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Uraufführung in Salzburg:Die Einsamkeit des Hornisten

"Fragmente - Stille": Bei den Salzburger Festspielen präsentiert das Klangforum Wien eindringliche Musik von Salvatore Sciarrino.

Von MICHAEL STALLKNECHT

Salzburg

In Salvatore Sciarrinos eigentümlichen Klangwelten: der Bariton Otto Katzameier und das Klangforum Wien, dirigiert von Sylvain Cambreling.

(Foto: Marco Borrelli)

Lang gezogene Klagelaute eines Horns erfüllen das Dunkel der Kollegienkirche, als sei ein Musiker des Nachts eingesperrt und oben auf der Orgelempore vergessen worden. "Agitato cantabile" hat Salvatore Sciarrino das Stück für Horn solo genannt, das bei den Salzburger Festspielen im vierten und letzten Programm der Reihe "Fragmente - Stille" uraufgeführt wird.

Der Titel ist ein Widerspruch in sich, denn das erregte "Agitato" geht normalerweise nicht mit dem singenden "Cantabile" einher. Das Widersprüchliche trifft aber ziemlich den Zustand des Komponisten während der vergangenen Monate, den er im Programmheft beschreibt. Der 73-jährige Sciarrino geht hart mit den Corona-Schutzmaßnahmen ins Gericht, kritisiert "die chaotischen Erlässe der Behörden", die oberflächlichen "Statistiken in den offiziellen Medien" und fordert, sich nicht von Angst leiten zu lassen und durch den Zerfall der sozialen Gemeinschaft womöglich fundamentale kulturelle Praktiken zu zerstören. Als Musiker bekennt er zugleich, dass seine Kreativität "als Reaktion auf meine Entrüstung extrem aufgeblüht" sei und die Arbeit ihm die "verlorene Würde" wiedergegeben habe.

Christoph Walder tritt gleichsam mit sich selbst ins Duett

Sciarrino, der in Salzburg nicht anwesend war, gehört zu den meistgespielten Komponisten der Gegenwart. Am 18. März hätte seine jüngste Oper in Klagenfurt uraufgeführt werden sollen. Stattdessen schloss er am 1. Mai in Italien zu Hause festsitzend dieses kurze "Capriccio sulla lontananza" ab, eine Caprice also über die Entfernung. Dieser Untertitel von "Agitato cantabile" erinnert nicht nur an das "Capriccio über die Abreise des sehr geschätzten Bruders", in dem Johann Sebastian Bach mit den Rufen eines Posthorns spielt, sondern gilt auch den raffinierten Echowirkungen, die Sciarrino dem nur wenige Minuten langen Stück eingeschrieben hat. Christoph Walder, Hornist des Klangforum Wien, tritt gleichsam immer wieder mit sich selbst ins Duett, indem er wie stets bei Sciarrino die spieltechnischen Möglichkeiten ausreizen, zwischen höchsten und tiefsten Registern springen muss. Dass ein einsames Horn beim Abrutschen in Glissandi und rasche Figurationen etwas kläglich klingt, passt zur Lage der Zeit. Sciarrino hat wiederholt betont, dass seine Musik kein "l'art pour l'art" sei, sich nicht jenseits der Realität bewege, wenngleich man die Werke kaum politisch nennen würde. Das Horn schmettert nicht zum Protest, es hallt aus dem Raum der Verzweiflung wider, die momentan das Leben vieler Musiker außerhalb der leicht entrückt wirkenden Salzburger Festspielinsel prägt.

Es entsteht eine Musik der leisen, von Stille grundierten Klänge

Auch wenn danach die Bühne der Kollegienkirche hell wird und das Klangforum unter Leitung von Sylvain Cambreling in größerer Besetzung auftritt, verharrt Sciarrinos Musik zunächst im Dunkeln. "Introduzione all'oscuro" heißt das Stück von 1981, in dem zwölf Instrumentalisten Geräusche aus dem Inneren des Körpers aufgreifen, den Atem, das Zittern, den Herzschlag. Für "Quaderno di strada" ("Notizbuch der Straße") stellte Sciarrino dagegen 2003 dreizehn Fragmente aus der Literatur wie aus Zeitungen zu einem Kaleidoskop des Lebens zusammen, das keinen Unterschied zwischen Trivialem und Hochkulturellem macht. Der Bariton Otto Katzameier, schon bei der Uraufführung dabei, singt den dreiviertelstündigen Zyklus in dem Sciarrino-typischen Rezitativstil, bei dem lang gezogene Hauptnoten sich virtuos in viele kleine Nebennoten zerstreuen. Die Komposition gewährt der Stimme viel Raum, lässt sie von den Instrumentalisten nicht begleiten, sondern eher ihre Phrasen imitierend aufgreifen. Daraus entsteht eine Textur der leisen, von Stille grundierten Klänge. Als Abschluss fügt sie sich bestens in die Reihe über Fragmentarisches und Stille in der neueren Musik, die man in Salzburg binnen kürzester Zeit mit erstaunlicher Schlüssigkeit aus dem Boden gestampft hat.

© SZ vom 14.08.2020

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