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Uraufführung in Basel:Brutal schön, aber langweilig

Aufgefangen im Schoß der Kirche, um aufzusteigen in den Salons: Der begabte Julien Sorel (Vincent zur Linden) findet Trost beim Abbé (Michael Gempart).

(Foto: Sandra Then)

Das Theater Basel zeigt Lukas Bärfuss' Roman-Adaption "Julien - Rot und Schwarz".

Von Christine Dössel

Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss, 2019 ausgezeichnet mit dem Georg-Büchner-Preis, ist ein Mann mit brüchiger Biografie. Problemkindheit, vorzeitiger Abgang von der Primarschule, Gelegenheitsjobs als Tabakbauer, Gärtner, Gabelstapelfahrer. Eine Zeit lang lebte der 49-Jährige auf der Straße, bevor er Buchhändler und schließlich ein gefeierter Dramatiker und Schriftsteller wurde; einer, der mit seinen kritischen politischen Einlassungen öfters mal für Kontroversen sorgt und in seiner Heimat als Nachfahre Dürrenmatts, vielen aber auch als Nestbeschmutzer gilt.

Dass der Provokateur Bärfuss in seinem neuen Auftragswerk für das Theater Basel nun keinen eigenen Stoff erzählt, sondern zurückgreift auf den epochalen Roman "Rot und Schwarz" von Stendhal (Klarname: Marie-Henri Beyle) aus dem Jahr 1830, hat mit dieser seiner Biografie zu tun. Lukas Bärfuss liebt Stendhals Roman und hat, wie er kundtat, eine besondere Beziehung zum Protagonisten. Dieser, der hochbegabte Julien Sorel, wächst in der nachnapoleonischen Zeit in ärmsten Verhältnissen auf, wird geschlagen und verkauft und gerät in eine Welt, zu der er nicht gehört, in der er aber, ihre Mechanismen durchschauend und geschickt bedienend, mühelos Karriere macht. Ein Aufsteiger. Ein genialischer Emporkömmling. Ehrgeizig. Verbissen. Undurchschaubar. Er hat ein phänomenales Gedächtnis. Schön ist er obendrein. In dem Stück nennt Madame de Rênal ihn einen "Messias", wenn auch einen "zerstörerischen".

Die Hauptfigur habe viel mit ihm zu tun, erklärt der Dramatiker. Und was mit uns?

Die Schweizer Nachrichtenagentur Keystone-SDA zitiert Lukas Bärfuss mit dem Satz: "Die Figur des Julien hat sehr viel mit mir zu tun." Das Problem an der Basler Uraufführung ist nur: Dieser Theaterabend hat sehr wenig mit uns hier und heute zu tun. Er wirkt wie aus der Zeit gefallen. Das liegt zum einen daran, dass Bärfuss keine aktualisierende, die Romanvorlage ins Heute transformierende Überschreibung des epischen Stoffes geschaffen hat, wie das am selben Haus mit viel Aplomb und Erfolg etwa die Kollegen Simon Stone und Ewald Palmetshofer mit Klassikern gemacht haben - was zu einem Markenzeichen der "Basler Dramaturgie" unter dem Intendanten Andreas Beck wurde. Beck hat, wiewohl er nun in München am Residenztheater waltet, in Basel in dieser Spielzeit noch immer die Leitung.

Lukas Bärfuss' Stück "Julien - Rot und Schwarz" ist, wie sprachlich autark und dialogstark es auch immer sein mag, schlicht eine Adaption des Romans; eng angelehnt an dessen Struktur und Handlungsverlauf, auch stark verhaftet in dessen Gesellschafts-, Hierarchie- und Denkmustern. Zwar gärt bei Bärfuss deutlich eine Umbruchstimmung, die einhergeht mit einer verbalisierten Angst des Adels vor Umwälzung und Machtverlust ("Wir sind umzingelt von Liberalen", fürchtet der Bürgermeister). Doch die Zeit, in der die Geschichte spielt, ist und bleibt die Restauration. Das Personal ist weitgehend aristokratisch, der Ennui groß, der Erkenntnis- wie auch der Lustgewinn gering.

Dass der Abend so einen restaurativen Retro-Look hat, liegt vor allem aber auch an der bieder historisierenden, viel zu brav angelegten Inszenierung von Nora Schlocker. Becks Hausregisseurin - in Basel wie in München - ist eine gute, dem Text ergebne Handwerkerin, das ist auch hier wieder zu sehen, aber selber hat oder traut sie sich nicht so viel zu sagen. Ihre Haltung als Regisseurin ist eine dienende, in diesem Fall auch dekorierende, das Geschehen hübsch ausstaffierende. Die Inszenierung ist in ihrer Optik und konventionellen Erzähltheaterhaltung so gefällig, dass die Basler am Ende ganz aus dem Schauspielhäuschen sind. Es wird frenetisch applaudiert.

