Entscheidung im Kunstfälscher-Prozess Das Urteil

Das Kölner Landgericht hat im größten Kunstfälscherskandal der deutschen Kriminalgeschichte entschieden. Doch für Kommissar René Allonge vom Berliner Landeskriminalamt ist der Fall noch längst nicht zu Ende.

Von Renate Meinhof

Es waren genau diese Szenen, die er sich ersparen wollte, und deretwegen er dann doch nicht nach Köln gefahren ist. Nicht aus Groll, nein, das Wort ist zu stark, aber doch aus einer Sicherheit inneren Wissens heraus, was einem guttut und was nicht. Und diese Bilder hätten Kriminalhauptkommissar René Allonge nicht gutgetan.

Der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi wurde am vergangenen Donnerstag zu sechs Jahren Haft verurteilt.

(Foto: dpa)

Gegen 14 Uhr verlässt der Fälscher Wolfgang Beltracchi zusammen mit seiner Frau Helene über die große Haupttreppe des Gebäudes das Kölner Landgericht. Der Herbst empfängt sie mit milden Strahlen. Bis sie die Strafhaft antreten, sind sie nun, unter strengen Auflagen, nach einem guten Jahr Untersuchungshaft auf freiem Fuß. "Lenken Sie Ihre Talente in legale Bahnen", hatte der Richter nach der Urteilsverkündung gesagt und dabei Wolfgang Beltracchi in den Blick genommen. Der hatte über Jahre zehn Millionen Euro mit gefälschten Bildern verdient. Mit Werken im Stile von Max Ernst zum Beispiel, Max Pechstein und Heinrich Campendonk. Es ist das Ende des Prozesses um den größten Kunstfälscherskandal der deutschen Kriminalgeschichte.

Berlin. Der Gang scheint endlos, und weil die Wände himmelfarben getönt sind, liegt alles in bläulichem Licht. Teetassen klappern, den eigenen Schritt hört man, das Zischeln einer Klimaanlage, sonst Stille. Ein Samstagabend im Oktober, Sturm drückt mit Böen gegen die Scheiben, kann ihnen nichts anhaben. Im Raum Nummer 4222 sitzt René Allonge an seinem Schreibtisch, vor ihm liegt das Werkverzeichnis Heinrich Campendonks, der vieles gemalt hat, auch schöne rote Pferde. Zettelchen kleben an den Seiten. Tage und Nächte hat René Allonge im vergangenen Jahr hier verbracht, wie andere seiner Kollegen auch.

Er sagt: "Für mich ist ein Pferd ein Pferd und nicht blau oder rot." Er lächelt. Er ist 38, in den Weiten Mecklenburgs geboren und aufgewachsen, und wer ihn nicht kennt, könnte meinen, es mit jemandem zu tun zu haben, dem die Tiefe künstlerischer Expression verschlossen bleibt. Aber so ist es nicht. Der Satz sagt eigentlich nur dies: Ich halte mich an die Fakten. Die Fakten haben die Ermittler des Berliner Landeskriminalamtes, Abteilung Kunstdelikte, der Allonge vorsteht, hier und in ganz Europa zusammengetragen. Die Fakten füllen 8000 Seiten in 40 Bänden. Es sind die Akten des Fälschungsskandals um die sogenannte Sammlung Werner Jägers.

Im Prozess waren sie an allen neun Verhandlungstagen auf zwei grauen Wagen, schräg hinter dem Vorsitzenden Richter Wilhelm Kremer stehend, zugegen. Sie standen da, so ist es üblich, leblos wie Möbelstücke, wie eine Schrankwand, deren polierte Türen man zu öffnen sich nicht getraut. Die Akten. Aufgeschlagen hat sie niemand.

Wer hätte das hier auch tun sollen? Je länger man darüber nachdenkt, wie glatt doch dieser Prozess zu Ende gegangen ist, desto wehmütiger hängt man der Vorstellung nach, wie es gewesen wäre, wenn Zeugen geladen worden wären. Henrik Hanstein vom Kunsthaus Lempertz zum Beispiel, oder der Experte Werner Spies. Oder der Ermittler René Allonge. Er kennt jedes Blatt auf diesem grauen Wagen. Er hätte den Fälscher, seine Frau Helene und die beiden anderen Angeklagten zu entzaubern verstanden. Nicht mit großen Worten, einzig mit den Fakten. Er weiß, wann Beltracchis Sorgfalt nachließ, und wie er den Überblick verlor, Fehler machte. "Phtalocyaninblau gibt es nun mal erst frühestens ab 1935 im Handel", sagt Allonge.

Und vielleicht hätte er ein paar Fotos gezeigt, als es in Wolfgang Beltracchis Geständnis um die Frage ging, was ihm, Beltracchi, Geld bedeutet habe. "Geld allein hat mich eigentlich nie wirklich interessiert", hatte Beltracchi gesagt.

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