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"Soziologie der Entnetzung":Gewonnene Illusionen

Neue Kultivierung der Nichterreichbarkeit: Spruch an einem Münchner Gymnasium.

(Foto: Catherina Hess)

Der Soziologe Urs Stäheli hat eine große Studie über die Kehrseite der Digitalisierung geschrieben, den Wunsch, sich der Vernetzung wieder zu entziehen.

Von Andreas Reckwitz

Die Verheißungen der Spätmoderne sind schal geworden. Der nüchterne Blick auf jene Realitäten, die sich aus der eifrigen Befolgung der in den 80er- bis 2000er-Jahren weitgehend unstrittigen Ideale ergeben haben, verleiht den Sozial- und Kulturwissenschaften schon seit einiger Zeit einen guten Teil ihrer Motivation: Die Schattenseiten der Globalisierung und der Digitalisierung werden ebenso sichtbar wie die Fallstricke der Norm eines selbstverantwortlichen, hypermobilen oder kreativen Subjekts oder die unerwünschten Folgen eines deindustrialisierten kognitiven Kapitalismus.

Dass diese Desillusionierung ein weiteres scheinbar alternativloses Ideal der Spätmoderne erfasst hat, ist der Ausgangspunkt von Urs Stähelis reichhaltiger kultursoziologischer Studie "Soziologie der Entnetzung". Ihr geht es um das allgegenwärtige Modell des sozialen Netzwerks, der Vernetzung des Sozialen und des umfassend vernetzten Subjekts, das nicht allein das soziologische Denken, sondern auch das politisch-kulturelle Imaginäre der letzten Jahrzehnte massiv beeinflusst hat. Vor allem geht es dem Hamburger Soziologen aber um dessen Kehrseite, um den Wunsch und die Praxis, sich aus diesen Netzen des Sozialen zu lösen: um das Phänomen der Entnetzung.

Manuel Castells sprach in den Neunzigern prophetisch und durchaus mit einer gewissen Euphorie von "The Rise of the Network Society", dem Aufstieg der Netzwerk-Gesellschaft. Die Wissensökonomie mit ihren Projekten und Netzwerken zwischen Unternehmen und zwischen Arbeitskraftunternehmern, wie sie zeitgleich Luc Boltanski und Eve Chiapello als Kennzeichen des "neuen Geistes des Kapitalismus" unter die Lupe nahmen, die Etablierung der digitalen Netzwerke mit ihren Dateninfrastrukturen und scheinbar grenzenlosen Verknüpfungsmöglichkeiten, schließlich die ganze Subjektkultur eines vernetzten Individuums, dessen Leben durch flexible und mobile Kontakte an Reichhaltigkeit vermeintlich gewinnt und das sich im Modus des "Networking" durch die Welt bewegt, haben sich als die wichtigsten Stützen einer vernetzten Gesellschaft herausgestellt.

Lange erschien es absurd gestrig, gegen die Vernetzung zu sein

Dem entsprach eine Zeit lang die Euphorie eines regelrechten "Netzwerkfiebers": Netzwerke erschienen per se gut; und absurd, gestrig oder bemitleidenswert schien es zu sein, gegen die Vernetzung zu sein. Die Netzeuphorie nahm in den Netzwerken offene, grenzenlose, flexible Gebilde wahr, welche die Starrheit der Hierarchien der korporatistischen Moderne hinter sich lassen. Kann man überhaupt nicht nicht vernetzt sein? Oder dies gar wollen? Mittlerweile ist jedoch Katerstimmung angesagt, so Stähelis Ausgangspunkt. Klagen über die "Übervernetzung" grassieren, und passend dazu erschien vor zwei Jahren Guido Zurstieges Essay "Taktiken der Entnetzung".

