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Uraufführung:Sinnlichkeit und Askese

Die Philharmoniker spielen Dieter Ammanns Auftragswerk

Von Egbert Tholl

Vor Jahren bekam der Schweizer Komponist Dieter Ammann den Auftrag, ein Klavierkonzert zu schreiben, drei Jahre später war es fertig. Ammann ist kein Hudler, auch wenn ihm sechs Institutionen aus Taiwan, Boston, Wien und der Schweiz im Nacken sitzen, lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen. Und darunter noch die Münchner Philharmoniker. Die waren am Auftrag beteiligt, nun spielten sie sein Klavierkonzert, Susanna Mälkki dirigierte, Andreas Haefliger spielte den Solopart wie bei der Londoner Uraufführung im Sommer vergangenen Jahres.

Ammann hat eine profunde Vergangenheit im Jazz, legt aber Wert darauf, dass sein Komponieren damit wenig zu tun habe. Verleugnen beim Hören will man indes diese Vergangenheit nicht, auch wenn er elaborierte Sätze zu seinem Werk schreiben kann: "Die Kraft der Dramaturgie und damit zusammenhängend eine kohärente Zeitgestaltung bilden eine Klammer, in der sich eine kontrastreiche Topographie entfaltet, wobei die unterschiedlichen strukturellen Elemente in einen fruchtbaren Diskurs zu treten imstande sind." Man ahnt, der Mann ist extrem genau in dem, was er aufschreibt, wie er es meint, denkt. Und: Er hat, bei aller Sinnlichkeit des Moments, etwas Asketisches an sich.

Bei einem Riesenapparat, der scheppert, hämmert, immer wieder in staubtrockene Eruptionen ausbricht, die Mälkki mit emphatischer Akkuratesse organisiert, mag Askese eine befremdliche Assoziation sein. Sie rührt daher, dass Ammann sein Werk nie teleologisch baut, sondern beruhend auf einer Kette gänzlich unsentimentaler Klangereignisse. Die Struktur ist eine der Klangdynamik, voller interessanter Ideen, die eine stärkere Emanzipation des Klavierparts gut vertrügen. Doch der geht meist mit einem ausgeklügelten Schlagwerk einher, mithin wird das Klavier selbst meist als perkussiv begriffen. Dreimal spielt Haefliger solo, das klingt dann wie von Keith Jarrett oder beruht auf monothematischen Ideen. Ammann begreift Material völlig unideologisch, am Ende gibt es ein obertöniges Streicherschweben, das in ein Grollen wie ein sich entfernendes Gewitter mündet. Vor dem Klavierkonzert gibt es das "Lohengrin"-Vorspiel als hart erarbeiteten Zauber, danach Strauss' "Zarathustra", eher protestantisch als wüst.

© SZ vom 11.01.2020

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