Nora Schlocker hat gemeinsam mit ihrem Ausstattungsteam, der Bühnenbildnerin Jessica Rockstroh und der Kostümbildnerin Caroline Rössle Harper, ein liebliches Salongefängnis geschaffen, das sich zu live gespielter Klavier- und Spinettmusik (Simon James Phillips) zwischen den Szenen dreht und dabei enge Zimmer, Wände, Gänge zeigt. Die Wände sind allesamt fensterlos und opulent tapeziert, auch die Türen. Der Clou ist, dass die Kostüme der Handelnden die royal-florale Musterung der Tapeten aufnehmen respektive fortsetzen, so dass die Figuren nicht nur im Raum verhaftet, sondern schier darin zu verschwinden scheinen. Das mag "brutal schön" sein, wie es eine junge Zuschauerin in der Pause beim Schlangestehen auf der Damentoilette formuliert, aber neu ist das nicht, und der Effekt nutzt sich auch schnell ab. Im Wesentlichen herrscht gepflegte Fadesse.

Die Kostüme sind reinster Rokokolores

Die Kostüme: reinster Rokokolores. Die Frauen in Reifrockkleidern; von ihrer Zeit dazu verdammt, nach Verheiratung mit einer guten Partie und Gewährleistung von Nachkommenschaft in Langeweile zu versauern. Trotzdem oder vielleicht deshalb gilt ihnen an diesem Theaterabend das stärkste Augenmerk. Was im Text schon angelegt ist, nämlich dass die Damen hier schnippische, begehrende, zum Denken, zur Sexualität und zur eigenen Willens- und Lustdurchsetzung fähige Wesen sind, reizen Germaine Sollberger (als Wäscherin Elisa), Friederike Wagner (Freundin des Hauses) und Leonie Merlin Young (die am Ende von Julien geschwängerte Mathilde) lustvoll aus. Vor allem aber Julischka Eichel in der Rolle der Bürgermeistergattin Madame de Rênal sticht mit kokettem Selbstbewusstsein hervor. Wie arrogant abweisend zuerst, dann immer spitzer, aufgekratzter, lüsterner sie diese für Julien entbrannte Louise spielt, ist superb. Julischka Eichel an- und ihr zuzusehen, ist die größte Freude an diesem Abend. Schade, dass sie im zweiten Teil, der beim Marquis de la Mole in Paris spielt, nicht mehr vorkommt - außer in den von der Regisseurin an den Schluss gesetzten Albtraumsequenzen, einem flackernden Bilderreigen vor Juliens Hinrichtung als Louises Mörder.

Julien, Sohn eines "Brettersägers", von klein auf ein Außenseiter und Büchernarr, ausgestattet mit kaltem Herzen, ist bei Vincent zur Linden kein Charismatiker, kein Sympathieträger. Vielmehr sieht er aus wie ein verschlagener Priesterseminarist oder Lebenspraktikant. Streng, schmächtig, glatt wie ein Fisch. Man kann ihm zusehen, wie er andere studiert und kopiert, stets auf seinen Vorteil bedacht. Für die Leute, denen er begegnet und imponiert, ist er eine Projektionsfläche für ihre Sehnsüchte, Wünsche und Ängste.

Der alte Abbé, den das Schweizer Urgestein Michael Gempart mit tattriger Marionettenhaftigkeit spielt, rettet Julien aus den schlagenden Händen des Vaters in den Schoß der Kirche. Dass der Junge die Bibel auswendig kann, bringt ihm einen Job als Hauslehrer bei Monsieur de Rênal ein. Der ist bei Martin Butzke ein hochnervöser Besitzstandwahrer, der als Symbol für das Damoklesschwert der kommenden Zeit mit einem Beil durch den Salon hetzt.

Schauspielerisch ist die Inszenierung feiner als in ihren äußerlichen Aufdringlichkeiten. Holger Bülow tänzelt zum Beispiel einen wunderbar weichen, bleichen, intelligent-dekadenten Marquis am Rande des Nervenzusammenbruchs hin, der weiß, was die Stunde geschlagen hat: "Ich kann nichts mehr werden ... Ich bin der Endpunkt der Entwicklung." In Zukunft würden Menschen wie Julien das Sagen haben, tüchtige, kalte Maschinen. In Wahrheit haben diese Basler Figuren gar keine Zukunft, noch verweisen sie auf eine. Man kann und wird sie vergessen.

© SZ vom 20.01.2020
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