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Uraufführung:Vor der Hinrichtung

Für die Festspielwerkstatt der Opernfestspiele inszeniert der Regisseur Manuel Schmitt sein "Requiem für einen Lebenden" in der Reithalle. Recherchiert hat er im Todestrakt eines Gefängnisses in Texas

Tosca, dritter Akt, in der Engelsburg: Der gefangene Cavaradossi soll hingerichtet werden, er schreibt einen Abschiedsbrief. Puccini vertont das als Arie "E lucevan le stelle", eine der berühmtesten und schönsten Tenorarien. Als er erschossen wird, ertönt ein großes Forte der Blechbläser. Das Prinzip findet sich auch bei anderen Komponisten: Todesurteile eignen sich in der Oper gut, um emotionale Momente zu schaffen. Das Publikum nimmt das hin. "Im Genre Oper kommen sehr oft Todesstrafen vor, aber oft werden sie künstlich und fast überästhetisiert dargestellt", sagt Manuel Schmitt. Er ist Regisseur, während der Münchner Opernfestspiele inszeniert er in der Reithalle die Uraufführung von "Requiem für einen Lebenden". "Wir nähern uns dem Thema Todesstrafe in diesem Stück auf eine sehr reale Weise an. Denn es gibt sie ganz konkret in der Wirklichkeit", sagt er.

Wie real die Todesstrafe immer noch ist, das hat Manuel Schmitt selbst gesehen. Er studierte Regie für Musik- und Sprechtheater an der Theaterakademie und schließlich noch Philosophie. Über eine Bekannte kam Schmitt 2014 in Kontakt mit einem Häftling im Todestrakt, sie schrieben sich Briefe. Schnell war Schmitt klar, dass er aus der Geschichte des Insassen ein Theater- oder Musiktheaterstück machen möchte. Also bemühte er sich um einen Interviewtermin, es dauerte lange, 2016 kam es dann aber zum ersten Treffen in einem Gefängnis in Houston, Texas.

Wobei "Treffen" etwas geschönt ist: Besucher können dem Häftling zwar gegenübersitzen, aber eine Glasscheibe trennt sie voneinander. Es kann nur über ein Telefon gesprochen werden. Diese merkwürdige Kommunikationssituation gab auch den Titel für einen Dokumentarfilm, der auf der ersten Reise entstanden ist: "Glass between us" heißt er, Schmitt wurde für ihn vom International Filmmaker Festival Berlin als "Best Director of a Short Documentary" ausgezeichnet. Es ist Schmitts erster Film, ein "Forschungszwischenergebnis" nennt er ihn, denn es soll eine Langzeitbeobachtung werden, vielleicht könnten noch ein zweiter und dritter Film folgen. Im Herbst 2018 ging Schmitt auf eine zweite Reise, diesmal mit dem Librettisten Reto Finger und dem Komponisten Felix Leuschner. Zu dritt erarbeiteten sie das "Requiem für einen Lebenden".

In dem unbestimmten Schwebezustand zwischen der Urteilsverkündung und der Vollstreckung befindet sich der zum Tode Verurteilte (liegend: Ben Daniel Jöhnk).

(Foto: Wilfried Hösl)

Der Name ist so paradox wie treffend: Seit 15 Jahren sitzt der Häftling zum Tode verurteilt im Gefängnis, zwar am Leben, aber doch dem Tode geweiht. Als er 20 Jahre alt ist, überfällt er mit zwei Komplizen ein Fast-Food-Restaurant, ein Mitarbeiter wird erschossen - das Gericht kommt zum Schluss, dass er der Täter ist. Der Häftling selbst sagt, er sei unschuldig. Mit 21 wird er zum Tode verurteilt, mit 22 kommt er in den Todestrakt. Seitdem wartet er auf seine Vollstreckung. Hin und wieder bekommt er Besuch, etwa von seinem Sohn, der wenige Wochen vor dem Todesurteil geboren wurde. Vater und Sohn kennen sich nur durch die Glasscheibe. Sie haben sich nie berührt.

Laut dem Death Penalty Information Center saßen im Herbst 2018 über 2700 Menschen in einer Todeszelle und warteten auf ihre Hinrichtung. Seit 1976 wurden 1500 Hinrichtungen (Stand Ende Juni 2019) in den USA vollstreckt. Die Geschichte des Häftlings ist also exemplarisch und auch für Manuel Schmitt nur Vorlage und Inspiration, er möchte keinen Kriminalfall erzählen. "Es ist eigentlich eine Familiengeschichte", sagt Schmitt. Es geht um die Beziehungen der Menschen, wie der Sohn mit der bevorstehenden Hinrichtung umgeht, wie sich der Insasse von seiner Schwester entfernt hat, wie seine Freundin den Fall verarbeitet hat.

Die Oper spielt in der Zukunft: Es ist der Morgen des letzten Tages, der Häftling weiß, dass er um 18 Uhr hingerichtet wird. In der Rückschau erlebt er Schlaglichter seines Lebens noch einmal und stellt sich vor, wie der Abend ablaufen wird. Das passiert sehr routiniert: ein letzter Besuch, ein letztes Abendmahl, ein letztes Gebet. Dann läutet eine Glocke, und die Hinrichtung kann beginnen. "Diese Routine gibt es, damit so etwas wie eine Hinrichtung überhaupt durchgeführt werden kann. Sie bekommt fast religiöse Aspekte. Das ist für meine szenische Umsetzung sehr wichtig", sagt Schmitt.

Manuel Schmitt

(Foto: Stefan Loeber)

Der Insasse wird von einem Schauspieler gesprochen (Ben Daniel Jöhnk), zwei Sängerinnen übernehmen seine Schwester (Salome Kammer) und seine Ex-Freundin (Adriana Bastidas-Gamboa). Außerdem sprechen die Frauen die Stimme des Sohnes, ein Kinderdarsteller spielt ihn. Daniel Angermayr hat das Bühnenbild gestaltet, in drei Stationen wird die Reithalle einmal durchschritten, von der Geburt über die Einkerkerungszelle bis zum Tod. Dazu kommen Originalaufnahmen aus Texas, sowohl filmisch als auch musikalisch. "Felix Leuschner hat große Teile der Partitur in Texas komponiert, da fließen einzelne Klänge, Landschaftsaufnahmen, Interviewteile mit ein", sagt Schmitt. Die musikalische Gestaltung übernimmt das Ensemble Interface aus Frankfurt, das für ungewöhnliche und experimentelle Zugänge steht. Die Musiker arbeiteten schon mit so berühmtem Komponisten wie Peter Eötvös, Brian Ferneyhough oder Beat Furrer zusammen. Sie sitzen nicht in einem Graben, sondern agieren auch auf der Bühne, etwa als die Stimmen der Verstorbenen.

Es ist kein Stück, das für die Abschaffung der Todesstrafe werben soll, es geht um Größeres: um Rache und Vergebung, um Gefangennahme und Freiheit. Als Schmitt, Leuschner und Finger aus dem Gefängnis kamen, fuhren sie als erstes zu einem See, schwimmen. "So klischeehaft das klingt", sagt Schmitt, "ich merke, dass ich Freiheit mehr wertschätze."

Requiem für einen Lebenden ; Uraufführung, Sonntag, 21. Juli, 20 Uhr, Reithalle, Heßstraße 132