bedeckt München
vgwortpixel

US-Intellektueller Ta-Nehisi Coates:Coates kann nicht ohne Angst um seine Familie leben

Es sagt viel über den derzeitigen Zustand Amerikas aus, dass Coates wegen solcher Positionen nicht ohne Angst um seine Familie leben kann. Als im Sommer die Adresse jenes Hauses bekannt wurde, das er für zwei Millionen Dollar in Brooklyn gekauft hatte, zog er dort nicht ein. "In diesem Land kannst du kein schwarzer Autor sein, der bestimmte Positionen vertritt und nicht an die eigene Sicherheit denkt", schrieb er in einem Blog-Beitrag für den Atlantic.

Damals bereitete er seine Rückkehr in die USA vor, denn das turbulente Jahr nach Erscheinen von "Zwischen der Welt und mir" verbrachte er mit Frau und Sohn in Paris. Die Ereignisse in Amerika hat er natürlich dennoch verfolgt, und besonders beeindruckt hat ihn die "Black Lives Matter"-Bewegung: "Ihr Erfolg ist unglaublich und wird von allen unterschätzt."

Dass die Aktivisten der Bewegung auf traditionelle Organisationsstrukturen und Anführer verzichten, hält er für sehr klug: "So haben sie es geschafft, dass niemand dem Rassismus-Thema ausweichen kann." Als er in den Neunzigerjahren in Baltimore aufwuchs, wagte es kein schwarzer Sportler, politische Positionen zu vertreten. "Republikaner kaufen auch Turnschuhe", lautete ein Kommentar des NBA-Stars Michael Jordan.

"Es ist normal, dass schwarze Journalisten die Nachrichten moderieren"

Heute sei dies anders, sagt der Sportfanatiker Coates und erinnert daran, dass der Football-Star Colin Kaepernick während der Nationalhymne aus Protest nicht aufstand, sondern auf die Knie ging. Oh nein, habe er, Coates, gedacht: "Aber dass Kaepernick nun Millionen Leute unterstützen, liegt daran, dass die Aktivisten nie aufgegeben haben."

Seit seiner Zeit in Frankreich blickt Coates "ungeheuer optimistisch" in die Zukunft. "Ich dachte immer, wir bekämen nichts hin, bis ich merkte, wie bewundernd schwarze Franzosen auf die Vereinigten Staaten schauen. Wir haben Bürgerrechtsorganisationen, unsere eigenen Universitäten, und es ist normal, dass schwarze Journalisten die Nachrichten moderieren", sagt Coates.

Paris habe er erkundet "wie in der Prä-Google-Ära" und sich erlaubt, alle Fragen zu stellen. Dies ist sein Ansatz als Journalist: Hinausgehen, subjektiv sein und den Leser am Lern- und Denkprozess teilhaben lassen.

Exemplarisch ist sein Text in der Oktober-Ausgabe des Atlantic mit dem Titel "Was mir O. J. Simpson bedeutet". Darin beschreibt er, wieso der Sieben-Stunden-Film "O. J. Simpson Made in America" von Ezra Edelman eine hervorragende Parabel für Amerikas Rassismusproblem sei. Als Student an der Howard University habe ihn der Fall des schwarzen Football-Stars, der 1994 wegen des Mordes an seiner weißen Frau angeklagt war, kaum interessiert - und er hatte auch nicht verstanden, dass so viele Schwarze solidarisch mit Simpson waren.

Edelmans Film zeigt, dass die Weißen den eleganten Runningback liebten, weil Simpson kein wütender Schwarzer war und er ihnen ein gutes Gefühl der Toleranz gab. Und er dokumentiert, dass die Polizei in Los Angeles Jahrzehnte vor der Prügel-Attacke auf Rodney King äußerst brutal vorging. Diese Wut auf die Polizei in Los Angeles nutzten Simpsons Anwälte, um die schwarze Mehrheit in der Jury zu überzeugen (mehr dazu hier beim Atlantic).

Coates' Neugierde und sein Wissensdurst sind viel größer sind als sein Wunsch, im Rampenlicht zu stehen

Wie begeistert Ta-Nehisi Coates von dem Epos ist, zeigt sich kurz nach seinem Auftritt in der Synagoge. Gemeinsam mit Regisseur Edelman sitzt er auf der Bühne des Washington Ideas Forum des Atlantic im Harman Center. Es ist eine jener Konferenzen, auf denen tagelang das Hohelied von Bildung, Innovation und Big Data gesungen wird. Außenminister John Kerry ist zu Gast, und Coates ist wie ausgewechselt, denn nun kann er selbst die Fragen stellen. Als Zuschauer den Saal verlassen wollen, ruft er lachend: "Warum steht ihr auf? Bleibt hier, sonst verpasst ihr das beste Interview des Tages!"

In diesen Momenten wird klar, dass Ta-Nehisi Coates' Neugierde und sein Wissensdurst viel größer sind als sein Wunsch, im Rampenlicht zu stehen. In der Synagoge hat er gesagt: "Ich habe Angst davor, mich zu wiederholen und nur noch Mist zu erzählen." Wenn Coates weiterhin solche Texte schreibt, verzeiht man ihm sogar, dass er erst einmal Interviews mit ausländischen Medien ablehnt.

US-Wahl Willy Vlautin - Stimme der geknechteten Amerikaner

USA

Willy Vlautin - Stimme der geknechteten Amerikaner

In seinen Songs und Romanen erzählt er vom vergessenen Amerika. Von Menschen, die nicht wählen, nicht mehr träumen - ja, die nicht einmal mehr die Kraft haben für echte Wut.   Von Andrian Kreye