Einfache Vernetzungskritik ist freilich Stähelis Sache nicht. Sein Buch tritt einen Schritt zurück und geht mit äußerster analytischer Sorgfalt und großer Gründlichkeit vor. Tatsächlich ist die Situation für die Soziologie nämlich komplizierter: Auf der einen Seite bezeichnen die Netzwerke gesellschaftstheoretisch und zeitdiagnostisch ein spezifisches Phänomen, das nicht nur das Internet und die sozialen Medien betrifft, sondern auch die Praxis von Organisationen der Wissensökonomie. Zugleich formuliert die Idee des Netzwerks allerdings auch eine elementare Vorstellung hinsichtlich der Funktionsweise des Sozialen generell. Stäheli behandelt in seinem Buch daher drei Ebenen: die Argumente der Vernetzungskritiker, die Thematisierung von Ver- und Entnetzung in der Sozialtheorie sowie - und das steht im Mittelpunkt - die Diskurse und Praktiken der Entnetzung selbst.

Das Buch fordert einen etwas längeren Atem, man wird jedoch mit Reichhaltigkeit, Detailfreude und theoretischer Stringenz der Ausführungen belohnt. Beständig dreht sich die Untersuchung dabei um ein analytisches Rätsel: Wie kann man etwas in Begriffe fassen und soziologisch untersuchen, was sich doch dem Blick entzieht, was gerade durch seine Abwesenheit und Negativität gekennzeichnet ist - eben das Entnetzen?

Stähelis Argument lautet, dass man sich das Entnetzen nicht als etwas völlig anderes denken soll als die Vernetzung, sondern eher als etwas, was immer schon inmitten der Vernetzung passiert. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass er den gängigen kritischen Zeitdiagnosen der Übervernetzung mit deutlicher Skepsis gegenübersteht. Die Kritik, der Steigerungsimperativ der Vernetzung führe in den Burn-out, zum "Information overload", zu ineffizientem Arbeiten oder in die Überwachungsgesellschaft, erscheint ihm zu oberflächlich. Denn sie suggeriert, es gebe eine Ausstiegsmöglichkeit in Richtung eines authentischen Lebens.

Urs Stäheli: Soziologie der Entnetzung, Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 551 Seiten, 28 Euro.

Hilft einem die Sozialtheorie weiter, um die Phänomene der Entnetzung zu begreifen? Stäheli behandelt zu diesem Zweck nicht nur Bruno Latour, sondern wirft auch einen frischen Blick auf Niklas Luhmanns Kommunikationstheorie und Gilles Deleuzes Theorie des Rhizoms. Er liest so verschiedene Versionen dessen, was er 'relationale Soziologie' nennt, gegen den Strich. Zugegeben haben nicht alle diese Theorien den Begriff des Netzwerks als Schlüsselbegriff gewählt, sie enthalten aber, so Stäheli, allesamt einen "Konnektivitätsbias". Sie gehen also von der Natürlichkeit, ja sogar von der Wünschbarkeit eines Sozialen aus, das sich in immer neuen Relationen endlos ausbreitet.

Stäheli macht nun an den Grenzen dieser Theorien Denkfiguren aus, in denen so etwas wie Entnetzung gedacht wird: bei Latour etwa einen Begriff wie das Plasma, bei Luhmann die Nicht-Anschlussfähigkeit, bei Deleuze die Vakuole der Kommunikation. Insbesondere die Auseinandersetzung mit Deleuze und mehr noch den Deleuzianern ist erfrischend: Stäheli nimmt den "Konnektivitätswahn" der "Befreiungsdeleuzianer*innen" aufs Korn, deren ehemalige Gesellschaftskritik sich schon längst in eine Affirmation des Bestehenden verkehrt habe.

Bei Luhmann, Latour oder Deleuze ist allerdings nicht wirklich viel zu holen, was die Denkbarkeit der Entnetzung angeht, und so landet Stäheli am Ende dieses Kapitels bei einem Klassiker der Soziologie, bei Georg Simmel. Denn dessen Begriff der "Indifferenz" des Großstadtmenschen gegenüber der urbanen Reizüberflutung scheint tatsächlich so etwas eine Distanz gegenüber dem Sozialen auszudrücken.

