Also das macht ja alles mächtig viel Effekt hier. Kolossal, was die hier gebaut und gebastelt haben, ein prächtiges Art-Deco-Hotel (Bühne: Rainer Sinell), darin viel Volk, wohlondulierte Damen, flotte Pagen, fröhliche Zimmermädchen und Gäste jeglicher Couleur, alle anständig angezogen (Kostüme: Dagmar Morell). Alle warten auf einen Glanz des Abends, auf ein Abenteuer. Die auf der Bühne sind so aufgekratzt wie die vor der Bühne, also im Parkett und den Rängen: Das Gärtnerplatztheater eröffnet die Faschingssaison und bringt "Drei Männer im Schnee" auf die Bühne. Zum ersten Mal, das nennt man dann Uraufführung.
Der Hausherr, Josef E. Köpplinger, inszeniert selbst, das ist hier unbedingt nötig, denn in dem Stück gibt es einen Hoteldirektor, der allen sagt, was sie zu tun haben, und das macht ein Intendant auch. Allerdings hören in dem Stück die wenigsten auf den Herrn Direktor, das ist im Theater anders. Die Aufführung läuft wie ein Schweizer Uhrwerk, auch wenn sie in den Tiroler Alpen spielt.
Jetzt könnte man viel erzählen über den Stoff und wie es dazu kam. Erich Kästner schrieb 1934 den Roman "Drei Männer im Schnee", um mit einem leichten Sujet über den verlegerischen Umweg Schweiz seine Existenz als Schriftsteller nicht aufgeben zu müssen. In Deutschland waren seine Bücher auf den Scheiterhaufen der Nazis gelandet, aber nicht alles, was er schrieb, wurde vernichtet: Eine Diktatur braucht die Unterhaltung, um das Volk ruhig zu halten. Die harte, kurze Erzählung indes, die er ein paar Jahre zuvor im Berliner Tagblatt veröffentlicht hatte, die hätten nun, nach 1933, wohl nicht einmal mehr die Schweizer gedruckt. Darin gewinnt ein Metallarbeiter in einem Preisausschreiben einen Aufenthalt in einem Luxushotel, zerbricht an den Demütigungen, die er dort erfährt und bringt sich nach der Heimkehr zusammen mit seiner Frau um.
Im Roman stirbt niemand, da ist alles in Heiterkeit und in Ordnung, nur Kasimir, der Schneemann, überlebt nicht. Aber vor seinem Dahinschmelzen bekommt er noch eine Karoline fürs Glück im Schneemannhimmel. Weil im Roman alles gut ausgeht, geht auf der Bühne auch alles gut aus, das ist ein Theatergesetz - das beileibe nicht immer gilt. Gut geht schon einmal, dass hier vier Herren - Konrad Koselleck, Christoph Israel, Benedikt Eichhorn, Thomas Pigor - die Lieder schrieben, Koselleck sie zusammenfügte und Pigor mit seinem Text ein Stück daraus machte. Aber alle Vier können sie jetzt aufstehen und laut "Danke!" rufen, zu Andreas Kowalewitz, der auf die Musiker im Graben aufpasst und jede, wirklich jede einzelne Stilnuance zu ihrem Besten führt, auch wenn sie gar nicht so geistreich ist.
Tango, Fandango, Swing, Jazz, der Kinderchor singt weill-brechtisch "Haut den Erwachsenen die Hüte vom Kopf" und Sigrid Hauser ist Hildegard Knef oder Zarah Leander, auf jeden Fall die dunkle, feminine Gefahr, weil das Stück an Silvester 1932 spielt und in dieser Zeit solche Gefahren halt noch lauerten. Inzwischen sind sie verschwunden wie nie da gewesen, nur die SA-Männer gibt es im Geiste noch, sie tragen heute nur andere Kostüme. Am Ende lässt der Opernhoteldirektor Köpplinger dem Kasimir eine Hakenkreuzfahne anstecken - hoffentlich schmilzt er bald. Aber solche Momente verschwinden schneller als der Schnee im Sommer. Da wendet man sich lieber den Menschen zu, die das Hotel beleben. Erwin Windegger, der den Millionär inkognito spielt, der sich sein eigenes Hotel anschaut und mit seiner Kindsköpfigkeit kurz für Verwirrung sorgt, ist prima. Alexander Franzen, der Toblers Diener spielt, der den Bergaufenthalt für die Besteigung des Schilehrers Toni nutzt, ist prima. Der Toni selbst, Peter Neustifter, ist umwerfend und kann mit Schiern steppen. Das kann aber das Dreigestirn der leuchtenden Sonnen dieses Abends auch. Laura Schneiderhahn, Florine Schnitzel und Katharina Wollmann, Zimmer- und Zaubermädchen, haben als gleißend schöner Dreigesang die beiden besten Nummern des ganzen Stücks, sie singen federleicht und in schönstem Einklang, sie sind hellwach und machen lustige Sachen. Der Rest des Bühnenpersonals ist nicht so charmant wie im Roman, aber das macht nichts, denn der Abend saust durch wie eine Schussfahrt auf der Kandahar-Abfahrt.
