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Urteil zum Sampling im Hip-Hop:Warum das Graben in alten Plattenkisten künftig erlaubt ist

Pelham vs. Kraftwerk, Bundesverfassungsgericht verkündet Urteil zu Sampling

Hip-Hopper Moses Pelham beruft sich im Sampling-Streit mit der Band Kraftwerk auf die Kunstfreiheit - und hat nun vorerst recht bekommen.

(Foto: dpa)

Moses Pelham gewinnt im Sampling-Streit gegen die Band Kraftwerk. Das Gericht in Karlsruhe empfiehlt aber auch: Wer mit fremder Musik die Charts stürmt, soll zahlen.

Wer befürchtet hatte, die Karlsruher Verfassungsrichter würden Musikgenres wie Hip-Hop und Drum 'n' Bass schon deshalb mit spitzen Fingern anfassen, weil sie doch eher in der Klassik zu Hause seien, der wird seine Vorurteile neu sortieren müssen. Das Bundesverfassungsgericht hat ein Grundsatzurteil gefällt, das einer Musikproduktion die Tür öffnet, die mit Remixes, Loops und Sampling arbeitet - also mit einer so anarchischen wie kreativen Selbstbedienung der Künstler in den Werken der Musikgeschichte.

Der Klau von Beats und Bassläufen zur digitalen Erschaffung neuer musikalischer Werke ist grundsätzlich von der Kunstfreiheit geschützt. Die Musikproduzenten dürfen diesen kreativen Prozess nicht durch finanzielle Lizenzforderungen abwürgen, lautet das Fazit des Urteils.

Der Richterspruch ist das Ergebnis eines Streits zwischen der Gruppe Kraftwerk und dem Musikproduzenten Moses Pelham. Das Verfahren arbeitet sich seit mehr als anderthalb Jahrzehnten mit einer gewissen Zähigkeit durch die Rechtsgeschichte und ist - dazu später mehr - noch nicht zu Ende.

Kreativ - aber auch kostengünstig

Kraftwerk wollte Pelham die Verwendung einer Zwei-Sekunden-Sequenz aus ihrem Stück "Metall auf Metall" untersagen lassen, ein unter den Bedingungen der 70er Jahre mühevoll hergestellter und für das Original prägender metallischer Sound. Pelham hat daraus einen Loop für den Song "Nur mir" von Sabrina Setlur gemacht, weil man das im Hip-Hop eben so macht: Man mixt neue Stücke aus alten Sounds. Das ist kreativ. Aber eben auch kostengünstig. Von der Möglichkeit zur "freien Benutzung" im Urheberrecht war dies nicht gedeckt - weil die Rechtsprechung hier bisher sehr engherzig war. Entscheidend war, ob eine Tonsequenz in "gleichwertiger Weise" nachgespielt werden kann. Das war ein widersinniges und nun zu Recht verworfenes Kriterium, weil damit ausgerechnet die besonders aufwendig hergestellten Sounds ungeschützt waren.

Der Erste Senat des Bundesverfassungsgericht - als Berichterstatter war Andreas Paulus zuständig - hat den Fall nun mit einer, so muss man das hier formulieren, kunstvollen Grundrechtsabwägung gelöst. Sie beginnt mit der "kunstspezifischen" Betrachtung. Das heißt: Man muss die Kunst so nehmen, wie sie ist. Wenn ein kreativer Prozess nun mal im digitalen Sampling vorhandener Töne besteht, kann der Richter den Künstler nicht darauf verweisen, dass er ja auch ein Streichquartett einspielen könnte. Ein Leistungsschutzrecht, das jegliche Verwendung auch kleinster Tonschnipsel unterbinden oder an hohe Lizenzforderungen knüpfen könnte, gäbe dem Musikproduzenten eine "Verbotsmacht" in die Hand. "Damit könnte er aber die Schöpfung neuer Kunstwerke verhindern, die durch die Kunstfreiheit geschützt sind", heißt es in dem Urteil. "Hip-Hop ist dann nicht mehr möglich", hatte Pelham in der Verhandlung im November gesagt.

Das Urteil ist damit die höchstrichterliche Würdigung künstlerischer Schaffensprozesse, die lange vor dem Aufkommen des Hip-Hop begonnen haben. Schon in den 1930er Jahren arbeitete etwa der Berliner Filmregisseur Walter Ruttman mit experimentellen Klangkompositionen - freilich aus zusammenmontierten Alltagsgeräuschen, also kein Problem für das Urheberrecht. Die Verwendung von Loops, also wiederkehrender Schleifen, findet man nach dem Zweiten Weltkrieg etwa in der "Eisenbahnstudie" des Komponisten Pierre Schaeffer. In den 60er Jahren begann Karlheinz Stockhausen, nach diesem Prinzip nicht nur mit Alltagsgeräuschen, sondern auch mit Musik zu arbeiten.