Die Schüchternen werden mittlerweile als Widerstandsfiguren gedacht

Subtil und perspektivenreich steigt Stäheli anschließend in die kultursoziologische Konkretisierung der Entnetzungsformen der Gegenwartsgesellschaft ein. Ihn interessieren hier etwa die Schüchternen und Introvertierten, die lange Zeit pathologisiert wurden, mittlerweile aber auch (so in Susan Cain Buch "Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt") als Widerstandsfiguren gedacht werden.

Vor allem aber interessiert Stäheli, wie in verschiedenen sozialen Feldern Entnetzung praktiziert wird, wie deren Strategien und Taktiken aussehen. Ein reichhaltiges Feld bietet hier die Organisationssoziologie: Vernetzung wird dort beileibe nicht nur positiv gesehen. Abstrakt spricht man sich hier für Zonen der Indifferenz, für lose Kopplungen und organisationellen 'Slack' aus, konkret für eine Reduktion zeit- und energiefressender Vernetzungsmeetings und einen Rückbau jener 'Open offices', die im Namen ständiger Ansprechbarkeit im lockeren Großraumbüro konzentrierte Arbeit oft unmöglich machen.

Ein großes Thema des Buches sind auch die Entnetzungsphänomene der digitalen Welt. Stäheli geht hier zunächst auf die unintendierten Formen des Entnetztwerdens innerhalb der Datennetze selbst ein, auf die toten Links und verlorenen Datenpakete, bevor jene verschiedenen Strategien eines "Ausstiegs ins Analoge" durch die Nutzer und Nutzerinnen selbst zur Sprache kommen: die Praktiken des Unplugging, die Plug-Off-Software, die einem ein paar Stunden Ruhe vom Netz verspricht, die Kultivierung der Nicht-Erreichbarkeit und nicht zuletzt die Detox-Camps, in denen man an der Rezeption für 14 Tage sein Smartphone abgibt und sich wieder in der Nutzung der analogen Medien übt.

Entnetzung wird schließlich auch im Zusammenhang mit dem gedacht, was man kritische Infrastrukturen nennen kann: Für den Schutz einer nationalen Infrastruktur gegen terroristische Attacken erscheint ein gezieltes Durchschneiden oder Isolieren von Netzen als eine mögliche Strategie, das nationale "Abschalten" des Internets als eine andere. Dass in populären Thriller-Genres ein ungeplantes digitales Abschalten reichlich Stoff für Katastrophenszenarien und Geschichten eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs 'ohne Netz' bietet, ist dabei die andere Seite der Medaille. Es wird deutlich, dass ein kompletter Ausstieg aus der vernetzten Gesellschaft eigentlich nur als Katastrophe gedacht werden kann, sodass es den existierenden Entnetzungsstrategien allein um das gehen kann, was Stäheli von Anfang an vermutet hatte: die Konnektivität nicht zu dementieren, sondern Rückzugsräume zu schaffen, um schließlich aber doch an der Netzwerkgesellschaft teilzunehmen.

Insgesamt ist Stäheli ein kluges und vielschichtiges Buch über die Dialektik von Ver- und Entnetzung gelungen, eine nicht völlig mühelos konsumierbare, aber umfassende Kartierung eines so aktuellen wie elementaren Phänomens. In der Natur der anregenden Sache liegt, dass Richtungen auffallend sind, in die man weiterdenken könnte. Die erste Frage, die sich stellt, ist die durchaus klassisch soziologische nach den sozialen Trägergruppen der Prozesse der Vernetzung und der Rückzugsstrategien.

In seiner Analyse von Prozessen und Praktiken - die hier selbst einer soziologischen Netzwerklogik folgt - interessiert nämlich nur am Rande, wen dies alles betrifft - und wen nicht. In einer interessanten Nebenbemerkung, die im Rahmen seiner Untersuchung von Digital-Detox-Sommercamps fällt, erwähnt Stäheli einen möglichen neuen "Digital Divide" zwischen jenen Übervernetzten, die sich nach Entnetzung sehnen - die hochqualifizierten, mobilen Wissensarbeiterinnern vor allem - und jenen anderen, 'abgehängten' sozialen Gruppen, deren Problem eher zu wenig Vernetzung ist.

