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Urteil in Nazareth:"Schau und teile!"

FILE PHOTO: Arab-Israeli poet Dareen Tatour, 35, poses for a picture during an interview with Reuters at her house in Reineh

Die palästinensische Dichterin Dareen Tatour.

(Foto: Ammar Awad/Reuters)

Ein israelisches Gericht verurteilt die palästinensische Dichterin Tatour wegen drei ihrer Gedichte zu fünf Monaten Haft.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Schon ihre Verurteilung im Mai hatte Proteste von Schriftstellerkollegen zur Folge, erst jetzt wurde das Strafmaß bekannt: Die palästinensische Dichterin Dareen Tatour wurde vor einem israelischen Gericht in Nazareth zu fünf Monaten Haft verurteilt. Anlass des Verfahrens war ein Gedicht mit dem Titel "Widersteh', mein Volk, widersteh' Ihnen!", das sich gegen die israelische Besatzung im Westjordanland richtet. Anstoß erregten auch weitere Äußerungen der 36-Jährigen in den sozialen Medien. Das Gericht befand Tatour, die israelische Staatsbürgerin ist und nahe Nazareth lebt, wegen Anstiftung zur Gewalt sowie Verherrlichung und Unterstützung von Terrorismus für schuldig.

Tatour wurde im Oktober 2015 wegen ihrer Aktivitäten in den sozialen Medien verhaftet. Damals gab es eine Welle von Messerattacken auf Israelis, die von Palästinensern verübt wurden. Die Dichterin verbrachte bereits fast drei Jahre unter Hausarrest. Sie durfte ihre Wohnung lediglich an Wochenenden für zwei Stunden verlassen - und das nur in Begleitung. Es war Tatour außerdem verboten, ein Mobiltelefon oder das Internet zu nutzen - solche Auflagen gab noch nie in Israel, sagen ihre Anwälte.

Tatour wurde in der Anklageschrift ein Videoclip auf Youtube zur Last gelegt, in dem sie ihr Gedicht vor einem Hintergrund vorträgt, auf dem maskierte Palästinenser zu sehen sind, die mit Steinen und Molotowcocktails israelische Uniformierte angreifen. In dem Gedicht heißt es: "Ich werde der ,friedlichen Lösung' nicht erliegen, nie meine Fahnen senken, bis ich sie von meinem Land vertreibe." Als Tatour angeklagt wurde, veröffentlichte die israelische Kulturministerin Miri Regev eine bearbeitete Version des Videos und schrieb darunter: "Wo, glaubst du, wurde dieses Video gezeigt? Auf einer Hamas-Veranstaltung in Gaza? IS in Syrien? Hisbollah in Beirut? Schau und teile." Damit erhielt der Clip eine noch größere Aufmerksamkeit.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat Tatour mit dieser Videobotschaft zu Gewaltakten aufgerufen. "Der Inhalt, seine Exposition und die Umstände seiner Veröffentlichung befördern die Möglichkeit, dass Gewalttaten oder Terrorismus begangen werden." Zwei weitere Gedichte werden von der Anklageschrift zitiert.

Nach Ansicht Tatours habe ihr Prozess gezeigt, Israel sei "eine Demokratie nur für Juden, nur Araber gehen ins Gefängnis". Sie zeigte sich nicht überrascht über die Höhe der Strafe. "Ich habe keine Gerechtigkeit erwartet. Die Anklage war politisch, weil ich Palästinenserin bin." Israelische Autoren bezeichneten das Urteil als Schlag gegen die Meinungsfreiheit. Der Dichter Navit Barel sprach von einem "traurigen und erschütternden Tag für Israels Demokratie".

© SZ vom 02.08.2018

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