Ursachen des Holocaust "Viel gescheiter und betriebsamer als wir"

Da gab es eben nicht nur die religiös-altständischen Vorurteile preußischer Junker, die sich, etwa bei Achim von Arnim und Clemens Brentano, in deutsch-christlicher Romantik erneuerten; nicht nur die germanentümelnde Fremdenfeindlichkeit jungdeutscher Demokraten wie Arndt und Jahn mit ihrer massiven Nachwirkung in allen Generationen deutscher Studenten bis 1945; sondern vor allem eine in allen Schichten breit fundierte, erstaunlich oft auch offen artikulierte Kultur des Neides auf überproportional erfolgreiche jüdische Aufsteiger, die Gewinner der gesellschaftlichen Modernisierung waren.

So befand der Soziologe Werner Sombart 1912, die Juden seien im Durchschnitt "so sehr viel gescheiter und betriebsamer als wir", dass man sie von Hochschullehrerstellen ausschließen müsse, weil andernfalls "sämtliche Dozenturen und Professuren mit Juden besetzt würden" (getauft oder ungetauft galt ihm dabei gleich).

Sombart kaschierte wenigstens nicht, dass es um einen Aufstand gegen die Tüchtigsten ging. Alys Material ist erdrückend. Die deutschen Juden nutzten seit ihrer Emanzipation in der napoleonischen Zeit ihre Chancen mit überdurchschnittlichem Erfolg, vor allem durch eine Hochschätzung von Bildung und Intellektualität, die es verschmähte, Jugendliche mit dem Satz "Lesen verdirbt die Augen" zu entmutigen. So konnten sie sich schon bald eine unübersehbare, auch statistisch feststellbare Überlegenheit in vielen hochqualifizierten Berufsgruppen, aber auch beim Steuerzahlen erarbeiten.

Was war schlecht daran? Natürlich gar nichts. Allerdings waren die drei großen Modernisierungsschübe, von denen die deutschen Juden in besonderer Weise profitierten, so schmerzhaft, dass dumpfes Ressentiment und hasserfüllter Neid der Abgehängten und Überforderten in der Mehrheitsgesellschaft ihren Aufstieg begleitete.

Es ist wichtig, dass Aly entgegen einer verharmlosenden Lehrmeinung das materielle Desaster, das Napoleons Regime für die deutsche Gesellschaft bedeutete, drastisch schildert. Die darauf folgende Stagnation wurde durch eine beispiellos beschleunigte Industrialisierung in der wilhelminischen Zeit abgelöst. Dass die erste Demokratie durch Weltkriegslasten und einen ökonomisch unsinnigen, dazu demütigenden Frieden belastet wurde, zeigt Aly mit einer leidenschaftlichen Handgreiflichkeit, die heutiger kritischer Historie meistens abgeht.

Sein Hintergrundthema aber ist das verkorkste Verhältnis der meisten Deutschen zur individuellen Freiheit, ein allgegenwärtiger, weltanschaulich nur unterschiedlich angestrichener Hang zum Kollektivismus, das Streben nach der Geborgenheit in der Gruppe.

Es war die Antwort auf eine Kette historischer Überanstrengungen. Gespenstisch ist Alys Analyse von Friedrich Naumanns volksimperialistischem Versuch, Nationalismus und Sozialismus zu verbinden - die FDP sollte sich überlegen, ob sie ihre Parteistiftung wirklich weiter nach diesem Mann nennen will.

Überhaupt erweist sich der Nationalismus als der hässliche, heute allzu leicht verleugnete Bruder sozialistischen Volksgemeinschaftsstrebens (vor 1933 übernahm die KPD große Teile des revisionistischen, gegen Versailles gerichteten Programms der Nazis). Diese Befunde überzeugen auch, weil Aly in anderen Fällen, etwa bei dem zu Unrecht pauschal zum Antisemiten gestempelten Gustav Freytag, die historische Gerechtigkeit wiederherstellt.

Pädagogischer Impuls

"Wer nicht von der langen und verhängnisvollen Tradition eines am Ende regelrecht eingefleischten und bis heute wirksamen deutschen Antiliberalismus sprechen mag, sollte vom volkskollektivistischen Exzess des Nationalsozialismus besser schweigen" - schärfer kann man marxistischen Auslagerungen der Schuld zum Klassenfeind nicht entgegentreten.

Der pädagogische Impuls hinter dieser aufwühlenden Sammlung von Fakten und Zitaten ist Alys Weigerung zu glauben, "die Antisemiten von gestern seien gänzlich andere Menschen gewesen als wir Heutigen". Dabei schont Aly sich selber nicht, denn er belegt seine Thesen nicht zuletzt mit Beispielen aus seiner eigenen, offenbar gut dokumentierten Familiengeschichte. Die Menschen, die den Judenmord vorbereiteten und möglich machten, stehen uns in vieler Hinsicht so nah, dass der Historiker am Ende statuiert: "Ein Ereignis, das dem Holocaust der Struktur nach ähnlich ist, kann sich wiederholen."

GÖTZ ALY: Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 352 Seiten, 22,95 Euro.

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Holocaust im Comic-Format