Genau in diese Richtung sollte man weiterdenken, denn offenbar ist dies ein nicht zu unterschätzender, aber bisher zu wenig thematisierter Aspekt der Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeiten in der polarisierten Gegenwart: die Diskrepanz zwischen den reichhaltig und den spärlich Vernetzten sowie der Gegensatz zwischen jenen, die sich Entnetzung leisten können ('ich bin dann mal weg') und jenen, für die sie den sozialen Tod bedeuten würde.

Kann und sollte man sich eigentlich den lästigen Anderen generell entziehen?

Eine zweite Frage ist die nach den Gründen und Ursachen der neuen Entnetzungsstrategien. Auch die stehen nicht im Mittelpunkt von Stähelis Buchs. Als mögliche Ursachen werden neben Überforderungstendenzen insbesondere immanente Paradoxien und Risiken von Netzwerken genannt, die viel weniger effizient und viel riskanter sind, als auf den ersten Blick angenommen wurde.

Einen weiteren Entnetzungsgrund könnte man jedoch exakt auf der Ebene der Emotionen und Affekte erkennen, die Stäheli nur auf Seiten der Netzeuphoriker ausmacht. Jene sahen (und sehen) im Netz bekanntlich einen faszinierenden Raum positiver Affekte: einen Raum, der von Gefühlen der Verbundenheit und Anregung, der Resonanz und Selbstwirksamkeit, der Begeisterung für immer neue Begegnungen geprägt ist. Man sollte jedoch darauf hinweisen, dass sich gegenwärtig insbesondere in den digitalen Netzen eine konträre Affektlogik etabliert: eine Kultur negativer Affekte, der Häme, des Neides, der Beleidigung und Drohung, des Cyberbullying und der Shitstorms verschiedenster Art. Nicht Freude, sondern Angst ist so zu einem zentralen Netz-Affekt geworden.

Die neuen Strategien der Entnetzung lassen sich vor diesem Hintergrund nicht nur als Reaktion auf ein Zuviel an Kontakten verstehen, sondern auch als eine Reaktion auf die Beschädigungen und Beschämungen, denen wir zunehmend ausgesetzt sind. Vernetzt sein heißt eben auch, exponiert und damit verletzlich sein. Entnetzung wäre damit auch eine Strategie dagegen, sich permanent der Verletzung auszusetzen.

Hinter den aktuellen Strategien, sich den Netzwerken zu entziehen oder sie zumindest temporär hinter sich zu lassen, wie Stäheli sie beschreibt, verbirgt sich am Ende so ein noch grundsätzlicheres Problem, das sein Buch eher unausgesprochen umzutreiben scheint: nämlich die Frage, inwieweit man sich dem Sozialen generell entziehen kann. Hinter dem Problem nach den Netzwerken steht die Grundsatzfrage nach den Grenzen des Sozialen insgesamt. Nun ist Stäheli weder Existenzphilosoph noch Kulturkritiker, aber trotzdem verhandelt er indirekt in seinem Buch genau jenen Punkt: Welche Strategien kann es geben, sich das herandrängende Soziale, die lästig auf den Pelz rückenden Interaktionen und Erwartungen der Anderen vom Leib zu halten oder besser: sie immer wieder elegant ab- und in ihre Schranken zu weisen?

Diese Schwierigkeit führt an die Grenzen der Soziologie und zugleich mitten in die Probleme des modernen Individuums hinein, wie sie nicht zuletzt die Kunst behandelt hat. Im Zentrum von Urs Stähelis "Soziologie der Entnetzung" scheint so die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit für jenen gegenüber dem Sozialen grundsätzlich skeptischen Wunsch auf, wie ihn Herman Melville "Bartleby" artikuliert: "Ich möchte lieber nicht."

Der Autor ist Professor für Soziologie an der Berliner Humboldt-Universität. Für sein Buch "Die Gesellschaft der Singularitäten" erhielt er 2017 den Bayerischen Buchpreis.

© SZ/crab
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