Süddeutsche Zeitung

"Le Prince" im Kino:Nicht nur die Liebe zählt

Lesezeit: 2 min

Lisa Bierwirths Film über die Beziehung einer weißen Kuratorin zu einem Kongolesen entlarvt rassistische und sexistische Vorurteile, wo man sie nicht erwarten würde.

Von Martina Knoben

Bei einer Razzia lernen sie sich kennen: Monika (Ursula Strauss) ist Kuratorin einer Frankfurter Kunsthalle, Joseph (Passi Balende) ein kongolesischer Geschäftsmann. Nebeneinander kauern sie im Hof einer Kneipe im Schutz einer Mülltonne. Monika wollte eigentlich nur Zigaretten ziehen, Joseph ist wegen Problemen mit seinen Papieren in Frankfurt gestrandet und hält der erschrockenen Monika den Mund zu, damit sie ihn nicht verrät.

Dass die beiden nach dieser Begegnung ein Paar werden, wirkt ganz und gar unglaubwürdig. Aber warum eigentlich? "Ich wurde in der Entstehungsphase oft gefragt, ob Monika nicht einen Grund braucht, sich in diesen ,windigen, undurchsichtigen Kongolesen zu verlieben", erzählt die Regisseurin Lisa Bierwirth. "Es ist doch spannend, dass man einer Julia Roberts und einem Hugh Grant die Liebe nach einer Razzia selbstverständlich zutrauen würde, aber Monika und Joseph nicht."

Tatsächlich hat sich Lisa Bierwirth von der Geschichte ihrer Mutter zu ihrem Debüt inspirieren lassen, sie war mit einem Kongolesen verheiratet. Bierwirths Film, der von der "Toni Erdmann"-Regisseurin Maren Ade produziert wurde (auch der Rest des Teams ist überwiegend weiblich), deckt rassistische Vorurteile auf, wo man sie eher nicht erwartet: bei vermeintlich liberalen, weltläufigen Bildungsbürgern. Und vielleicht ertappt sich ja auch der eine oder andere Zuschauer dabei, wie er diese Beziehung misstrauisch beäugt: Was treibt dieser Joseph eigentlich? Sind seine Geschäfte legal? Und liebt er Monika wirklich, oder nutzt er sie nur aus?

Le Prince lässt vieles im Unklaren, wie es in der Liebe eigentlich immer ist, wenn man sich einem Fremden maximal annähert. Passi Balende, ein französischer Rapper, der in der Republik Kongo geboren wurde und als Kind nach Paris kam, spielt Joseph als witzigen und liebevollen, aber auch stolzen, unberechenbaren und aggressiven Mann. Wenn er Probleme in Deutschland hat, liegt das auch daran, dass er den staatlichen Strukturen, die hierzulande das Gesellschaftliche regeln, nicht vertraut. Ob ein Geschäft legal ist, ist für ihn nicht entscheidend, und wichtige Papiere bewahrt er unsortiert in einem Pappkarton auf. Im Kongo, das erklärt er Monika nachdrücklich, laufen die Dinge eben anders.

Nicht nur Joseph wird herablassend behandelt, auch Monika als Frau unter lauter Männern

Lisa Bierwirth schaut genau hin, ohne Vorurteile, aber auch ohne Illusionen oder xenophilen Kitsch. Bemerkenswert ist ihr Gespür für Milieus. Bissig skizziert sie die Kunstszene mit ihren Sprechblasen, den subtilen, dabei betonharten Hierarchien. "Le Prince" ist ein Film über Machtstrukturen, über Formen der Aus- und Abgrenzung, die nicht nur Joseph als Schwarzer, sondern auch Monika als Frau im Kulturbetrieb erfährt. Bei einer Party von Sammlern und Förderern der Kunsthalle steht sie hilflos herum, eine Fremde in einem Boysclub, in dem man sich von gemeinsamen Paddelausflügen kennt.

Ursula Strauss verleiht Monika eine wunderbar vielschichtige, einzigartige Präsenz. Diese Frau ist klug und sensibel, neugierig, verletzlich und weltoffen, pragmatisch und modern. Wenn eine es schaffen kann, als Frau in der Kunstszene und in der Beziehung mit Joseph, dann doch sie. Aber "Le Prince" ist eben keine Romcom, in der allein die Liebe zählt.

Le Prince, D 2021 - Regie: Lisa Bierwirth. Buch: Hannes Held, L. Bierwirth. Kamera: Jenny Lou Ziegel. Schnitt: Bettina Böhler. Mit: Ursula Strauss, Passi Balende, Nsumbo Tango Samuel, Victoria Trauttmansdorff, Alex Brendemühl, Hanns Zischler, Douglas Gordon. Verleih: Port au Prince, 125 Minuten.

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