US-Kino: "Atlas Shrugged" Kriecherische Staatsschranzen

Erstaunlicherweise nämlich dreht sich in der verqueren Retro-Science-Fiction des Films alles ums Eisenbahnwesen. Seit Fliegen unbezahlbar geworden ist, wurde die Bahn - wie einst Ende des 19. Jahrhunderts - zum Symbol und Schlüssel für kapitalistische Macht. Taggart (Taylor Schilling), die frostige Erbin eines Bahnimperiums, will die Firma wieder ganz nach oben bringen. Und der Metalltycoon Hank Rearden (Grant Bowler), der eine neuartige Stahllegierung erfunden hat, liefert ihr dazu die Schienen.

Eine prosaische Geschäftsbeziehung, möchte man meinen. Tatsächlich spielt der größte Teil des Films in fensterlosen Chefbüros und bei endlosen Business-Lunches. Sekretäre bitten um Unterschriften, Termine werden gemacht, Telefonate durchgestellt. Und immer geht es um dieselben packenden Themen: Stahl! Schienen! Ja. Nein. Zu riskant. Doch, wir müssen! Nein, ihr dürft nicht!

Das alles wäre so banal wie ein normaler Tag in der Vorstandsetage eines mittelgroßen Konzerns, ginge es nicht um so viel mehr: Die blonde Taggart, die so fest und klar in die Zukunft blickt, und der gut gestählte Rearden sind die letzten Helden des freien Unternehmertums. Nun schwärmt das Heer kriecherischer Staatsschranzen aus - offenbar lauter Alkoholiker, Sizilianer oder Judendarsteller aus Nazifilmen -, um sie zu unterdrücken im Namen perverser Ideale wie Altruismus, Mitgefühl und Menschlichkeit. Alle anderen fähigen CEOs aber hat bereits der schwarze Engel des Kapitalismus vor der Versklavung durch den Kollektivismus gerettet und zu sich geholt. Es ist John Galt, ein verschatteter Outlaw wie aus einem Spaghettiwestern. Weiteres wird wohl im 2. Teil erklärt.

"Atlas Shrugged" ist nicht der erste Versuch, Ayn Rand zu verfilmen. King Vidors 1949 gedrehte Version ihres anderen Erfolgsromans, "The Fountainhead", holt alles an Schwulst und Monumentalismus aus dem Buch heraus. Die Sado-Maso-Spiele des kompromisslosen Architekten Howard Roark (Gary Cooper) und der peitscheschwingenden Großerbin Dominique Francon (Patricia Neal) verschieben das Großspektakel mitsamt Rands Parolen dann vollends Richtung Camp.

"Atlas Shrugged" hingegen, der mit seinen Regieschlampereien, seinen hölzernen Schauspielern und ihren papieren Dialogen nicht einmal Vorabendniveau erreicht, ist ein liebloses Propagandavehikel für die libertären Ideologen von FreedomWorks, Cato Institute und anderen Organisationen aus dem Dunstkreis der Tea Party, die den Film mitfinanzierten.

Immerhin für eines ist der Film aber zu loben: sein überraschendes Plädoyer für die Modernisierung des ruinösen amerikanischen Schienennetzes. Überraschend, weil die Republikaner auf Druck der Tea Party erst vor Tagen Obamas Budget für eben diese Modernisierung zusammenstrichen.

"Eine dumme Frau ist eben eine dumme Frau"

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