einem Film zu schneiden, ist kein besonders tröstliches Zeichen für das kulturelle Klima der Gegenwart.

Kommentar von Peter Richter

Kurz vor dem Filmstart von "Alles Geld der Welt" will der Regisseur Ridley Scott allen Ernstes jene Szenen aus dem Film herausschneiden und neu drehen, in denen Kevin Spacey zu sehen ist, weil dem Schauspieler sexuelle Anzüglichkeiten und Übergriffe vorgeworfen werden. Das ist mal ein Himmelssturz. "Falling from grace" würden sie in Amerika sagen, ein Sturz aus der Gunst, wie es ihn selbst in diesem Land nicht so häufig gegeben hat.

Eben noch war Spacey praktisch omnipräsent als Retter niveauvoller Linksliberalenunterhaltung auf Leinwand, Bildschirm und Bühne. Jetzt werden nicht nur Serien mit ihm in der Hauptrolle abgesetzt, jetzt wird er sogar aus den Nebenrollen bereits gedrehter Filme getilgt. Das ist schwer zu fassen, und für alle, die Spacey als Schauspieler mochten und nicht finden, dass sie ihn dafür auch als Mensch zwingend mögen müssen, ist das auch schwer zu ertragen.

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Wirklich glücklich ist da nur, wer über genug kulturelle Halbbildung verfügt, um sich den Fall gewissermaßen durch historische Analogiebildungen vom Leib zu halten. Da fallen den einen natürlich die Fotos ein, aus denen Stalin jene Mit-Bolschewiken herausretuschieren ließ, deren Erschießung er angeordnet hatte. Andere wissen noch, dass ägyptische Pharaonen die Abbilder ihre Vorgänger von den Stelen kratzen ließen. Auch der antikisch dröhnende Begriff der "Damnatio memoriae" muss dann auf den Tisch - auch wenn es bei der Verdammnis des Angedenkens gar nicht so sehr ums Vergessenmachen ging, sondern um die Erinnerung an eine Strafe, weshalb man die Namen derer bis heute ganz gut kennt, die von den Römern so demonstrativ aus den Annalen gestrichen wurden.

Keiner ist gezwungen, die Arbeit eines Menschen anzuschauen, den er verabscheut

Die Frage ist nur, was nützt so ein Haufen von Assoziationen? Was nützt es Kevin Spacey, dass er sich jetzt in einer Reihe mit Echnaton und Caligula sehen darf. Was nützt es seinen mutmaßlichen Opfern und was den Zuschauern der Filme, in denen er mitspielte oder neuerdings eben auch nicht?

Beim genauen Hinschauen ist es schon ein Unterschied, ob mit den Herrschern auch deren Bildnisse ausgewechselt wurden, so wie das heute noch in jeder Amtsstube mit dem Porträtfoto von Staatsoberhäuptern geschieht, oder ob ein Schauspieler rückwirkend Berufsverbot erhält. Denn Herrscherbilder waren, lange bevor sie als Kunst betrachtet wurden, als reale Repräsentationen der Macht in Gebrauch, ganz buchstäblich als Stellvertreter.

Wer von der Arbeit eines Schauspielers dasselbe annimmt, muss sich fragen lassen, ob man da nicht womöglich ein wenig naiv den sabbernden Erwartungen an Stars und deren vermeintliche Authentizität aufsitzt. Dass Schauspieler gelegentlich vergöttert werden, als wären es Pharaonen, ist nicht primär ihre Schuld. Wenn sie allerdings privat Schuld auf sich geladen haben, können sie aus guten Gründen natürlich verteufelt werden.

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Keiner ist gezwungen, die Arbeit eines Menschen anzuschauen, den er verabscheut. Wer jetzt aus Entsetzen über das, was Spacey zur Last gelegt wird, keine Filme mehr mit ihm sehen will, kann seine DVDs da hintun, wo vielleicht schon die Videobänder von Woody Allen liegen. Dem wurde ja auch von vielen nicht geglaubt, dass an den Missbrauchsvorwürfen wenig dran war.

Offenbar rechnet Ridley Scott mit dieser Reaktion, und vielleicht, wer weiß, spielt es auch eine Rolle, dass die Opfer der sexuellen Belästigungen hier ausnahmsweise keine Frauen waren. Irgendwie wirkt es nämlich leider auch wie ein Einknicken vor all den Homophoben, die immer schon gewusst haben, dass so etwas ... usw. usf.

Zumindest ist es ehrenwert, dass Scott nicht die anderen Schauspieler seines Films darunter leiden lassen will. Wenn in der DDR ein Schauspieler in Ungnade fiel, dann verschwand meistens der ganze Film. Abgesehen von der Scheinheiligkeit derer, die bisher offenbar kein Problem damit hatten, in ihren Filmen mit dem Superstar Kevin Spacey zu arbeiten, jetzt aber urplötzlich schon, abgesehen davon ist das kein besonders tröstliches Zeichen für das kulturelle Klima der Gegenwart.

Ein Mittel für den Umgang damit ist, wie gesagt, die Flucht in historische Analogien. Wenn man in Betracht zieht, dass bei konsequenter Anwendung der Spacey-Maßstäbe erst recht auch alle Filme auf den Müll müssten, die Harvey Weinstein produziert und aus denen er seine fatale Macht über Schauspielerinnen gezogen hat, dann böten sich auch jene Zeiten an, als aufgebrachte Eben-noch-Katholiken mit der Spitzhacke durch die Kirchen zogen. Mit der Leere, die dann bleibt, kann man auch leben. Aber ob man das will, ist wirklich eine Glaubensfrage.

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